Unterschiedliche Reaktionen

Votum der Soldaten: Lent soll Namensgeber bleiben

Bleibt es beim Namen Lent-Kaserne?

Rotenburg - Von Guido Menker. Welches Gewicht hat das Votum der Soldaten? Diese Frage bleibt unbeantwortet – vorerst. Die Soldaten haben sich zwar für die Beibehaltung des Namens Lent-Kaserne ausgesprochen, aber angesichts der aktuellen Diskussionen über das Traditionsverständnis innerhalb der Bundeswehr bleiben Zweifel, ob Helmut Lent tatsächlich auch Namensgeber der Rotenburger Kaserne bleiben wird.

M. Andreßen

Aus Sicht von Marc Andreßen von der Bürgerinitiative für die Umbenennung der Rotenburger Kaserne könne die Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) nicht am jetzigen Namen festhalten. „Der Versuch, im Jahre 2017 Lent gegen einen Parlamentsbeschluss von 1982 durchzusetzen, ist ein Angriff auf das ,Modell der drei Säulen’ mit dem Ziel, eine weitere Traditionslinie als sinn- und identitätsstiftend für heutige Soldaten zu etablieren: die der Wehrmacht des Nationalsozialismus.“ Der Bundestag habe 1982 im Traditionserlass die drei für die Bundeswehr traditionswürdigen „Säulen“ definiert: preußische Reformer, NS-Widerstand, Bundeswehr der Nachkriegszeit. Lent liege erkennbar außerhalb dieser Grenzen, so Andreßen.

Lent hatte sich im Zweiten Weltkrieg als Pilot einen Namen gemacht. Er galt als der zweiterfolgreichste Nachtjäger-Pilot der Luftwaffe und kam 1944 auf einem Flug von Stade nach Paderborn ums Leben. 

Widersprüche zu politischer Zugehörigkeit 

War der hochdekorierte Pilot ein Nazi-Sympathisant? Oder war er ein Freund des Widerstands und sein Absturz ein Anschlag? Es bleiben auch nach zahlreichen historischen Gutachten Ungereimtheiten und Widersprüche. Unbestritten ist, dass die Kaserne heute nicht mehr nach Menschen wie Lent benannt worden wäre. Sechs Jahre nach der Übernahme von der britischen Rheinarmee sah man das anders: Am 18. Juli 1964 erhielt der Bundeswehrstandort den Namen Lent-Kaserne. Über eine mögliche Umbenennung entscheidet das Bundesministerium für Verteidigung. Und das will das Meinungsbild der Soldaten berücksichtigen.

Das liegt vor, nachdem sich die Vertreter der Soldaten jetzt zusammengesetzt und über das Für und Wider einer Namensänderung diskutiert und letztendlich abgestimmt haben. Sie vertreten damit rund 1.000 Soldaten des Jägerbataillons 91 sowie der dritten Kompanie des Versorgungsbataillons 141, die in der Lent-Kaserne ihren Dienst verrichten.

M. Meyer

Mit ihrem Votum schlagen sie in die gleiche Kerbe wie der Rotenburger Stadtrat, der sich schon vorher ebenfalls für eine Beibehaltung des Namens ausgesprochen hatte. Doch Marco Meyer, Presseoffizier der Lent-Kaserne, sagt auch: „Angesichts der aktuellen Geschehnisse bleibt abzuwarten, wie das Ministerium mit dem Ergebnis umgeht.“

K. Rösel

Welches Gewicht hat also das Votum der Soldaten? „Eine Kaserne prägt ihr lokales Umfeld. Ich halte es daher nach wie vor für richtig, wenn über die Namensgebung von Kasernen vor Ort entschieden wird. Das können die betroffenen Soldaten und kommunalen Parlamente am besten“, sagt dazu die CDU-Bundestagsabgeordnete Kathrin Rösel. Und so sehe es auch der entsprechende Erlass des Verteidigungsministeriums aus dem Jahr 2002 vor. Falls es in der Zukunft eine Entscheidung geben sollte, grundsätzlich keine Kasernen mehr nach Teilnehmern des Zweiten Weltkriegs zu benennen, wäre davon ersichtlich auch die Lent-Kaserne betroffen, sagt die Christdemokratin. Einen solchen neuen Erlass gebe es nach ihrer Kenntnis bisher jedoch nicht.

