1. Startseite
  2. Lokales
  3. Landkreis Rotenburg
  4. Rotenburg (Wümme)

Lipödem: Eine Krankheit mit 1000 Gesichtern

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Ann-Christin Beims

Kommentare

Genau ein Jahr nach ihrer ersten Operation ist Laura Wichern unendlich erleichtert – in doppeltem Sinn: 19 Liter kranke Fettzellen haben ihren Körper verlassen.
Genau ein Jahr nach ihrer ersten Operation ist Laura Wichern unendlich erleichtert – in doppeltem Sinn: 19 Liter kranke Fettzellen haben ihren Körper verlassen. © Beims

Zunehmen, aber nicht abnehmen können? Ein Problem, das sicher viele Frauen kennen. Nur wenige wissen, dass dahinter eine Krankheit stecken könnte. So wie bei Laura Wichern, bei der es zehn Jahre bis zur Diagnose Lipödem dauerte. Heute klärt sie darüber via Instagram auf.

Bothel – Dass irgendetwas nicht in Ordnung ist, spürt Laura Wichern schon vor Jahren. „Ich hatte Wassereinlagerungen am ganzen Körper, Abdrücke von Hosen und Socken, selbst von leichten Hosen. Ich war aufgequollen im Gesicht“, erinnert sich die Bothelerin. Sie nimmt über die Jahre zu, aber nicht ab. Sie hat Schmerzen. Was sie nicht weiß: Es sind Symptome eines Lipödems, einer krankhaften Fettverteilungsstörung. Lange erkennt auch kein Arzt, was mit Wichern los ist. „Viele nehmen das nicht ernst oder wissen zu wenig über das Thema“, kritisiert die 31-Jährige. Das möchte sie ändern und nutzt das Soziale Netzwerk Insta-gram als Sprachrohr.

Als „mrs_lipoedem“ spricht sie seit ihrer Diagnosestellung ganz offen über ihre Krankheit, zeigt Fotos von sich in verschiedenen Situationen. Sie erklärt, motiviert und beschreibt ihre Erfahrungen mit den Behandlungen mit Kompression und Lymphdrainage bis hin zur Liposuktion, der Operation, mit der die kranken Fettzellen abgesaugt werden. „Und ich will zeigen, dass man sich nicht verstecken muss!“

„Ich war machtlos“

Etwa jede zehnte Frau leidet unter der chronischen Fettverteilungsstörung, vermuten Fachärzte. Viele Frauen wissen es nicht. Es mangelt an Aufklärung. Daher versucht Wichern, das über ihren Instagram-Kanal mit zu ändern. Je früher die Krankheit erkannt wird, desto besser, sagt sie. Denn wer ein Lipödem hat, kann nicht einfach durch Sport und Ernährung das krankhafte Fett loswerden. „Ich war machtlos, weil ich nichts von der Diagnose wusste.“

Bis zu dieser ist es ein langer Weg. Mit Anfang 20 ist Wichern das erste Mal wegen ihr unerklärlicher blauer Flecken beim Hausarzt. „Schwerer als andere war ich schon immer“, meint sie. Dann aber nimmt sie plötzlich in kurzer Zeit schnell zu. Egal ob Sport oder gesunde Ernährung: Das zusätzliche Gewicht bleibt. Wichern geht zum Gynäkologen. Die getesteten Werte sind auch da unauffällig. Aber sie bleibt hartnäckig. „Ich hatte zum Glück einen Hausarzt, der mich ernst genommen hat. Das hat man leider nicht immer.“ Da Adipositas oft eine Begleitfolge ist, hören Betroffene oft lapidar: Machen Sie mehr Sport und essen Sie gesünder. „Es gibt aber Frauen, die fast untergewichtig sind und ein Lipödem haben.“ Es ist eine „Krankheit mit 1 .000 Gesichtern“, weiß die 31-Jährige.

