Veränderungen in Stadt und Branche

„Vergesst den Spaß nicht!“ - Lokalredakteur Manfred Klein zieht Bilanz

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Nach 36 Jahren Lokaljournalismus als Redakteur in Rotenburg gönnt sich Manfred „Manni“ Klein nun eine wohlverdiente Auszeit – um gleichzeitig anzukündigen, hier und da weiter auf der Suche nach guten Geschichten unterwegs zu sein.

Rotenburg - Von Guido Menker. Ein Urgestein verlässt die Bühne: Lokalredakteur Manfred Klein geht in den Ruhestand. Seit 1982 war Klein für die Rotenburger Kreiszeitung in verschiedenen Funktionen tätig, wie kaum ein anderer kann er die Veränderungen in der schnelllebigen Medienbranche auch im lokalen Bereich beurteilen. Was hat sich in der Berichterstattung und in der Stadt in den vergangenen Jahren geändert? Zum Abschied hat die Redaktion beim Kollegen mal nachgefragt.

Manfred, jetzt warst du so lange als Redakteur bei der Kreiszeitung sowie beim Journal beschäftigt. Wie sehr wird dir diese Arbeit fehlen?

Manfred Klein: Alles hat seine Zeit. Die Arbeit hat ihre Zeit. Die Ruhe hat ihre Zeit. Künftig ist Letzteres angesagt, also Entschleunigung. Allerdings ziehe ich mich nicht einfach aufs Altenteil zurück. Ich weiß gar nicht, wo das liegt. Heißt: Ich bin ja nicht aus der Welt und werde auch in Zukunft dann und wann bereit sein, journalistisch wirksam zu sein für die Kreiszeitung, für die Redaktion, für die Leser, für die Kunden des Hauses.

Lokalredakteure sind Allrounder – sie tanzen inhaltlich auf vielen Hochzeiten. Welche „Tänze“, also welche Bereiche, haben dir in all diesen Jahren am meisten Freude bereitet und wem bist du dabei mal besonders auf die Füße getreten?

Klein: Was mir am Lokaljournalismus Freude bereitet hat und immer noch Freude bereitet, ist die Vielfalt der Geschehnisse, Ereignisse, Events und gerade auch der kleinen Randnotizen, die allesamt das Leben in der Region ausmachen. Darüber zu berichten, war und ist mir eine Ehre. Ich bin Teil der Gesellschaft, Teil dessen, worüber ich berichte. Wenn ich jemandem mal auf die Füße getreten bin, dann war das sicher notwendig.

Wie bist du eigentlich damals bei der Rotenburger Kreiszeitung gelandet?

Klein: Ich komme aus Unterfranken vom Main-Echo, reportierte im Raum Miltenberg am Main, Marktheidenfeld und Lohr am Main. Mir war es zu eng geworden in den Berg-Tal-Landschaften, ich wollte raus, die Welt entdecken und erobern. Das war Ende 1981. Ich hatte mir diesbezüglich verschiedene Regionen in Deutschland angesehen, und bewarb mich unter anderem auch in Rotenburg. Für Rotenburg sprachen auch private Gründe und die Nähe zu den Städten Bremen, Hamburg und Hannover.

Du kommst aus Bayern, und es hat dich in den Norden verschlagen. Wie groß war der kulturelle Schock, und wie hast du ihn überwunden?

Klein: Etwa drei Jahre habe ich gebraucht, um die Mentalität der Norddeutschen zu verstehen und letztlich auch anzunehmen. Und ich schlug hier Wurzeln wie eine Kastanie (bin ich im keltischen Baumhoroskop). Ich wurde Norddeutscher, ich bin Rotenburger.

Du verlässt die Redaktion als derzeit dienstältester Redakteur. Was gibst du deinen Kollegen mit auf den Weg?

Klein: Ich habe wundervolle Kollegen. Alle verstehen ihr Handwerk und machen ihre Sache sehr gut. Meine Ratschläge, die ich zurücklasse, klingen banal, sind mir aber wichtig: Leute, vergesst den Spaß nicht und schreibt nur, was ihr verstanden und als Wahrheit erkannt habt. Dann kann euch der Nonsens „Lügenpresse“ wie bisher nie erreichen.

Du hast den Wechsel von einem Zeitalter ins nächste durchlebt. Von der Schreibmaschine zum Computer, von der Analog- zur Digitalkamera, von der Mittagszeitung bis hin zum Online-Portal mit eingebettetem E-Paper. Wie sehr hat dir diese Entwicklung auch mal Bauchschmerzen bereitet?

