Interview

Lisan Wieberneit erkrankt schwer an Covid-19 und kämpft mit den Folgen

Lisan Wieberneit
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Nach ihrer Covid 19-Erkrankung kann Lisan Wieberneit fünf Monate nicht arbeiten. Mitte Juni beginnt ihre Wiedereingliederung.

Zeven – Sie ist 24 Jahre jung, gesund und sportlich – und deshalb war sich Lisan Wieberneit sicher, dass ihr Körper eine Infektion mit dem Coronavirus schon irgendwie wegstecken würde. Die Zevenerin sorgte sich seit Ausbruch der Pandemie vor allem um die Risikopatienten in ihrer Familie. Anfang des Jahres erkrankte die Erzieherin aber selbst schwer an Covid-19. Auch heute noch, fünf Monate später, kämpft sie mit den Folgen.

Frau Wieberneit, bevor Sie an Covid-19 erkrankt sind, waren Sie ein junger, aktiver und gesunder Mensch – hatten Sie Angst davor, sich anzustecken?

Zu Beginn der Pandemie war meine Angst schon noch groß, mich selbst zu infizieren und womöglich einen schweren Verlauf zu haben. Irgendwann habe ich mich aber selbst beruhigt und gedacht: Selbst wenn ich Covid-19 bekommen sollte, werde ich das schon gut verkraften und nicht so extrem damit zu tun haben wie leider viele Alte oder Kranke. Es heißt ja schließlich immer, dass junge Menschen selten einen schweren Verlauf haben.

Also hatten Sie fortan mehr Sorge um die älteren Menschen in Ihrem Umfeld?

Ja, ganz genau. Ich hatte, nein, ich habe zum Beispiel Angst um meinen Papa und meine Oma, weil diese selbst Risikopatienten sind. Aber auch allgemein um meine Familie.

Dann sind Sie aber selbst erkrankt. Wann war das?

Gleich zum Jahresstart. Mein positives Testergebnis habe ich am 6. Januar bekommen.

Konnten Sie nachvollziehen, bei wem Sie sich angesteckt haben?

Ja, denn mein Freund war selbst erkrankt. Er hatte sich bei seiner Arbeit in einem Altenheim angesteckt.

Hatten Sie sich an die Hygieneregeln gehalten?

Ja, da sind wir beide sehr konsequent, sowohl auf der Arbeit, als auch privat. Wir haben die Kontakte stark reduziert und eine Mund-Nasenbedeckung getragen, wenn es vorgeschrieben ist.

Wie ging es für Sie nach der Diagnose weiter?

Weil mein Freund vor mir erkrankt war und ich natürlich eine seiner Kontaktpersonen bin, war ich bereits mit ihm in Quarantäne, als ich meine Diagnose bekommen habe. Nach Bekanntgabe des Testergebnisses musste ich dann meine Kontaktpersonen angeben, sowohl privat als auch dienstlich. Ich war weiter in Quarantäne und langsam ging es mir immer schlechter.

Wie haben Sie die Zeit in Quarantäne verbracht?

Die ersten drei Tage lag ich nur im Bett und habe, etwas überspitzt ausgedrückt, komplett durchgeschlafen. Danach habe ich es immerhin aufs Sofa geschafft. Ich konnte so gut wie nichts selbst erledigen und war auf meinen Freund angewiesen. Er musste mir so gut wie alles abnehmen, obwohl es ihm auch nicht gut ging. Er hat gekocht, geputzt und sich um die Katze gekümmert.

Welche Symptome hatten Sie?

Es fing an mit leichtem Halskratzen, etwas Fieber und starken Gliederschmerzen – besonders die Hüfte und mein Rücken machten mir große Probleme. Danach kam Schwindel dazu, Appetitlosigkeit, Geruchs- und Geschmacksverlust. Außerdem bekam ich starkes Herzrasen, wenn ich länger als drei Minuten stand. Ich hatte Atemnot und Beklemmungen, war sehr schlapp. Ich konnte mich nicht länger als fünf Minuten konzentrieren. Zwei Monate ging das so. Dann wurde es langsam etwas besser – aber nur bis zu einem gewissen Punkt, an dem die Entwicklung dann stagnierte. Ich war vorher aktiv, sportlich und unternehmungslustig. All das war weg. Ich habe mich selbst unter Druck gesetzt und in mir baute sich die Angst auf, dass es nie wieder gut werden könnte, nie wieder so wie vor der Erkrankung.

Wie lief Ihre Behandlung ab?

Meine Hausärztin war sehr engagiert und hat mich täglich angerufen, um sich nach mir zu erkundigen. Ich konnte lange nicht viel mehr machen, als mich auszuruhen. Medikamente gegen Corona gibt es ja nicht. Es geht also nur darum, die Symptome zu lindern. An einem Tag ging es mir dann so schlecht, dass mich meine Hausärztin ins Krankenhaus eingewiesen hat. Ich wurde aber gleich wieder entlassen, weil ich zum Glück keine Lungenentzündung hatte und auch nicht beatmet werden musste. Nachdem meine Quarantänezeit beendet war, habe ich die Zeit genutzt, um wenigstens hin und wieder mal spazieren zu gehen.

Wie hat Ihr Umfeld auf die Erkrankung reagiert?

