15-jähriger beweist Mut

Der Lebensretter vom Bullensee: Micha Ortlieb bewahrt 28-Jährigen vorm Ertrinken

Ein junger Mann, der großen Mut bewiesen hat: Mit letzter Kraft hat der 15-jährige Micha Ortlieb den Bewusstlosen aus dem Wasser an den Strand gebracht.
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Ein junger Mann, der großen Mut bewiesen hat: Mit letzter Kraft hat der 15-jährige Micha Ortlieb den Bewusstlosen aus dem Wasser an den Strand gebracht.
  • Ann-Christin Beims
    vonAnn-Christin Beims
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Rotenburg/Verden – „Ich konnte nicht beide retten, aber wenigstens einen.“ Das sagt der 15-jährige Micha Ortlieb aus Verden bei einem Gespräch am Bullensee. Es ist das erste Mal, dass er dort seit dem tragischen Badeunfall am vergangenen Mittwoch ist, bei dem eine 25-jährige Frau aus Rotenburg ums Leben gekommen ist. Der Schüler ist zuerst ruhig, schaut sich um. Schwimmen möchte er dort vorerst nicht mehr, vom Rasen aus auf den See zu gucken, das macht ihm aber nichts aus, sagt er.

Micha Ortlieb ist an diesem Tag mit seinem Bruder, seiner Schwester und Mutter an den Bullensee gefahren. Geplant ist das nicht. Aber es ist warm und da bitten die Kinder ihre Mutter so lange, bis sie nachgibt. Sein Bruder und er schwimmen weit raus. So, wie sie es am liebsten machen. Denn hinter der Absperrung für Nichtschwimmen wird es tiefer. Beide tauchen gerne, dort mache es am meisten Spaß. Sie sind gute Schwimmer und Taucher, versichern die Eltern Nelli und Sergei Ortlieb, die ihren Sohn heute begleiten. Jedes Jahr fahren sie mit ihren Kindern in den Urlaub, die meiste Zeit verbringen diese dann im Wasser. Und auch in der Aller schwimmt der Jugendliche gerne.

Die junge Frau und den Mann hatte Micha Ortlieb bereits vorher bemerkt. Der Mann sei schon im Wasser gewesen, die Frau etwas zögerlicher hinterher, bis hinter die Absperrung. „Sie schien einen Krampf zu haben, dann habe ich sie nicht mehr gesehen“, erzählt der Schüler. Er und sein Vater kennen die Stelle mit der Abbruchkante genau, sind dort oft geschwommen. „Man geht einen Schritt und dann ist der Boden plötzlich weg, es ist kalt. Da kann man sich erschrecken“, sagt Sergei Ortlieb. Sein Sohn habe den Mann mit den Armen rudern sehen und sei direkt losgeschwommen, habe realisiert, dass etwas nicht stimmt. Der Mann habe ihn wohl bemerkt, scheinbar versucht, auf die Frau aufmerksam zu machen. Als der Jugendliche ankommt, ist die Frau verschwunden, der Mann hängt bewusstlos im Wasser. „Ich konnte nur das Weiße in seinen Augen sehen“, sagt Micha Ortlieb. Es ist ein Anblick, der ihn noch ein paar Nächte verfolgen wird.

Kraftanstrengung nötig, um Mann aus dem Wasser zu ziehen

Mit großer Kraftanstrengung beginnt er, den Mann aus dem Wasser zu ziehen. „Der war richtig schwer“, erinnert er sich. Seine Eltern sind stolz auf die Leistung, aber „das war für ihn auch gefährlich“, sagt sein Vater. Der bewusstlose 28-Jährige aus Langwedel hätte ihn runterziehen können. Der Achtklässler habe vorher nochmal versucht, nach der Frau zu tauchen. „Aber ich konnte nichts sehen.“

Unterdessen realisieren weitere Menschen die Notlage, kommen zu Hilfe. Einige tauchen an der Stelle nochmal, können die Frau aber nicht finden. Am Strand hätten weitere Badegäste geholfen, den Mann herauszuholen.

