Auf dem Rotenburger Flugplatz nimmt man Ultraleichtflugzeuge ab

Leiser Lärm

Hier noch am Boden, aber im Laufe des Nachmittags wird dieses Flugzeug mehrere Messdurchgänge hinter sich haben. Fotos: Röhrs

Rotenburg – Josef Döring hat seine Instrumente aufgebaut. Der Ingenieur von der Oskar-Ursinus-Vereinigung (OUV) hat am Rande des Rotenburger Flugplatzes Stellung bezogen und spricht ins Funkgerät. Wetterstation, Mikrofon und Kamera sind bereit, Döring und seine Protokollantin auch. Beide sind an diesem Tag nach Rotenburg gekommen, um Schallmessungen durchzuführen. In der Ferne, am Terminal, bringt sich das erste Flugzeug langsam in Startposition. Der schwedische Hersteller Blackwing lässt hier den Lärm von zwei seiner Ultraleichtflugzeuge abnehmen, um eine Genehmigung für den deutschen Luftraum zu bekommen. Rotenburg ist einer von zwei Standorten im Bundesgebiet, an denen diese Messungen durchgeführt werden. Der andere liegt bei Augsburg.

Zwar stehen heute zwei bauähnliche Flugzeuge vom Typ Blackwing 600RG auf dem Platz, getestet werden aber mehrere Varianten. Eines der beiden Flugzeuge hat zwei Propellerflügel, das andere drei. Die Ausführung in Rotenburg hat zwar ein einziehbares Fahrgestell, doch testet man bei dieser Gelegenheit auch bei einem Flug mit ausgefahrenem – ein weiteres Modell des Herstellers. Alles muss genehmigt werden, und dazu darf der Lärmpegel bei 600-Kilogramm-Flugzeugen auf der Erde 70 Dezibel (das entspricht einem Staubsauger) nicht überschreiten. Und deswegen ist Döring heute aus der Region Hannover nach Rotenburg gekommen. Etwa zwei Mal im Jahr macht er das, schätzt Achim Figgen, der Flugplatz-Chef. Er erwartet aber, dass der Ingenieur in Zukunft öfter an der Wümme vorbeischaut. Denn erst vor Kurzem wurde die Gewichtsobergrenze für Ultraleichtflugzeuge von 472,5 auf 600 Kilogramm erhöht. Das bezieht sich auf das gesamte Gewicht, Flugzeug inklusive Ladung und Insassen. Die neueren Flugzeuge sind bereits entsprechend der neuen Obergrenze gebaut, müssen jetzt aber neu genehmigt werden, sofern der Besitzer von der neuen Obergrenze Gebrauch machen will.

„Windrichtung und -geschwindigkeit, Feuchtigkeit und Temperatur messen wir“, Döring erklärt seine Instrumente an der Wetterstation. „Alles beeinflusst das Messergebnis, wenn auch nur geringfügig.“ Er geht weiter zum Mikrofon. Das liegt unscheinbar im Gras, auf eine weiße Platte gerichtet. Die hat er exakt waagerecht auf die Erde gelegt.

Nun geht es los. Es ist früher Nachmittag. Eigentlich wären die Voraussetzungen am Morgen oder Abend besser gewesen, da es dann weniger windig ist, erklärt Figgen. Doch die beiden Piloten aus Schweden mussten ja erst anreisen – und wollen nach der Messung wieder zurück. Die an diesem Tag zu messenden Flugzeuge sind mit einer Sondergenehmigung nach Rotenburg geflogen. Der Platz der Kreisstadt vereint für das Prozedere zwei Vorteile, weiß Figgen. Im Gegensatz zu größeren Flughäfen sind die Landegebühren nicht so hoch. Der Platz ist aber immer noch groß genug, um sowohl eine asphaltierte Landebahn als auch eine mit Gras zu haben. Letztere sei bei Ultraleichtfliegern oft der bevorzugte Untergrund.

Der Flieger hebt ab. Aus der Entfernung erinnert der Lärm eher an einen Rasentrimmer, weniger an ein Flugzeug. Er dreht rechts ab, fliegt über die Kaserne hinweg Richtung Kreisstadt, um dann über Hohenesch zu wenden. Nun wird es ernst: Gemessen wird im Steigflug und mit Vollgas, so kann die maximale Lautstärke gemessen werden. Nach Möglichkeit um die 400 Meter hoch soll das Flugzeug dabei sein. „68,2“, sagt die Protokollantin und meint damit die Dezibel-Zahl. Währenddessen hat Döring ein Foto vom Flugzeug gemacht, das sofort ausgedruckt wird. Mit einem speziellen Guckglas misst er die Größe des Flugzeugs auf dem Foto. Da er die echten Maße kennt, kann er die Höhe ausrechnen: etwa 392 Meter. Sechs Mal wird insgesamt gemessen, zu beanstanden gibt es nichts. Da es internationale Standards gibt, werden die ermittelten Werte hinterher so umgerechnet, als hätte die Messung bei 15 Grad Temperatur stattgefunden. Das kommt an diesem Tag sogar hin, aber gemessen wird das ganze Jahr über – bei knapp über dem Gefrierpunkt bis hin zu 30 Grad.

Die Oskar-Ursinus-Vereinigung ist eigentlich ein Verein für Flugzeug-Enthusiasten, die ihre Maschine selbst bauen, hat aber auch die Durchführung von Maßnahmen wie in Rotenburg vom Luftfahrtbundesamt übertragen bekommen. Sie folgen umfangreichen Vorschriften, erklärt Döring. Die OUV ist benannt nach einem Professor an der Universität Darmstadt in den 1920er-Jahren. „Er hat sich in diesen Jahren mit der Aerodynamik und der Konstruktion von Flugzeugen beschäftigt. Viele seiner Erkenntnisse in der Flugzeug-Technik haben immerwährende Gültigkeit“, so der Ingenieur.

Die Gesetzesänderung, dass Ultraleichtflugzeuge jetzt 600 Kilogramm auf die Waage bringen dürfen, wird in der Szene allgemein begrüßt. Das Flugzeug an sich, der Treibstoff und zwei Piloten: Viele Kapazitäten für Ladung – beispielsweise Gepäck – blieben bei einer Obergrenze bei 472,5 Kilogramm nicht. Auch der Flugplatz profitiert übrigens davon, denn die Gebühren für Start und Landung bemessen sich nach dem zulässigen Maximalgewicht eines Fliegers.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Deutsche Snowboarder sammeln Müll am Jenner

Deutsche Snowboarder sammeln Müll am Jenner

„Wer ist diese Mannschaft, die da gegen Gladbach spielt?“ Netzreaktionen zu #SVWBMG

„Wer ist diese Mannschaft, die da gegen Gladbach spielt?“ Netzreaktionen zu #SVWBMG

Ohne eigenes Auto mobil auf dem Land

Ohne eigenes Auto mobil auf dem Land

Italiens Topattraktionen öffnen wieder

Italiens Topattraktionen öffnen wieder

Meistgelesene Artikel

Corona und die lieben Finanzen

Corona und die lieben Finanzen

„Jugendliche leiden mehr“

„Jugendliche leiden mehr“

Das Ende der Einsamkeit ist in Sicht

Das Ende der Einsamkeit ist in Sicht

Landwirte sind stinksauer auf die Bundesumweltministerin

Landwirte sind stinksauer auf die Bundesumweltministerin

Kommentare