Lent darf bleiben

Bundeswehr sieht keinen Anlass mehr, Rotenburger Kaserne umzubenennen

Das Schild an der Rotenburger Lent-Kaserne muss nicht abmontiert werden. - Foto: Krüger

Rotenburg - Von Michael Krüger. Die Rotenburger Lent-Kaserne darf ihren Namen behalten. Das haben nach der Unterzeichnung des neuen Traditionserlasses durch Ministerin Ursula von der Leyen (CDU) am Mittwoch sowohl das Bundesverteidigungsministerium in Berlin als auch das Landeskommando Niedersachsen in Hannover bestätigt. „Das Thema ist zunächst vom Tisch“, so ein Sprecher. Weil sich die Soldaten wie auch der Rotenburger Stadtrat und der Kreistag für den Erhalt des Namens ausgesprochen haben, gebe es jetzt keinen Anlass mehr, von „oben herab“ aktiv zu werden.

Diese Entscheidung durch aktives Nichtstun überrascht. Im November 2013, so hieß es bislang, hatte das Bundesverteidigungsministerium gerügt, dass die Benennung nach Helmut Lent den „Richtlinien zum Traditionsverständnis und zur Traditionspflege in der Bundeswehr“ nicht mehr entspräche. Es wurde ein Diskussionsprozess in Gang gesetzt, der in der Region für großen Streit gesorgt hat, aber dennoch zu klaren Aussagen in eine Richtung kam: Der Rotenburger Stadtrat hatte sich bereits im September 2016 dafür ausgesprochen, die seit 1964 nach dem 1944 gestorbenen Wehrmachtspiloten benannte Kaserne nicht umzubenennen. Der Kreistag stimmte diesem Ansinnen mehrheitlich zu. Und die Soldaten selbst hatten sich im Mai 2017 geäußert. Auch ihr Votum: Der Name soll bleiben. Alles nur Empfehlungen für Berlin, hieß es stets. Ein Sprecher des Bundesverteidigungsministeriums sagt nun auf Nachfrage der Kreiszeitung: „Überlegungen zu einer Umbenennung der Lent-Kaserne gehen nicht vom Ministerium aus, sondern werden von den Soldaten vor Ort gemeinsam mit den Vertretern der Bevölkerung angeregt, diskutiert und abschließend gegebenenfalls beantragt.“ Mit anderen Worten: Das Ministerium muss gar nicht über eine Umbenennung entscheiden, wenn es vor Ort keinen Willen dazu gibt.

„Wir sind nicht zuständig“

Zudem verweist Berlin auf das Landeskommando Niedersachsen als die oberste territoriale Kommandobehörde. Dort zeigt man sich verwundert über entsprechende Nachfragen. „Wir sind nicht zuständig“, heißt es vom Pressesprecher. Eine Umbenennung müsste in der Kaserne auf den Weg gebracht werden, so wie im Fall der Hannoveraner Hauptfeldwebel-Lagenstein-Kaserne am Mittwoch. Dort hatte die Ministerin öffentlichkeitswirksam den ersten Bundeswehrstandort nach einem im Auslandseinsatz getöteten Bundeswehrsoldaten benannt. Für Rotenburg dagegen gebe es „keine Überlegungen, aktiv zu werden“. Der Vorgang, sollte er neu angeschoben werden, müsste „von unten initiiert werden“. Im Klartext: Die Kasernenführung in Rotenburg müsste aktiv werden. Nach dem Votum der Soldaten scheint aber alles gesagt. Am Donnerstag war kein Vertreter des örtlichen Führungsstabs erreichbar.

Helmut Lent 1944

Landrat Hermann Luttmann (CDU) hatte am Mittwoch noch in flammenden Worten im Politikjournal Rundblick dafür geworben, nicht am Namen Lent zu rütteln. „Ich bin nach den mir vorliegenden Erkenntnissen überzeugt, dass er kein Nazi war“, so Luttmann. Zwar habe es Briefe an seine Untergebenen gegeben, in denen Durchhalteparolen verbreitet wurden – „aber das gehörte damals sicher zur Pflichtübung für Vorgesetzte.“ Lent sei – obwohl Wehrmachtsangehöriger – kein Kriegsverbrecher, kein Hitler-Anhänger und womöglich sogar jemand gewesen, der Kontakte zur Bekennenden Kirche hatte, so der Landrat gegenüber dem Rundblick. Ähnlich klingt es auch beim hiesigen Bundestagsabgeordneten Lars Klingbeil, Mitglied im Verteidigungsausschuss und SPD-Generalsekretär: „Nach allem, was wir heute wissen, war Helmut Lent kein Nazi im eigentlichen Sinne. Ich gehe davon aus, dass diese Willensbildung vor Ort von der Ministerin berücksichtigt wird.“

Tatsächlich blieben viele Meinungen zum Leben und Wirken Lents in den vergangenen Jahren konträr nebeneinanderstehen. Den Fürsprechern Lents, der als Nachtjäger eingesetzt war und britische Luftangriffe auf deutsche Städte bekämpfte, standen lautstarke Kritiker gegenüber, die den Kampf des Offiziers fürs Naziregime und fehlende Distanzierung in den Vordergrund stellten. An Eindeutigkeit, wie mit derartigen historischen Personen umgegangen werden muss in der Bundeswehr, fehlt es zudem selbst im neuen Traditionserlass. Dort heißt es zwar, dass „für die Streitkräfte eines demokratischen Rechtsstaates die Wehrmacht als Institution nicht traditionswürdig“ ist. Aber auch: „Die Aufnahme einzelner Angehöriger der Wehrmacht in das Traditionsgut der Bundeswehr ist dagegen grundsätzlich möglich. Voraussetzung ist eine eingehende Einzelfallbetrachtung sowie ein sorgfältiges Abwägen. Dieses Abwägen muss die Frage persönlicher Schuld berücksichtigen und eine Leistung zur Bedingung machen, die vorbildlich oder sinnstiftend in die Gegenwart wirkt, etwa die Beteiligung am militärischen Widerstand gegen das NS-Regime oder besondere Verdienste um den Aufbau der Bundeswehr.“

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Schwaches Bild 

Von Michael Krüger. Die Absicht, nicht weiter am Namen der Lent-Kaserne zu rütteln, mag vielleicht sogar die richtige sein. Ein historisch eindeutiges Bild des Wehrmachtspiloten Helmut Lent hat sich in den viereinhalb Jahren Debatte nicht ergeben. Nazi oder nicht? Vorbild oder nicht? Die Diskussion wurde höchst emotional geführt, oftmals stark ideologisch geprägt und nicht selten mit Aussprüchen unter der Gürtellinie. Am Ende ist es jetzt eine Nicht-Entscheidung, die das ganze Thema beenden soll. Das Verteidigungsministerium verweist auf das Landeskommando und die Kaserne, das Landeskommando verweist auf die Kaserne, und vor Ort verstummen die Rufe nach einer klaren Aussage in Berlin, weil man es dort ja nicht mehr für nötig hält. Sieht so eine klare Kommandostruktur aus? Ist das unsere heutige Bundeswehr, die sich klar positioniert? Eine „bewusste Auseinandersetzung mit der Vergangenheit in gewachsenen Ausdrucksformen“, wie es im neuen Traditionserlass heißt? Ist es nicht. Es ist ein schwaches Bild, die Verweigerung einer klaren Entscheidung. Nur Wischiwaschi von oben, das die Debatte nicht beenden wird.

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