Sie haben damit gerechnet, dass ich mich auch angesteckt habe, nachdem mein Freund sein Ergebnis bekommen hatte. Als ich dann aber selbst erkrankte, waren sie trotzdem erst einmal geschockt. Bis dahin war das Coronavirus so weit entfernt. Wir kannten bis dahin niemanden persönlich, der Covid-19 hatte.

Wie hat es sich für Sie angefühlt, eine Gefahr für andere zu sein?

Ich bin sehr erleichtert darüber, dass ich selbst niemanden angesteckt habe. Die Gefahr war bei mir zum Glück nicht so groß, denn meinen Freund konnte ich ja nicht mehr anstecken – und ansonsten waren wir sowieso in Quarantäne und haben die Zeit allein in seiner Wohnung verbracht. Alle meine Kontaktpersonen, die ich angegeben habe, waren deshalb wie erwartet negativ.

Was war Ihre größte Sorge während Ihrer Erkrankung?

Ich hatte am meisten Angst davor, eine Lungenentzündung zu bekommen und beatmet werden zu müssen. Und weil es mir lange schlecht ging, habe ich befürchtet, in nächster Zeit nicht fit zu werden.

Wann haben Sie gemerkt, dass Sie handeln müssen?

Das war Mitte März. Ich wollte eigentlich endlich wieder meinem Job nachgehen. Aber ich habe schnell gemerkt, dass ich das noch nicht kann, mein Kreislauf brach zusammen und ich fühlte mich schlecht. Es dauerte eine Woche, bis ich wieder einigermaßen Luft bekam. Ich habe es versucht, aber zum Arbeiten fehlte mir die Kraft.

Um wieder fit zu werden, haben Sie dann eine mehrwöchige Reha in Bad Bentheim gemacht. Wie sah das Programm dort aus?

Ich war auf der kardiologischen Station und habe unter Aufsicht ein umfangreiches Sportprogramm gemacht. Dazu gehörten ein monitorüberwachtes Ergometertraining, Thoraxotomiegruppen und Übungsgruppen. Ich hatte spezielles Atemtraining und Krankengymnastik, um die Atemtechnik zu verbessern, außerdem viele Untersuchungen wie Belastungs-EKG, Spiroergometrie, Ultraschalluntersuchungen des Herzens und Lungenfunktionstest.

Warum waren die weiteren Patienten dort?

Mit mir waren hauptsächlich Herzinfarktpatienten dort zur Reha, fast alle über 50 Jahre alt. Einige Patienten hatten zuvor eine Lungenembolie oder eine Öffnung des Thoraxes wegen Herzproblemen.

Welche Fortschritte haben Sie während der Reha gemacht?

Meine Kondition wurde stetig besser und die Atemprobleme nahmen ab. Ich habe mir Stück für Stück wieder selbst mehr zugetraut, da ich gemerkt habe, dass mich das Training dort weiterbringt. Ich hatte das Gefühl, dass ich dort in guten Händen und unter Beobachtung bin, falls etwas passiert.

Bis jetzt sind Sie noch krankgeschrieben. Wann sind Sie wieder fit genug, um wieder als Erzieherin zu arbeiten?

Seit Abschluss der Reha in Bad Bentheim bin ich nun noch drei Wochen zu Hause. Ab dem 14. Juni beginnt dann endlich meine Wiedereingliederung.

Wie läuft der Einstieg ab?

Es gibt einen mehrstufigen Plan. In den ersten beiden Wochen werde ich täglich nur drei Stunden arbeiten, dann steigere ich mich auf fünf Stunden am Tag. Wenn alles gut läuft, kann ich dann nach vier Wochen wieder voll einsteigen. Darauf freue ich mich nach der langen Zeit sehr.

Wie geht es Ihnen heute?

Seit der Reha fühle ich mich viel besser. Ich mache mein Sportprogramm zu Hause weiter und achte auf meine Atmung. Ich konnte sehr viel mitnehmen und bin dem Team dort sehr dankbar.

Wie denken Sie aus heutiger Sicht über Covid-19, und was entgegnen Sie jungen Leuten, die meinen, aufgrund ihres Alters davor geschützt zu sein, schwer zu erkranken?

Covid-19 kann jeden treffen. Egal wie fit oder wie alt derjenige ist. In der Reha haben mir die Ärzte erzählt, dass immer mehr junge Leute Langzeitprobleme durch die Erkrankung haben und die Patienten jünger werden. Niemand ist davor sicher und man sollte die Erkrankung auf keinen Fall auf die leichte Schulter nehmen.

Beruhigen Sie die sinkenden Inzidenzzahlen?

Es ist schön, dass sie im Moment sinken und wir wieder ein Stück Normalität zurückhaben. Aber die Menschen sollten trotzdem vorsichtig bleiben und aus dem vergangenen Jahr lernen. Es wäre meiner Meinung nach falsch, etwas zu überstürzen, denn auch die Impfungen geben keine 100-prozentige Sicherheit und schützen nicht vollständig davor, zu erkranken.

Werden Sie sich impfen lassen, obwohl Sie genesen sind?

Ja, nach der Erfahrung, die ich gemacht habe, werde ich das auf jeden Fall tun. Ich musste dafür jedoch ein halbes Jahr warten, da die selbst gebildeten Antikörper laut Aussagen der Ärzte etwa ein halbes Jahr vor einer weiteren Erkrankung schützen. Sie haben mir dazu geraten, mich Ende Juli einmal impfen zu lassen.

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