Interview

„Lockerungen kamen zu früh“: Chefarzt spricht über Corona und die Lage im Diako

Dr. David Heigener ist Chefarzt des Zentrums für Pneumologie am Diako.
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Dr. David Heigener ist Chefarzt des Zentrums für Pneumologie am Diako.

Rotenburg – Tom Schaberg, der ehemalige Chefarzt des Zentrums für Pneumologie im Diakoniekrankenhaus Rotenburg und Spezialist für infektiöse Lungenerkrankungen, hat sich in dieser Woche bereits mit klaren Worten zur aktuellen Corona-Lage in der Kreiszeitung zu Wort gemeldet. Das Impfen, sagt er, müsse vorangehen. In einem Interview äußert sich Dr. Heigener, jetziger Chefarzt des Zentrums für Pneumologie, zur Situation im Diako.

Herr Heigener, die aktuelle Corona-Lage nimmt dramatische Züge an – bundesweit und auch bei uns im Landkreis. Wie nehmen Sie diese Entwicklung wahr?

Es ist mehr als besorgniserregend. Wir stehen im Landkreis zurzeit noch gut da, das wird aber nicht so bleiben.

Wie erklären Sie sich diese vierte Welle, die die bislang größte ist, wenn man die Inzidenz zugrunde legt?

Aus meiner Sicht gibt es mehrere Gründe. Die Delta-Variante ist um ein Vielfaches ansteckender als zum Beispiel die vorherigen Varianten oder der Wildtyp. Auch sind aus meiner Sicht einige Lockerungen, was zum Beispiel die zugelassene Anzahl an Personen auf Veranstaltungen angeht, zu früh erfolgt.

Was ist denn da in den vergangenen Monaten nur so grundlegend schief gelaufen?

Man hat sich meiner Meinung nach zu sehr auf den Erfolg der Impfkampagne verlassen und dabei außer Acht gelassen, dass auch Geimpfte – zehnmal seltener als Ungeimpfte – das Virus weitertragen können und der Anteil an nicht geimpften Personen noch erheblich ist. Auch mussten wir lernen, dass der Impfschutz vor der Infektion nach etwa sechs Monaten nachlässt.

Was bedeutet die aktuelle Lage in diesen Tagen, aber auch mit Blick auf die kommenden Wochen für das Diako – organisatorisch und auch personell?

Momentan ist die Lage unproblematisch. Mit einem Verzug von zwei bis drei Wochen nach dem steilen Anstieg der Fallzahlen rechnen wir aber mit einer erheblichen Welle behandlungspflichtiger Covid-19-Erkrankungen, insbesondere unter ungeimpften Personen. Wir haben entsprechende Eskalationsszenarien erstellt.

Wie viele Intensivbetten stehen im Diako derzeit zur Verfügung, wie viele davon sind derzeit mit Corona-Patienten belegt?

Das Diako verfügt über 20 Intensivbetten. Das ist die für den Normalbetrieb optimierte Zahl. Die Auslastung liegt im Bereich von 90 Prozent, und das ohne einen Covid-19-Fall zurzeit. Wie gesagt, in Anbetracht der steigenden Fallzahlen wird sich das ändern. Wir rechnen mit einem erhöhten Anfall intensivpflichtiger Covid-19-Patienten.

Wie dramatisch ist diese Lage eigentlich für Sie und Ihre Kollegen und damit auch für die Patienten einzuschätzen?

Insbesondere den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der Pflege wird einiges abverlangt, und die vorigen drei Wellen stecken uns noch in den Knochen. Trotzdem sind die Patienten und Patientinnen bei uns natürlich nach wie vor sehr gut versorgt.

Wie hoch ist der Anteil Ihrer Corona-Patienten, die ungeimpft eingeliefert werden?

Dieser Anteil liegt bei 80 Prozent.

Die Experten setzen auf eine deutliche höhere Impfquote im Kampf gegen Corona.

