Liebeserklärung an eine Unfassbare

Dennis Gastmann nähert sich in seiner Lesung einem facettenreichen Japan

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Dennis Gastmanns selbst gedrehte Filme ließen seine Erzählungen noch plastischer werden.

Rotenburg - Da war VHS-Leiter Michael Burgwald am Freitagabend ein veritabler Coup gelungen: Zu Gast war zwar nicht der „Vorletzte Samurai“, wohl aber der Autor des gleichnamigen Buchs, der Journalist Dennis Gastmann. Sonst mit seinem jüngsten Werk eher vor größerem Publikum oder gleich im Radio oder Fernsehen zu erleben, gab der Hamburger im Kantor-Helmke-Haus vielschichtige Einblicke in seine sehr persönliche Japanreise.

Die war nämlich nicht nur journalistische Recherche, sondern auch Hochzeitsreise und Antrittsbesuch bei der Familie seiner halbjapanischen Frau. Seine Frau habe er jedoch nicht wegen der Story geheiratet, versicherte Gastmann glaubhaft. Seine Eindrücke hat er in einem Kaleidoskop von Geschichten verarbeitet, widersprüchlich, bildhaft, faszinierend. Vom Pagodenhaus der „knienden Frauen“ zwischen Papierwänden auf Reisstroh“ inmitten aller Wolkenkratzer, von Betrunkenen in einer Kneipe, „die seit 30 Jahren darauf warteten, dass mal ein Ausländer vorbeikommt“ oder dem Besuch im schrillen „Robotrestaurant“. Gerade hier offenbart sich der besondere, zuweilen philosophische Blick, das Hineinversetzen ins Gegenüber, die Frage: Wie sehen die anderen uns?

Gastmann trifft den Nerv

Der jungenhafte Charme, der lockere Plauderton sollten nicht darüber hinwegtäuschen: Der ehemalige Autor des NDR-Satiremagazins „Extra 3“ ist ein verdammt guter Beobachter, ein Meister poetischer Bilder mit feinem Näschen für Skurillitäten abseits des Mainstreams. Dann ist er wieder Schöpfer geradezu poetischer sprachlicher Bilder – von japanischen Rockabillys – „die noch nicht gemerkt haben, dass Graceland untergeht“–, von Katzencafés – „in denen tanzende Finger die Sorgen davonstreicheln“ –, vom Zug, in dem eine mögliche Verspätung von 36 Sekunden entschuldigt wird.

Doch der 40-Jährige malt nicht nur mit Worten, sondern auch visuell. Die ästhetischen, selbst gedrehten kurzen Videosequenzen bereichern die Mischung aus Lesung und Plauderei aus dem 50er-Jahre-Sessel um eine weitere Komponente. Dabei nähert sich Gastmann nach dem journalistischen „Gonzo“-Prinzip nie nur als Beobachter – er mischt sich ein, erzählt seine eigene Geschichte, seine verfremdeten Wahrnehmungen, wie beim Taumel in Tokyo, in der die Menschenströme der Millionenstadt überfordern.

Gastmann trifft auch bei den Rotenburgern einen Nerv; viele nutzen die Pause, um sich mit ihm über eigene Reiseerfahrungen auszutauschen. Zuschauer Christoph Bohlmann, der vor 17 Jahren im Rahmen eines Rotary-Austauschs ähnliche Erfahrungen machte, ist angetan: Die Kollektivgesellschaft, die von Scham regiert werde, hat auch er damals auch so erlebt, „von der Angst vorm Gesichtsverlust bis zum Austausch von Visitenkarten“.

Japan ist nicht zu begreifen

Am Ende der zweistündigen Spurensuche steht ein Sammelsurium der Gegensätze: ein Gewitter aus Farben, schrill, berauschend, überbordend, erschreckend obszön, aber auch still, sinnlich, mit allgegenwärtiger Kunst, Harmonie und der Vergänglichkeit des Seins.

Ob die Großtante, deren Schranktüren seit 30 Jahren mit deutschen Deklinationen gepflastert sind, die ihr perfektes Deutsch aus Angst vor Gesichtsverlust aber nicht spricht, zum Abschied tatsächlich „Entenfamilie“ gerufen hat? Egal. Am Ende steht die Erkenntnis: Japan ist nicht zu begreifen, nicht zu verstehen. Vielleicht soll man das auch gar nicht. 

hey

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