1. Startseite
  2. Lokales
  3. Landkreis Rotenburg
  4. Rotenburg (Wümme)

Martin Lenzinger bilanziert erste Saison Solawi auf dem Hof Grafel in Rotenburg

Erstellt:

Von: Andreas Schultz

Kommentare

Martin Lenzinger
Martin Lenzinger von der Solawi auf dem Hof Grafel in Rotenburg © Schultz

Irgendwann könnten es mal 100 Solidarische Landwirtschaften sein, die rund um Rotenburg die Kreisstadt versorgen. Ob und wann der Traum von Martin Lenzinger in Erfüllung geht, steht noch aus. Aber über die erste Saison der von ihm geleiteten „Solawi“ auf dem Hof Grafel lief schon Mal nicht schlecht. Jetzt setzt das Team neue Erkenntnisse in Verbesserungen um.

Rotenburg – Es ist Januar – und doch ist das Wachstum sichtbar. Im Folientunnel der Solidarischen Landwirtschaft (Solawi) auf dem Hof Grafel gedeihen einige Reihen grün leuchtender Postelein. Auch die Rotenburger Solawi selbst wächst – trotz der Krise. „Ja, wir bekommen sie zum Beispiel im Einkauf zu spüren“, sagt Martin Lenzinger. Ansonsten sei man aber widerstandsfähig, was die Auswirkungen von erhöhten Energiepreisen und Ukraine-Krieg angeht.

Die Folgen hätten sich aber auch in anderen Bereichen niedergeschlagen, bei der Zahl der Anteilseigner aus 2022 zum Beispiel: Von den 60 „Mitgliedern“, wie es intern gern umgangssprachlich heißt, hätten sich nach der ersten Saison sechs aus verschiedenen Gründen wieder verabschiedet. Der eine oder andere schaue in diesen Zeiten dann eben doch etwas mehr aufs Geld und sieht in dem Jahresbeitrag eine Einsparmöglichkeit.

Es gibt hier kein billiges Gemüse, keine Rechnung wie: Für x Euro habe ich y Kilo Tomaten bekommen.

Martin Lenzinger

Dabei hätte sich der Wind auf dem Markt zuletzt stark gedreht: Die Kosten für Lebensmittel aus der konventionellen Landwirtschaft hätten sich denen aus Biobetrieben wie dem Hof Grafel stark angenähert. „Man muss sich nur mal die Preise bei Butter anschauen. Da war die aus konventioneller Herstellung zwischenzeitlich sogar teurer als die Bio-Butter“, verdeutlicht Lenzinger. Das sei bei Konsumenten aber oft nicht angekommen: „Bio“ bleibe in vielen Köpfen Synonym für „teuer“ – selbst, wenn die Realität in einigen Bereichen schon eine andere geworden ist. Aber, auch das stellt der Landwirt klar: „Es gibt hier kein billiges Gemüse, keine Rechnung wie: Für x Euro habe ich y Kilo Tomaten bekommen.“

Der Grund für die sich annähernden Preise: Düngemittel kommen kaum, schwere Maschinen überhaupt nicht auf dem Bio-Hof zum Einsatz. Bei Ersteren ist seit Beginn des Kriegs der Preis explodiert, Letztere verbrauchen Unmengen an inzwischen ebenfalls sehr teurem Dieselkraftstoff. Das einzige, wofür auch Lenzinger und die Anteilseigner mehr bezahlen, ist das Saatgut. „Aber das ist dann halt so“, sagt der Solawi-Leiter. Da Saaten einen verhältnismäßig kleinen Anteil an dem Budget einnehmen, sei das noch zu verschmerzen.

Postelein
Auch im Januar gibt es Ernte auf dem Gelände der Solawi auf dem Hof Grafel: Postelein gehört zu den Feldfrüchten, die Anteilseigner derzeit abholen können. © Schultz

Das Projektvolumen beläuft sich in diesem Jahr auf 90 000 Euro – so haben Lenzinger und Hofleiterin Petra Peters es den Anteilseignern vor der sogenannten Bieterrunde vorgestellt. Aus der Summe werden unter anderem die Kosten für die Saat im 0,6 Hektar großen Gemüseanbau, die Pflege des 0,4 Hektar Grünlands und überschaubare Löhne für 3,5 Teilzeitstellen bedient. Ein Großteil der inzwischen 73 „Mitglieder“ – der Kreis ist trotz Abgänge gewachsen – hat daraufhin die Summe zur Verfügung gestellt: Nach Solidarprinzip geben einkommensstärkere Eigner etwas mehr, auf diese Weise steht der Kreis der Anteilsnehmer mehr Menschen offen. Das ist genauso Bestandteil des Solawi-Konzepts wie das regelmäßige Anpacken bei der Feldarbeit und beim Jäten. „Wir bräuchten jetzt noch so sieben Mitglieder mehr“, sagt Lenzinger – das dürfe als Einladung verstanden werden.

Je mehr, desto besser. Die Zahl 100 spielt für Lenzinger eine gewichtige Rolle: In absehbarer Zeit könne die Zahl der Unterstützer in diese Höhen steigen. Und dann wäre da noch der große Traum des Landwirts: 100 Solawi rund um Rotenburg versorgen die Stadt wohnortnah und nachhaltig. Der Weg dorthin wäre durchaus der Richtige, findet Lenzinger. Das zeige sich nicht zuletzt in der Resilienz, die das Konzept am örtlichen Standort in der andauernden Krise unter Beweis gestellt habe.

Martin Lenzinger mit Teilen der Januar-Ernte der Solawi des Hof Grafel in Rotenburg.
Martin Lenzinger mit Teilen der Januar-Ernte der Solawi des Hof Grafel in Rotenburg. © Schultz

Ja, die erste Saison Solawi lief gut. Das Konzept gehe auf. Und: Das Zusammenspiel mit den Mitgliedern lief gut. „Außerdem haben wir hier viel Feedback, was man zum Beispiel beim Verkauf des Gemüses im Einzelhandel nicht hat. Hier gibt es die Rückkopplung, man tauscht Rezeptideen aus – und man bekommt gesagt: ,Mensch, das war aber zu viel Kohlrabi‘“, erläutert der Landwirt.

Trotz positiver Bilanz wird noch an einigen Stellschrauben nachgedreht. Stichwort: Sommerfülle. Die wärmeren Monate warfen viel Ernte ab, „so viel essen die Leute nicht“. Da in der Solawi bedarfsgerechte Produktion angesagt ist, will man daher künftig in Frühjahr, Herbst und Winter mehr, im Sommer spärlicher pflanzen und ernten. Dafür mehr Vielfalt. Unterschiedliche Kohlgewächse, Tomaten, Salate, Wurzeln, und, und, und – „40, vielleicht 50 Kulturen können es werden. Wir müssen noch berechnen, was auf welche Beete passt“, sagt Lenzinger. Die Bewässerung der Beete im Sommer über Tropfschläuche ist ebenfalls Lerneffekt aus dem ersten Jahr. Zudem ist mehr Interaktion in der Gemeinschaft geplant: Sommerfeste, Mitbringbüfetts, überhaupt Mitmachveranstaltungen.

Was für den Solawi-Sprecher unterm Strich bleibt, ist die große Freude über das Vertrauen, was die Mitglieder dem Team schenken. Es gebe keine Garantie für die Ernte, „keine Sicherheit für zehn Kilo Kartoffeln“, wie Lenzinger sagt. So wie man zusammen von der Ernte profitiert, wird auch das Risiko geteilt: „Das verbindet gemeinschaftlich.“

Auch interessant

Kommentare