Jazziger Ausnahmezustand

Anna Maria Jopek in der Realschule: Leidenschaft auf Polnisch

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Mit wandlungsfähiger und nuancenreicher Stimme überzeugte Anna Maria Jopek das Publikum.

Rotenburg – Spätestens nach dem jüngsten Konzert von „Just Jazz“ muss das „Just“ endgültig aus dem Vereinsnamen gestrichen werden – das „nur“ verbietet sich bei Anna Maria Jopek. Den polnischen Star der internationalen Jazzszene, der schon mit Größen wie Pat Metheny, Bobby McFerrin oder Sting arbeitete, nach Rotenburg in den Konzertsaal der Realschule zu holen: ein veritabler Coup des neuen Vorstandsvorsitzenden Michael Behr.

Er hat hoch gepokert und tief in die Tasche gegriffen – und auf ein volles Haus gehofft, um trotz der nicht eben geringen Kosten des aufwendigen Konzerts mit stimmiger Sound- und Beleuchtungstechnik eine schwarze Null einzuspielen. Am Ende erschienen, vermutlich dem reichhaltigen Kulturangebot just an diesem Abend geschuldet, „nur“ rund 250 statt der erhofften 400 plus Besucher. Doch wer wollte sich angesichts der gebotenen Qualität um Quantitäten scheren?

Im Publikum fanden sich viele beschlagene Zuhörer. Tilman Purrucker, ehemaliger Leiter der Kreismusikschule, sprach ihnen aus dem Herzen: „Eigentlich passte es terminlich nicht – aber wenn die Jopek kommt, muss man dabei sein!“ Und auch viele Landsleute waren zum Teil weit über den Landkreis hinaus angereist. Die Polin Alexandra Behrens erklärte, warum: „Die Verbindung der tragischen Volkslieder mit ihrer modernen Interpretation – das ist so schön nostalgisch!“ In der Tat dominierte die Melancholie der Traditionals das erste Set. Die Leistung der 48-Jährigen: die einfachen Melodien auch der Einführung des Themas nie banal klingen zu lassen. 

Die stimmige Beleuchtung in fröhlichen Farben kontrastierte im ersten Teil mit den eher tragischen Improvisationen zu Volksweisen aus der Heimat.

Wie sie das macht? Es ist wohl die Mischung: leicht rauchige Stimme, sich überlappende Motive, spielerisch eingeworfene rhythmische Verschiebungen von Bass und Drums (Robert Kubiszyn und Pawel Dobrowolski erweisen sich genau wie Krzysztof Herdzin an Piano und Bassklarinette als formidable Musiker, wie sich in den Soli zeigt), vor allem aber ihre Leidenschaft. Die schlanke, fast zerbrechliche Frau im „kleinen Schwarzen“ singt nicht, die Lieder durchströmen sie. Sie lebt die Tragik, schlingt immer wieder in echter Verzweiflung ihre Arme um sich, wenn sie vom Warten auf den Geliebten, von Angst und Einsamkeit singt. Das versteht zwar kaum einer, ist es zum Entziffern der verteilten Zettel mit Liedübersetzungen zu dunkel, doch das tut der Sache keinen Abbruch: „Ihr müsst nicht alles verstehen“, meint sie in einer ihrer seltenen Ansagen (und der einzigen gesprochenen, ihr Willkommen und Dank erfolgen nämlich im Sprechgesang). „Musik ist die universellste Sprache.“ Und empfiehlt: „Behandelt mich einfach wie eine verrückte Trompete!“ Das ist nicht ganz aus der Luft gegriffen, touchieren ihre gellenden, beängstigend lang angehaltenen Endtöne doch mitunter die Schmerzschwelle.

Doch die Jopek kann auch anders: flüsternd, schmeichelnd, und im zweiten Teil mitunter orgiastisch. Und auch das Tempo zieht merklich an. Nach zweieinhalb Stunden fragt die ehemalige ESC-Teilnehmerin: „Warum hab ich eigentlich ein so langes Programm aufgestellt? Könnt Ihr noch?“ Klar, sogar die Rufe nach der dritten Zugabe sind nur mit einem Wiegenlied als ultimativem Rausschmeißer zu stoppen. Am Ende steht die Botschaft: „Liebe ist das Allerwichtigste“ – klar, dass auch dies gesungen wird.

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