Klein: Die Entwicklung vom Schreiberling mit Schreibmaschine zum E-Redakteur mit Multifunktions-PC und Hyper-EDV, Laptop und Smartphone finde ich hoch spannend und keine Sekunde langweilig. Die Kreiszeitung hat die Anforderungen der Zeit, wie ich finde, exzellent gemeistert. Und ich war dabei.

Nicht nur die Medienbranche hat sich verändert, auch die Stadt Rotenburg. Was ist heute anders als 1982?

Klein: Ich würde sagen, Rotenburg ist in den letzten 36 Jahren „erwachsen“ geworden. Nach meiner Einschätzung hat sich der Ort mit bodenständig-kreativem Verständnis der Macher und Verantwortlichen eigendynamisch und individuell optimal entwickelt. Die Wümme-Metropole hat als sympathische, norddeutsche Kleinstadt nach innen und nach außen unübersehbar Profil und Gesicht gewonnen. Prädikat: „lebens- und liebenswert“.

Wo hat Rotenburg noch Nachholbedarf?

Klein: In den vorhandenen Gewerbe- und Industriegebieten könnten weitere Betriebsansiedlungen Freude bereiten und Arbeitsplätze schaffen. Weitere Fehlthemen sind gewiss Kino, Diskothek und – wenn es die finanzielle Lage je erlaubt – Stadthalle.

Viele Lokalredakteure denken irgendwann im Laufe ihrer Tätigkeit darüber nach, einmal ein Buch über die Arbeit und die Erlebnisse zu schreiben. Wie würde der Titel deines Buches lauten?

Klein: „Schon gelesen?“ wird ein regionaler Bestseller, weil alle vorkommen, die mir je im Norden über den Weg gelaufen sind.

Du arbeitest und lebst seit Jahrzehnten in der Stadt Rotenburg. Warum ist es dir niemals zu eng geworden hier an der Wümme?

Klein: In Rotenburg und umzu wird einfach alles geboten, was wichtig ist und Relevanz hat für Leben und Zusammenleben. Du musst hier nichts und niemanden vermissen. Mein Verleger Dr. Dirk Ippen sagte mal in einer seiner Samstagsglossen unserer Zeitung sinngemäß: „Wo wir sind, ist der Nabel der Welt“. Das ist absolut zutreffend und richtig. Eines meiner weiteren Bücher heißt dann auch (Arbeitstitel): „Und die Erde ist doch der Mittelpunkt des Universums“. Wo ich bin, Rotenburg, ist meine Mitte der Welt. Es gibt keinen Grund und keinen Anlass, das zu ändern. Und: In der Nähe sind die Großstädte, und die Beziehungen zu Freunden prägen.

Du bist bekannt wie ein „bunter Hund“! Nervt das nicht manchmal auch ein wenig, wenn man ständig, also auch in der Freizeit, von den Lesern angesprochen oder etwas gefragt wird?

Klein: Als Redakteur bin ich wichtiger und maßgeblicher Teil der Gesellschaft und der Leserschaft. Ich schreibe über das, was die Menschen um mich und mich betrifft. Wäre also schlimm, wenn das meine Mitmenschen ignorierten und mich nicht bei jeder Gelegenheit ansprächen auf düt un dat. Und: Als Redakteur bin ich – auch jetzt im Unruhestand – für die Leser da. Immer.

Welche Begegnungen, welche Geschichten, welche Ereignisse sind bei dir besonders hängen geblieben?

Klein: Der größte Hammer war 2006 meine initiierte Aktion mit dem TuS Rotenburg, mit der Kreiszeitung und mit Hoyer-Sponsoring: „Rotenburg dribbelt nach Trinidad“, Bällekicken rund um den Weichelsee zur Fußball-WM in Deutschland mit unseren Gästen aus Trinidad und Tobago, den Socca Warriors, im Hotel Landhaus Wachtelhof in Rotenburg. Mega-Event war auch – in Zusammenarbeit mit dem Kunstverein – die deutsche Erstpräsentation des Künstlers Walter York Koenigstein vom Broadway New York 1992 in Rotenburg. Bürgermeister Bodo Räke damals bei der Vernissage: „Rotenburg erlebt die größte Ansammlung internationaler Prominenz in seiner 800-jährigen Geschichte“. Entscheidend und ein glücklicher Umstand war, dass ich einen Wahlrotenburger und Kunstprofessor der Universität Bremen und meinen späteren Freund Klaus Matthies für die Vermittlung und Transparenz zwischen Kunst und Publikum gewinnen konnte.