Viele Krankenhäuser schieben sogenannte planbare OPs. Sie auch? Wie viele OPs werden im Diako verschoben, um welche Art von Eingriffen handelt es sich dabei?

Bisher mussten im Diako keine medizinischen Maßnahmen verschoben werden, wir setzen alles daran, dass wir weiterhin alle notwendigen Maßnahmen mit einem höchsten Maß an Sicherheit durchführen können.

Auch planbare OPs sind wichtig. Klingt vielleicht überspitzt, aber dennoch: Zahlen jetzt womöglich geimpfte Personen, die anderweitig medizinische Versorgungen brauchen, die Zeche für die Ungeimpften, die sich Covid-19 eingefangen haben und schwer daran erkranken?

Genau genommen zahlen die Ungeimpften die Zeche in Form von vermeidbaren, schweren Covid-19-Erkrankungen. Viele müssen auch mit Langzeitschäden wie Belastungsluftnot, Konzentrationsstörungen und Verlust oder Verringerung des Geruchssinns rechnen.

Auf welchem Niveau bewegt sich das Alter der derzeitigen Corona-Patienten im Diako?

Deutlich niedriger als in den vorangegangenen Wellen.

Es muss etwas passieren, das ist fast allen klar. Wie lauten Ihre Forderungen vor allem an die Politik, um der Lage wieder Herr werden zu können?

Weitgehendes Durchsetzen einer 2G-Regel in vulnerablen Bereichen. Außerdem eine auskömmliche Finanzierung der Krankenhäuser, sodass diese auch mit Ausfällen an geplanten medizinischen Maßnahmen nicht in Schieflage geraten.

Es gibt Experten, die eine Impfpflicht für bestimmte Berufsgruppen fordern – nicht zuletzt auch für Ärzte und Pflegepersonal. Wie stehen Sie dazu?

Ich persönlich halte es für nicht verantwortbar, im direkten Patientenkontakt nicht geimpft zu sein, zumal die klassischen „Argumente“ gegen die Impfung einer objektiven Prüfung nicht standhalten. Um zwei zu nennen: „Die Impfstoffe sind nicht ausreichend untersucht“ – es gab nie größere Studien als die, welche zur Zulassung der in Deutschland gängigen SARS-CoV-2-Impfstoffe geführt haben. Das Sicherheitsprofil ist gut bekannt. Und: „Wir wollen abwarten, ob Spätschäden nach der Impfung auftreten“ – es gibt keine Spätschäden nach Impfungen. Die SARS-CoV-Impfstoffe sind nach wenigen Tagen komplett abgebaut, eine Veränderung des Erbgutes ist biologisch nicht möglich.

Was macht es mit Ihnen, wenn Sie von Großveranstaltungen hören, von Treffen vieler Menschen im privaten Bereich, aber auch in Bars und Restaurants – kann das, darf das so weitergehen?

Unter 2G-Bedingungen halte ich private Veranstaltungen für vertretbar, insbesondere, wenn zusätzlich ein aktueller, negativer Test vorliegt. Massenveranstaltungen wie den Karneval in Köln sehe ich sehr skeptisch.

Auch der Ruf nach einer Pflicht zum Homeoffice steht wieder zur Debatte. Richtig so?

Wo immer es möglich ist, würde ich Homeoffice einsetzen. Dabei muss man aber die individuelle Situation der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer berücksichtigen. Nicht für alle ist Homeoffice so einfach umsetzbar.

Homeoffice ist für ein Krankenhaus nur außerhalb des medizinischen Bereiches umsetzbar. Haben Sie noch ausreichend Pflegepersonal zur Verfügung, um die Aufgaben ausreichend erfüllen zu können, oder mussten wegen Personalmangels bereits (Intensiv)-Betten abgebaut werden?

Tatsächlich ist die Anzahl betriebener Betten im Diakonieklinikum durch die Anzahl der Pflegenden limitiert. Wir setzen alles daran, in diesem Bereich mehr Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu gewinnen.

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