Superintendentenwahl in Rotenburg

Blömer: „Der liebe Gott petzt nicht“

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Michael Blömer ist der zweite Kandidat für die Wahl des Superintendenten im Kirchenkreis Rotenburg. Er hat am Sonntag seine Aufstellungspredigt in der Rotenburger Stadtkirche gehalten.

Rotenburg - Von Henrik Pröhl. Erster Sonntag nach Trinitatis, volles Geläut. Fast 170 Gläubige haben sich in der Rotenburger Stadtkirche versammelt, um den zweiten Kandidaten der Superintendentenwahl in Rotenburg zu erleben. Auf geht es in die zweite Runde.

Zur Wahl stehen zwei Männer, die sich der Herausforderung stellen möchten, sage und schreibe 16 Kirchengemeinden zu betreuen. Ein weites Feld, das da beackert werden muss. Da heißt es aufwachen, säen, krauten, ernten, keine Scheu davor haben, sich die Hände auch mal schmutzig zu machen.

Am Sonntagabend stand Michael Blömer auf der Matte und hat seine mit Spannung erwartete Aufstellungspredigt gehalten. Wie äußerte er sich im Vorfeld? „Kirche kann nur dann bestehen, wenn sie den Menschen wirklich nahe ist und ihre Botschaft in verständlicher und zeitgemäßer Weise vermittelt.“ 

Michael Blömer wurde 1966 in Bremen geboren, studierte in Hermannsburg und Hamburg Evangelische Theologie. Nach dem Vikariat in Harsefeld hatte er mit einer Arbeit über Gemeindemanagement promoviert und war unter anderem als Dozent und Religionspädagoge tätig, bevor er 1999 in Zeven zum Pastor ordiniert wurde. Seit 2001 ist er in der Kirchengemeinde Fredenbeck tätig.

Das alte Testament als Rahmen der Predigt

19 Uhr, Karl-Heinz Voßmeier darf als Ex-Kantor mal wieder in seine Orgel greifen und entlockt ihr verspielt Barockes. Nach der Begrüßung durch Hartmut Ladwig, Vorsitzender des Kirchenkreistags, mit den üblichen Regularien des Kirchen-Gesetzes setzt kräftiger Gesang ein. Paul Gerhards „Geh aus, mein Herz“ eröffnet den musikalischen Reigen und widmet sich erwachender Natur. 

Ehre sei dem Vater, Kyrie, Gebet, Lesung. Hilmer Drögemüller, Vorsitzender der Stadtkirchengemeinde, bringt harten Stoff mit Jeremia aus dem Alten Testament. Wer erinnert sich dabei nicht an die Arie aus Mendelssohns Elias? „Ist nicht des Herrn Wort wie ein Hammer, der Felsen zerschlägt?“ Und das soll das Thema zur Predigt werden? Na dann viel Glück!

Michael Blömer steigt auf die Kanzel und gibt sogleich zu, er habe sich den Text nicht ausgesucht, er beginnt mit einer Anekdote: „Der liebe Gott sieht alles“, die mit der Pointe endet: „Aber er petzt nicht.“ Allgemeines Schmunzeln. 

Blömer sieht Gesellschaftsthemen in der Kirche

„Wer ist Gott für uns?“, stellt er eine uralte Menschheitsfrage. In Jeremia sei von einem fernen Gott die Rede, der zürnt und straft. „Ich“, so Blömer, „spreche lieber von dem Gott, der es gut mit uns meint.“ Blömers Glaube sei durch Jesus geprägt, der Kraft gibt und Zuversicht vor allem in Situationen, die schwer seien.

Aber Pastor Blömer wolle auch den fernen Gott nicht ausschließen, „vor dem wir uns rechtfertigen müssen“. Und er sagt: „Predigt muss Unrecht aufzeigen, Gesellschaftsthemen ansprechen.“ Gleichzeitig solle Kirche keine Moralanstalt sein. Es gehe vor allem um Verzeihen, was die Geschichte von Zachäus und Jesus gut veranschauliche. 

Michael Blömer spricht frei, gestikuliert und behält die Gemeinde im Auge, wenn er auch persönliche Erfahrungen preisgibt. Er bringt Thomas Middelhoff ins Spiel, der als Karstadt-Unternehmer wegen Betrugs ins Gefängnis kam und in seiner Autobiografie schreibt: „Nie war ich Gott so nahe.“ War das der ferne Gott, der ihm jetzt die Augen geöffnet hatte? 

Der Kirchenkreistag entscheidet über die Kandidaten

Nach 20 Minuten verlässt Blömer die Kanzel. „Ins Wasser fällt ein Stein“, lautet das nächste Lied. Fürbitte, Vater unser, Amen. Ein paar Eindrücke nach einer knappen Stunde vor der Tür aus der Gemeinde: „Er hat 20 Minuten frei gesprochen“, merkt ein Ehemann an. Seine Frau ergänzt: „Er hat aktuelle Themen angesprochen.“ Eine Sängerin aus der Kantorei sei „nicht ganz so überzeugt“, wie sie gehofft hatte.

Nun haben die Frauen und Männer des Kirchenkreistages das Sagen und müssen sich entscheiden. Welcher Kandidat ist für die Feldarbeit aufgeweckt und zupackend genug, um das Amt des Superintendenten in Rotenburg ausüben zu können – Torsten Nolting-Bösemann oder Michael Blömer? Da sind Augenmaß und vielleicht auch Erleuchtung von oben gefragt.

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