Linda Zervakis liest aus ihrer Biografie „Königin der bunten Tüte“ im Kantor-Helmke-Haus

Lesung mit Ouzo

Linda Zervakis war im Kantor-Helmke-Haus zu Gast. - Foto: Stahl

Rotenburg - Von Heidi Stahl. Als Tagesschau-Sprecherin ist sie uns allen heute ein Begriff, cool, ernsthaft, distanziert, mit dunklen Haaren und dunkler Stimme. Dass sie ganz anders kann und voller Temperament und Humor steckt, bewies sie am Donnerstagabend bei der Lesung aus ihrem ersten Buch mit den „Geschichten aus dem Kiosk“, der in Hamburg-Heimfeld stand und in dem sie ihre Jugend verbrachte.

Als Kind von griechischen Gastarbeitern der ersten Generation, die Anfang der 60er Jahre ins „eiskalte“ Deutschland kamen, wurde sie 1975 geboren und wuchs in nicht gerade rosigen Verhältnissen auf. Diese Jugend schildert sie in ihrem Buch. Ihre Lesung daraus beginnt sie mit den unaussprechlichen Namen ihrer Mutter, Chrissoula mit hart gekrächzten „Ch“ und gerollten „R“, die von allen nur „Chrissi“, gesprochen mit einfachem „K“, genannt wurde. Eine griechische Mutter mit gesundem Menschenverstand, viel Wärme und auch nach Jahrzehnten noch mit mangelhaften Deutschkenntnissen. Linda Zervakis ahmt bei ihrer Lesung die Sprache der Mutter nach, wie sie es auch bei allen anderen handelnden Personen tut und erntet mit dieser schauspielerischen Leistung gleich Schmunzeln und Lacher der Zuhörer im vollbesetzten Auditorium.

Nach Fließbandarbeit und Arbeitslosigkeit pachtet Vater Christos vom deutschen Freund Otto den Kiosk und dort verbringt Linda einen Großteil ihrer Jugend. „Zuhause war ja keiner, die Eltern waren im Kiosk, das war praktisch unser Wohnzimmer“. Zwischen Schnaps und Dosenbier, Kaugummi und belegten Brötchen, Goldenem Blatt und Bunte, Bild und „MoPo“, Springer Urvater und Ernte 23 und all den speziellen Menschen und Stammgästen, die dort Tag für Tag auftauchten, spielen ihre Erinnerungen.

Wenn sie von dem „Stinker“ erzählt, der mit penetrantem Körpergeruch täglich seine Ernte 23 „den Filter könnt ihr behalten“, kauft, setzt sie sich beim Vorlesen eine Wäscheklammer auf die Nase und spricht ganz nasal, wenn sie schildert, wie sie und ihr Bruder möglichst lange die Luft angehalten haben, wenn er im Laden war. Die Lacher aus dem Publikum sind ihr sicher, so wie sie überhaupt sehr lebendig und plastisch all ihre Geschichten vorträgt, die mit einem mitreißenden Humor geschrieben sind.

Linda Zervakis war im Kantor-Helmke-Haus zu Gast. - Foto: Stahl

Linda wächst in den ersten Jahren bei einer deutschen Tagesmutter, Tante Toni, auf und lernt im Gegensatz zu ihren Eltern einwandfreies Deutsch. In der Grundschule ist sie sehr beliebt, weil sie als „Königin der bunten Tüte“ sehr schnell begriffen hat, dass man sich mit den Süßigkeiten aus dem Kiosk, schnell Freunde macht. Dieses Prinzip setzt sie bei ihrer Lesung fort: da servieren die Veranstalter Christine Braun von der Stadtbibliothek und Michael Burgwald von der Volkshochschule in ihrem Namen jedem Zuhörer einen Ouzo, „weil wir uns, das was jetzt kommt, erst einmal schöntrinken müssen“.

Was dann kommt, ist die Schilderung ihrer Pubertät, die Auseinandersetzung mit ihrer „hässlichen Kartoffelnase“, die erste Liebe und die Reisen durch Jugoslawien nach Griechenland mit überfüllten Autos, Unmengen von Gepäck, bestechlichen Grenzbeamten und unmöglichen hygienischen Verhältnissen.

All diese Geschichten stecken so voller Humor und werden so lebendig vorgetragen, dass die Zeit wie im Flug vergeht und man sich nach zwei Stunden ungläubig fragt, ob die Lesung wirklich schon zu Ende ist. Ein amüsanter Abend, der wirklich Lust auf ihr Buch macht und eine ganz andere Linda Zervakis zeigt als die coole Nachrichtensprecherin auf dem Fernsehschirm.

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