Wann und warum hast du eigentlich mal mit einer Geschichte völlig daneben gelegen?

Klein: Gab’s mit Sicherheit. Nicht nur einmal. Ich muss nachdenken...

Warum, glaubst du, ist die Lokalzeitung in Zeiten von Facebook und Co. noch relevant?

Klein: Die Lokalzeitung bewahrt sich auch in Zukunft, das ist meine feste Überzeugung, Relevanz und Bedeutung, ja, Wichtigkeit im gesellschaftlichen Leben. Hier auf dem Lande mehr als in der etwas anonymeren Großstadt. Die Lokalzeitung ist und bleibt die absolut tragfähige und eben glaubwürdige Säule der Kommunikation und Information, an der sich die Menschen in der Region, im Verbreitungsgebiet des Mediums, orientieren können. Zeitung ist verbindlich und verbindend. Das schaffen Facebook und World Wide Web in dieser gesellschaftlichen Verortung vor Ort nie. Punkt.

Du bist leidenschaftlicher Schachspieler. Warum hat ausgerechnet dieses Spiel es dir so sehr angetan?

Klein: Ich bin Mathematiker, mein Hobby ist die Astrophysik. Schach ist mir reine Mathematik und dazu Strategie aus Hirn und Bauch. Schach ist die höchste und reinste Form des Sports, der, will er erfolgreich sein, im Kopf seinen Ursprung nimmt. Eigentlich wollte ich, so mein Plan mit 20, Schachweltmeister werden. Wäre noch’n interessantes Buch.

Warst du auch in deinem Job ein Taktiker, oder hast du dich mitunter auch von Emotionen leiten lassen?

Klein: Leben und Beruf sind – überspitzt formuliert – ein Schachspiel. Taktik und Emotionen zählen, Hirn und Bauch. Dir muss nur klar sein, dass du auch die Figuren deines Gegenüber spielst. Wenn du geschickt bist, gewinnst du die Partie für deinen „Gegner“.

Als Astrophysiker kannst du ja auch in die Zukunft schauen: Wie wird sich die Medienlandschaft verändern?

Klein: Über die Entwicklung der gesamten Medienlandschaft, oh, da sollen sich gern andere Experten auslassen. Ich will und darf nur sagen: Die Lokalzeitung wird noch auf Jahre und Jahrzehnte Bestand haben. Und ich bin sicher, dass sie den Zugang zur jungen Familie, zu jungen Menschen finden wird, um Auflage und wirtschaftlichen Bestand zu sichern. Deshalb sind – neben den alten Hasen – vor allem junge, kreative Köpfe in den Redaktionen gefordert. Mein Tipp: Der Beruf des Journalisten mit Tageszeitungsgeruch muss intensiv in den Schulen propagiert werden. Dann kommt eins zum anderen!

Ganz wichtig aus Sicht deiner Kollegen ist die Frage, was aus den zahlreichen Tippgemeinschaften wird, in denen du nicht nur als Antreiber, sondern auch als Macher fungierst.

Klein: Zielführende Einstellungen stellt man nicht mir nichts, dir nichts ein. Wir müssen auch künftig zulassen, dass uns das Glück erreichen kann. Oder, was war jetzt die Frage?

Was wirst du tun, wenn du einmal den Sechser mit Superzahl schaffst und damit einen Millionengewinn abräumst?

Klein: Wir grüßen dann erstmal freundlich aus der Karibik.

An welchen Stellen im gesellschaftlichen Leben dürfen sich die Rotenburger künftig auf dich freuen?

Klein: Auf deine letzte Frage möchte ich auf das Element der Überraschung verweisen. Wenn Leser aufmerksam ihre Kreiszeitung und ihr Journal lesen, werden sie mich auch künftig dann und wann entdecken. Auch und gerade mit angenehm Überraschendem.

Und wer wird Weltmeister?

Klein: Ich will nicht langweilen, aber ich bin sicher, dass sich Jogi Löws Spieler von Match zu Match steigern können und – hurra! – unsere Nationalmannschaft am Ende wieder, wie vor vier Jahren, Weltmeister wird.

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