Ihr Hausarzt überweist Wichern weiter zum Endokrinologen, zum Nephrologen – auch sie finden nichts. Als sie schwanger wird, nimmt sie innerhalb von zwei Wochen 14 Kilogramm zu. Eine starke Belastung für ihren Körper: „Da hat mein ganzes Lymphsystem versagt“, erinnert sie sich. Die Bothelerin ist nach der Schwangerschaft noch disziplinierter – doch an ihrem Körper verändert sich nichts. „Von dieser Umstellung hat er sich nie erholt.“

Als nächstes geht sie zur Kardiologin. Und diese hat endlich den erlösenden Tipp: „Das wird ein Lymphödem sein!“ Zwei Jahre, nachdem sie ihre Ärzte-Odyssee begonnen hat und zehn Jahre nach den ersten blauen Flecken, bekommt Wichern in einem Gefäßzentrum die sichere Diagnose: Lipödem Stadium II an Armen und Beinen, sowie ein Ganzkörperlymphödem. „Die haben es sofort erkannt.“

Die Beine von Laura Wichern vor und nach der Operation.
Der Arzt zeichnet an, wo er die kranken Fettzellen absaugen wird. Nach der Operation ist ein deutlicher Unterschied bei Laura Wichern zu sehen. © Wichern

So wie ihr geht es vielen Frauen, weiß Wichern aus unzähligen Gesprächen über Instagram. Viele werden nicht ernst genommen, ernten mitunter negative, hämische, verletzende Kommentare zu ihrem Körper. Selbst Gynäkologen, die Ärzte, an die sich Frauen oft zuerst wenden, erkennen nicht immer, wenn es ein Lipödem ist. Viele Frauen verfallen in Depressionen.

Dabei gibt es Symptome, die auf ein Lipödem hinweisen können: Neigung zu blauen Flecken, Druckschmerz, schwere Beine, dellige Haut, wenig bis gar kein Diäterfolg oder ein ungleich proportionierter Körper beispielsweise. Pubertät, Schwangerschaft, Wechseljahre oder extremer Stress können Auslöser sein. Die Krankheit betrifft vor allem Frauen und kann vererbt werden. „Rückblickend ist mir einiges klar geworden“, sagt Wichern. „Man kann sogar den Unterschied zwischen gesundem und krankem Fett spüren. Die Haut ist uneben und dellig. Das Gewebe ist massiv gestaut, und das sorgt für Druckschmerz.“

Entscheidung für die Operationen

Während mit der Diagnose für viele Frauen eine Welt zusammenbricht, ist Wichern erleichtert: Sie weiß jetzt, gegen was sie kämpfen muss – und wie. „Man muss sich daran gewöhnen, mit der Krankheit leben lernen. Das ist ein Prozess.“ Sie bekommt Kompressionen, macht Lymphdrainagen. Das schafft Linderung, verringert die Schmerzen. Die Fettzellen aber bleiben. Wichern achtet erneut noch stärker auf ihre Ernährung und macht Sport. Sie bekommt ein zweites Kind. Jetzt weiß sie zwar, was sie erwartet. Besser wird es dennoch nicht. Irgendwann wird alles zu viel. „Man setzt sich so unter Druck, aber nichts funktioniert. Ich bin gelaufen wie eine Schnecke und konnte nicht mal meine Kinder tragen“, sagt Wichern. Ständig sind ihr Arme oder Beine eingeschlafen.

Sie entscheidet sich für den Weg der Liposuktionen. „Die kranken Fettzellen müssen radikal abgesaugt werden, damit sie sich nicht mehr vermehren können“, sagt Wichern. Trotzdem kann es manchmal wiederkommen. Das Lipödem ist zudem tückisch: Patientinnen, die es in den Oberschenkeln hatten, können nach der Operation plötzlich eines in den Armen bekommen.

Ich will zeigen, dass man sich nicht verstecken muss!

Laura Wichern

Ohnehin ist die OP nicht für jede Frau der richtige Weg, weiß Wichern. Denn auch, wenn es nicht von alleine verschwindet: „Mit der Diagnose kann man es positiv beeinflussen. Manche können ohne Operation fast schmerzfrei leben. Aber das bedeutet Disziplin, man kann nicht nichts tun.“ Das große Hindernis aktuell ist auch, dass die Krankenkassen die teure Operation erst ab Stadium III übernehmen – und auch nur, wenn bestimmte Kriterien erfüllt sind. Dabei kann sie den Betroffenen Linderung und Lebensqualität verschaffen.

Zudem sollte man darauf achten, an welche Klinik man sich wendet, rät Wichern. „Viele machen Versprechen, die nicht erfüllbar sind.“ Sie hat jetzt vier Operationen in neun Monaten hinter sich. „Es war wie ein Neustart“ – trotz der Schmerzen und Hilfe, die sie über Wochen benötigt hat. Das darf man nicht unterschätzen, warnt sie. Ohne den Rückhalt ihrer Familie und Freunde wäre es nicht gegangen – gerade mit kleinen Kindern.