H. Luttmann

„Die Diskussion über die Umbenennung der Lent-Kaserne führen wir schon längere Zeit. Meine Meinung dazu hat sich aufgrund der aktuellen Ereignisse nicht geändert. Ich würde es weiterhin begrüßen, wenn es bei dem Namen Lent-Kaserne bliebe“, erklärt Landrat Hermann Luttmann (CDU). In der Vergangenheit seien Kasernennamen geändert worden, wenn die Namensgeber mit Antisemitismus, Nationalsozialismus oder auch Kolonialismus in Verbindung gebracht werden konnten. Luttmann: „Nach allem, was wir wissen, sind Helmut Lent entsprechende Vorwürfe nicht zu machen. Das wurde in einem Gutachten des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr von 2016 festgestellt.“ 

Es gehe nicht um eine erstmalige Neubenennung der Kaserne, sondern um die Frage, ob „der 1964 unstreitig richtlinienkonform gegebene Name“ geändert werden soll. Der Landrat: „Wir müssen uns die Frage stellen, ob es aktuell Gründe oder neue Erkenntnisse gibt, die eine Namensänderung erforderlich machen. Das ist meiner Meinung nach nicht der Fall.“ Und: Bei einer Namensänderung würde in weiten Teilen der Öffentlichkeit der falsche Eindruck entstehen beziehungsweise verfestigt, dass Helmut Lent ein Nazi gewesen sei. Das hätten weder er noch seine Familie verdient, lässt Luttmann mitteilen. „Sollten sich die Soldaten für die Beibehaltung des Namens ausgesprochen haben, würde ich diese Entscheidung natürlich unterstützen“, fügt er hinzu. Angesichts der Äußerungen vom Ministerin von der Leyen am Wochenende bleibe jedoch abzuwarten, ob das Verfahren zur Namensgebung weiter wie gehabt durchgeführt wird, oder ob die Ministerin selbst eine Entscheidung trifft.

L. Klingbeil

„Die Diskussion ist in der Truppe und auch im Stadtrat sehr gewissenhaft geführt worden“, erklärt der SPD-Bundestagsabgeordnete Lars Klingbeil, auch Mitglied im Verteidigungsausschuss. „Das war vorbildlich. Die Beteiligung vor Ort ist der Weg, den die Ministerin selbst vorgeschlagen hatte. Ich habe das unterstützt“, sagt er. Seit dieser Woche stelle Ursula von der Leyen diesen Weg nun infrage. Es müsse jetzt ein klares Signal aus dem Verteidigungsministerium kommen, wie es weiter gehen soll: „Der Zick-Zack-Kurs der Ministerin sorgt für Unruhe und Unklarheit.“

A. Weber

Rotenburgs Bürgermeister Andreas Weber (SPD) betont den ausführlichen und demokratischen Meinungsfindungsprozess zur Frage der Beibehaltung des Kasernennamens und sagt: „Darüber habe ich mich sehr gefreut. Die Entscheidung war sehr eindeutig und drückt aus, dass der Name der Lent-Kaserne beibehalten werden soll, sowie mit einer Informationstafel ergänzt werden muss, die das Wirken von Helmut Lent und seine Lebensbezüge in der NS-Zeit darstellen soll.“ Für eine kritische Erinnerungskultur auch für die Folgegenerationen halte er den Beschluss für sinnvoll. „Dieser entspricht der Bitte des Stadtrates.“

M. Damberg

Anders sieht das Manfred Damberg, Kreisvorsitzender der Partei „Die Linke“: „Der Traditionserlass und die Verpflichtungen und Aufgaben der Bundeswehr scheinen in der Truppe vor Ort wohl nicht bekannt zu sein. Die Auswüchse um Franco A. in anderen Kasernen dürfen nicht auf die leichte Schulter genommen werden.“ Wenn die Verteidigungsministerin sage, die Bundeswehr müsse nach innen und außen zeigen, dass sie nicht in der Tradition der Wehrmacht steht, und sie „nach alten Nazis“ benannte Kasernen umbenennen wolle, werde man sie „tatkräftig unterstützen“. Ein entsprechender Antrag liege vor.

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