Leise Töne zu lauten Gitarren

CDU-Politiker Marco Prietz leitet mit 30 Jahren die Mehrheitsgruppe im Kreistag

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Gewohntes Bild: Marco Prietz im Anzug.

Rotenburg/Bremervörde - Von Michael Krüger. Poltern ist nicht seine bevorzugte politische Disziplin, und doch weiß Marco Prietz schon in jungen Jahren ziemlich genau, wie er sich im Geschäft zu bewegen hat. 30 Jahre alt ist der Bremervörder CDU-Politiker erst, und irgendwie doch schon ein alter Hase – dem sich in den kommenden Jahren auf Partei- und Funktionsebene noch eine Menge Türen öffnen dürften. Hören will er das nicht. Er arbeitet lieber daran.

46 Jahre älter ist sein Vorgänger Heinz-Günter Bargfrede, seit Herbst 2016 führt Prietz die Kreistag-Mehrheitsgruppe aus CDU, WFB, FDP und Freien Wählern. Ein Generationswechsel, wie sie Prietz schon einige Male erlebt hat in seinen Funktionen. Mitglied im Landesvorstand der Jungen Union, Stadtrats- und Ortsratsmitglied, Parteichef im Gemeindeverband, seit 2016 der Kreistag. Nur einmal ist er bislang politisch auf die Nase gefallen.

Der Anfang ist eigentlich viel zu CDU-kitschig, aber er ist wahr, wie Prietz immer wieder betont. 1998 entdeckt der gerade einmal Zehnjährige, in einem recht unpolitischen Haushalt aufgewachsen, sein Interesse für das, was sich damals in Bonn und Berlin abspielt. Helmut Kohl wird abgewählt, Prietz beginnt, Zeitungen zu lesen und des Geschehen zu verfolgen. Vier Jahre später, es ist der Wahlabend, an dem Schröder knapp gegen Stoiber gewinnt, will er zur CDU. „Unsere Lehrer waren typischerweise eher links und alle für Schröder, ich habe das nicht verstanden“, sagt Prietz. Also setzt er sich, um vielleicht selbst ein Zeichen zu setzen, noch am Wahlabend an den väterlichen PC im Wohnzimmer und füllt seinen Mitgliedsantrag für die Partei aus – ist aber noch zu jung. Ein paar Wochen später rufen die örtlichen Vertreter der Jungen Union an, bei der Nachwuchsorganisation mischt er auch als Funktionsträger schnell mit: „Im Landesvorstand hat es dann gezündet.“ Die Politik habe ihn gepackt – die Faszination am Gestalten lässt ihn Grinsen: „War wirklich so!“ Am 16. Geburtstag darf er dann auch seinen Mitgliedsantrag für die CDU ausfüllen, für ihn ein Geschenk. Seine ersten Mandate übernimmt er im Bremervörder Stadtrat und im Ortsrat Hönau-Lindorf. Das politische Geschäft von der Pike auf, wie es stets heißt. Basisarbeit. „Wenn man sich nicht aus der Ruhe bringen lässt, kann man auch in jungen Jahren Verantwortung übernehmen. Man muss sich Respekt aber verdienen“, sagt er.

Wer Prietz heute als sachlich-ruhigen Redner erlebt, ihn beobachtet, wie er in aufgeheizten Kreistagsdiskussionen oftmals wie ein Mediator auftritt, dabei mit klaren Argumenten punktet und immer wieder auch von der politischen Gegenseite Unterstützung erhält, der nimmt ihm diese erst 30 Jahre kaum ab. Dazu trägt natürlich auch seine Erscheinung bei: ein Baum von Mann, um die zwei Meter groß, leicht ergraute Haare, stets im Anzug auftretend. Spießig, langweilig? „Ich mache mir keine Gedanken darüber, wie ich von anderen wahrgenommen werde“, sagt er. Er setze auf Inhalt. Laute Töne passten nicht zu ihm. „In der Politik ist die Verlockung groß, auf den Putz zu hauen.“ Wichtiger sei aber Problemlösungskompetenz. „Und Gelassenheit: Alles lässt sich eben nicht ändern.“ Um mehr junge Leute in die Räte zu bekommen, müssten die Parteien sich weiter öffnen, betont der 30-Jährige. „Es muss Ältere geben, die bereit sind, Verantwortung abzugeben.“ Auch wenn Kommunalpolitik erstmal nicht sexy sei, müsste man die jungen Leute davon überzeugen, wie toll es sein kann, zu gestalten. Dafür müssten die Nachwuchsorganisationen aktiver sein.

Es gibt aber auch den Menschen Prietz jenseits des Politikers. Aktuell sogar mehr als noch in den Jahren zuvor. Mit seiner Frau baut er gerade ein Haus in Bremervörde, Mittelpunkt der Familie ist der einjährige Sohn. Dort schaltet Prietz ab, dort holt er sich Kraft für den Beruf. Seit 2010 arbeitet er beim Landkreis Osterholz, leitet seit Oktober das Amt für Kreisentwicklung mit 20 Mitarbeitern und studiert nebenbei noch Kommunales Verwaltungsmanagement in Hannover. So gefordert, bleibe auch kaum Zeit, über seine erste große politische Niederlage nachzudenken – die Niederlage bei der Nominierung für die Landtagskandidatur im Nordkreis gegen Marco Mohrmann im vergangenen Jahr. Der sitzt mittlerweile in Hannover, doch das Thema sei auch zwischenmenschlich längst vom Tisch, beteuert Prietz. „Kein Drama.“ Selbst wenn er hart darauf hingearbeitet habe, habe er mit 28 Jahren nur eine Nominierung verloren. Mehr nicht. Wohin es auf politischer Ebene stattdessen irgendwann mal gehen könnte? Nicht wenige sehen Prietz als einen aussichtsreichen Kandidaten für die Nachfolge von Landrat Hermann Luttmann (CDU) im Rotenburger Kreishaus. 2021 wird neu gewählt, Luttmann, dann 64, könnte sich verabschieden. Prietz sagt dazu nichts. Nur: „Politik ist so dynamisch, dass es keinen Sinn ergibt, langfristig Pläne zu schmieden“ – und hält sich damit alle Türen offen.

Viel gelernt habe er über politischen Stil von seinem einstigen Vorgesetzten Jörg Mielke, heute Chef der Niedersächsischen Staatskanzlei. Obwohl SPD-Politiker, habe ihn Mielke als Landrat in Osterholz beeindruckt mit seiner strukturierten Art und klaren Vorschlägen. Dessen Politik habe immer auf Lösungen hingearbeitet, Parteipolitik habe nie eine Rolle gespielt. Das gelte im Osterholzer Kreishaus bis heute, auch mit Mielkes Nachfolger Bernd Lütjen, ebenfalls SPD, sei das nie ein Thema – vielmehr unterstütze das Haus Prietz’ politische Ambitionen vollumfänglich.

Dass die auch mal pausieren, sorgt auf der anderen politischen Seite hin und wieder für Irritationen. Erst kürzlich kommentierte der Kreistagsabgeordnete der Linken, Nils Bassen, einen Facebook-Post von Prietz mit „Das kommt unerwartet!" Dabei hatte der nur erklärt, zum Wacken Open Air zu fahren. Da ist Prietz tatsächlich Dauergast – ohne Anzug. CDU und lauter Metal, passt das denn? „Klar“, sagt Prietz, „sogar sehr gut.“ Das sei doch offensichtlich: „In der CDU und beim Wacken gibt es überall nur positiv denkende Menschen.“

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