Aufpassen muss sie dennoch weiterhin, trägt auch noch ihre Kompression. „Mein Weg geht weiter“, betont die 31-Jährige. Doch es sind die vielen kleinen Dinge: Sie kann ihre Kinder auf den Arm nehmen, schmerzfrei laufen. „Deswegen wünsche ich mir mehr Aufklärung unter Ärzten und dass Krankenkassen die Operation früher übernehmen.“ So benötigt eine Patientin in Stadium 1 viel weniger OPs, auch Hautstraffungen fallen meist weg. „Das Thema kann nicht genug Aufmerksamkeit bekommen. Hätte ich es früher gewusst, wäre es vielleicht nie so schlimm geworden.“

Kommentar von Ann-Christin Beims

Es kostet manchmal unheimlich viel Mut, sich mit seinem Körper im Internet zu präsentieren. Ganz besonders, wenn man nicht gerade eine Größe 36/38 trägt. Hämische, fiese Kommentare unter der Gürtellinie gibt es schon außerhalb des Internets für kurvige Frauen zur Genüge. Ein schräger Blick, dann ein schnelles Getuschel mit der Freundin – viele Frauen wissen genau: Da wird gelästert. Doch in der Anonymität der Sozialen Netzwerke fühlt sich manch einer noch mehr bemüßigt, anderen seine ungebremste Negativ-Meinung auch noch direkt vor den Latz zu knallen. „Die soll einfach mal weniger fressen!“ – „Also wenn ich SO aussehen würde, würde ich mich nicht in die Öffentlichkeit trauen!“ Das sind nur ein paar von den sogar noch harmloseren Kommentaren, die ich schon unter manch einem Foto einer kurvigen Frau entdeckt habe. Ganz unabhängig davon, was sie für andere tolle Attribute haben mochte – tolle Augen, süßes Lächeln, kluger Kopf – wurde sie nur auf ihre überzähligen Kilos reduziert.

Natürlich gibt es auch viele nette, unterstützende, motivierende Kommentare. Die will ich gar nicht verschweigen, denn die sind zum Glück auch meist in der Mehrheit. Aber schon ein wohlplatzierter Seitenhieb im falschen Moment kann eine Frau tief treffen, die vielleicht ohnehin schon verunsichert ist. Jemand, der ein paar Kilo mehr auf den Rippen hat, weiß das. Entweder ist er selbstbewusst genug, dazu zu stehen, oder solche Kommentare lösen nur noch mehr Selbstzweifel aus, bis hin zu Depressionen. So oder so: Verletzende Kommentare sind völlig fehl am Platz. Immer.

Ganz abgesehen davon, dass ich mich frage, was in den Köpfen solcher Menschen nicht ganz richtig funktioniert, vergessen sie scheinbar, was sie damit anrichten können. Man kann Menschen, die man nicht persönlich kennt, nur bis vor den Kopf gucken. Wer kurviger ist, ist es nicht immer, weil er einfach zu viel gegessen hat. Manchmal steckt eine Krankheit dahinter. So eine wie das Lipödem, das kranke Fettzellen produziert. Fettzellen, die sich nicht mal eben durch disziplinierte gesunde Ernährung und Sport einfach abbauen lassen. Die Betroffenen – fast nur Frauen – nehmen ungewollt zu. Teilweise wissen sie selber nicht einmal, dass sie diese Krankheit haben. So wie Laura Wichern. Zu unbekannt ist das Thema noch. Und entsprechend wissen sie nicht, was sie dagegen machen können. Genau da setzt Laura Wichern an: Sie hat selber jahrelang nicht gewusst, was mit ihrem Körper los ist. Mit der Diagnose ist dann aber ihr Kampfgeist erwacht: Sie will nicht nur sich selbst, sondern auch anderen Frauen helfen. Sie will aufklären, damit anderen Frauen ihr langer Weg erspart bleibt. Und sie ist auch ein mahnendes Beispiel: dass man nämlich den Menschen wirklich nur bis vor den Kopf gucken kann und niemals weiß, was dieser vielleicht durchmacht. Ihre Geschichte ist auch ein Anstoß, mal über das eigene Verhalten und Vorurteile nachzudenken.

Auch interessant

Kommentare