Lernen aus dem Unrecht

Neue Studie zu Missbrauch und Gewalt in den Rotenburger Werken

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Medikamentenversuche, Gewalt und mitunter sogar Hirnoperationen hat es nach der Studie „Hinter dem grünen Tor“ in den Rotenburger Anstalten während der Nachkriegszeit gegeben. 

Rotenburg - Von Michael Krüger. „Die Schuld“, sagt Jutta Wendland-Park, „lastet auf vielen Schultern.“

Leugnen lasse sie sich nicht, und deswegen habe man schon oft um Verzeihung gebeten. Die Vorstandsvorsitzende der Rotenburger Werke hat in den vergangenen Jahren viele Geschichten über die Missstände in den ehemaligen Anstalten gehört. Die dunklen Kapitel der Jahre 1945 bis 1975 sind nun in einer wissenschaftlichen Veröffentlichung zusammengefasst. Es geht vor allem um Gewalt gegen Bewohner und Medikamentenmissbrauch.

„Hinter dem grünen Tor“, so der Titel des am Dienstag vorgestellten, fast 400 Seiten dicken Buches, geschah auch in jüngerer Geschichte noch viel Grausames. Aus heutiger Sicht kaum nachzuvollziehen ist das, was sich in den ersten Nachkriegsjahrzehnten trotz der Erfahrungen aus der NS-Zeit hinter den hohen Mauern der Rotenburger Anstalten abspielte. 

Und doch ist das Buch der Versuch einer Erklärung. Oder vielmehr, wie es die Werke-Chefin bezeichnet: „Dieses Buch ist die Einlösung eines Versprechens.“

Transparent mit der Vergangenheit umgehen

Tatsächlich hat sich die seit 1996 unter den Namen Rotenburger Werke firmierende Einrichtung für Menschen mit Behinderungen, in der aktuell mehr als 1 100 Frauen, Männer und Kinder leben, in vorbildlicher Weise der eigenen Vergangenheit gestellt. Das betonen die an dem Buch beteiligten Autoren: die Krefelder Pharmakologin Sylvia Wagner, die Politikwissenschaftlerin und Historikerin Dr. Ulrike Winkler aus Trier und die Bielefelder Historiker Dr. Karsten Wilke und Professor Hans-Walter Schmuhl. 

Sie haben zwei Jahre lang in den Archiven der Werke und des Diakonissen-Mutterhauses gewühlt, Material im Stadtarchiv gesichtet und auch Einblicke in die Archive von Pharmaunternehmen bekommen. Nach zwei Arbeiten über die Ereignisse in Rotenburg im ehemaligen „Asyl für Epileptische und Idioten“ und den späteren Anstalten vor allem zur Zeit des Nationalsozialismus wird nun die jüngere Vergangenheit beleuchtet. 

In der ging es bis zum Paradigmenwechsel Mitte der 70er-Jahre darum, „eine möglichst große Zahl von Menschen mit geringen Mitteln auch gegen ihren Willen zu verwahren“, so Historiker Schmuhl. Die Folgen des Systems waren zum Teil erschreckend – aber kein Rotenburger Einzelfall, sondern in weitgehend allen Einrichtungen dieser Art verbreitet, so das Fazit. Nur betreibe eben kaum jemand eine so offensive Vergangenheitsbewältigung wie die Rotenburger Werke.

Eine katastrophale Gesamtsituation

Ursprung der Missstände war nach Ansicht der Autoren die katastrophale Situation nach dem Krieg: kaum Mittel, ein eklatanter Personalmangel, die Dominanz der psychiatrischen Ausrichtung gegenüber der Heilpädagogik, dazu die moralische Hypothek der NS-Zeit. Viele Mitarbeiter seien schlichtweg überfordert gewesen, Kontrollmechanismen habe es kaum gegeben. Die Folge war, dass insbesondere die „Lauten und Aufmüpfigen“ und diejenigen, die sich einnässten, zur Zielscheibe wurden. 

Aus Unterlagen und Interviews mit 33 noch aktuellen und ehemaligen Bewohnern lasse sich die Lebenswelt der Zeit gut nachzeichnen. Eine „dichte Beschreibung“, nennt es Schmuhl, was er erfahren habe. Und das, obwohl „manche offenkundig schweigen, weil die Erinnerungen zu schlimm sind“. 

Es gehe nicht darum, pauschal alle Mitarbeiter unter Generalverdacht zu stellen, aber das System mit Verängstigung, Demütigung, sexueller Erniedrigung und „ausgeklügelten Strafprozeduren“ müsse dokumentiert werden – unter anderem auch, um Betroffenen den Zugang zu Entschädigungen über die seit 2017 existierende Stiftung „Anerkennung und Hilfe“ zu erleichtern.

Jutta Wendland-Park stellt mit dem Autorenteam das Buch „Hinter dem grünen Tor“ vor. 

Pharmazeutin Wagner hat in ihren Recherchen zudem die medizinischen Verfehlungen in den Anstalten aufgedeckt. Die weitverbreitete Ruhigstellung „störender“ Bewohner ist dabei nur ein Aspekt. Mit Hinweisen aus den Archiven des Pharmakonzerns Merck lassen sich auch Tests mit noch nicht zugelassenen Medikamenten vor allem an Kindern und Jugendlichen erkennen. 

Nahezu 100 Fälle hat sie recherchiert, in denen die von den Herstellern bestochenen Ärzte in den Anstalten Psychopharmaka zu Testzwecken verabreichten. „Die Nebenwirkungen hat man in Kauf genommen.“ Sie spricht von einer „Spirale der medikamentösen Gewalt“, die sogar in stereotaktischen Operationen gipfelten, bei denen Bewohner ohne Einwilligung von Eltern oder Betreuern am Gehirn operiert wurden, um von ihrem Behinderungen geheilt zu werden. Wagner: „Das führte in keinem Fall zum Erfolg.“

Die Werke wollen die Erkenntnisse aus der Studie nutzen, um die „Kriterien für die Gegenwart“ immer wieder zu überprüfen. „Wir lernen aus der Vergangenheit“, sagt Wendland-Park. „Das sind wir all denen, die Leid erfahren haben, schuldig.“

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