Danach sei die Rettungskette in Gang gesetzt worden. Eine Frau hat den Notruf abgesetzt, innerhalb weniger Minuten sei der Krankenwagen da gewesen. Kurz danach Polizei und Feuerwehr. Einige Helfer hätten den Mann Richtung Parkplatz getragen. „Das ging rum wie ein Lauffeuer, bis nach Verden“, erinnert sich sein Vater Sergei Ortlieb. Unterdessen sei sein Sohn erstmal auf die Knie gegangen. „Ihm war schwindlig und schlecht, das war einfach zu viel“, sagt seine Mutter. „Das war ein ordentlicher Adrenalinkick.“

Hohe Zahl an Schaulustigen ärgert den Lebenretter vom Bullensee

Was den Jugendlichen aber ärgert, sind die vielen Schaulustigen, die ihre Handys zücken, statt zu helfen. „Es gab einige, die hilfsbereit waren, aber auch viele, die weggeschaut haben“, kritisiert er. Später habe er ein Video bei Instagram gesehen, auf dem zu sehen ist, wie er den Mann Richtung Land schleppt. Statt dem Jungen zu helfen, der am Ende seiner Kraft ist, wird die Kamera draufgehalten. „Das ist nicht lustig. Ich habe als kleines Kind auch neugierig geguckt, wenn etwas los war, aber heute würde ich immer helfen“, sagt der 15-Jährige, der in diesem Augenblick sehr erwachsen wirkt. „Manche Leute sind etwas gleichgültig“, sagt auch Nelli Ortlieb. „Es gab aber auch viele, die sofort gekommen sind, Tipps gegeben haben, wie man dem Mann helfen kann.“ Ihr Sohn wünscht sich mehr Wachsamkeit, gerade an Seen und anderen Badestellen. „Jedem kann mal etwas passieren. Aber was ist, wenn keiner wachsam ist?“

Nachdem Micha Ortlieb den Rettungskräften erklärt hatte, was passiert war und er ärztlich durchgecheckt ist, konnte er nach Hause fahren. „Wir wollten auch nicht, dass die Kinder die Bergung der Frau sehen“, meint seine Mutter. Anfangs habe er gehofft, dass man die vermisste Frau schnell findet. Dass man sie wiederbeleben kann. „Es ist sehr traurig um sie, aber wenigstens konnte ich einen retten“, erzählt er. Und das ist es, was zählt: Er hat sich eingesetzt, war bereit, zu helfen. „Wir freuen uns sehr, es ist ein Menschenleben, eine Person, die weiterleben darf“, sagt seine Mutter. Sein Vater stimmt ihr zu, er hält es nicht für einen Zufall, dass sein Sohn vor Ort war – „denn eigentlich wäre er gar nicht da gewesen, aber sie haben so lange drum gebeten, bis Nelli mit ihnen gefahren ist.“ Vielleicht sollte es so sein, dass der 15-Jährige zum Lebensretter geworden ist. Nun hat er nur noch einen Wunsch: Dass sich der Gerettete bei ihm meldet, er weiß, dass es dem Mann gut geht.

Zur Info: Ein großer Dank

Am Montag wird Micha Ortlieb im Rotenburger Rathaus von Stadt und Polizei für seine mutige Tat mit einer Urkunde und einem Geschenk geehrt.

Spendenaufruf für Anastasie Djomaha Ngatchoua

Anastasie Djomaha Ngatchoua ist nur 25 Jahre alt geworden. Die Auszubildende am Rotenburger Diakonieklinikum zur Gesundheits- und Krankenpflegerin ist am 17. Juni bei dem Unfall im Bullensee ums Leben gekommen. Als ein Taucher die junge Frau nach vier Stunden fand, kam jede Hilfe für sie zu spät. Die gebürtige Kamerunerin wohnte seit September in Rotenburg. Ihr älterer Bruder, Yves Clovis Youadjo, lebt in Hamburg und hat nun einen Spendenaufruf gestartet und wendet sich an die Öffentlichkeit, damit seine Schwester in ihrem Heimatland bei ihren Eltern beerdigt werden kann. Wer helfen möchte, kann auf der Seite www.leetchi.com/c/solidarite-pour-anastasie-mimi spenden. Der Text dort ist auf Französisch, eine der beiden Amtssprachen in Kamerun. Darin beschreibt Youadjo, was seiner Schwester passiert ist und dass man nichts mehr habe für sie tun können. Das Schwimmen ihr Hobby war „nicht wissend, dass das Schwimmen im Schwimmbad anders ist als das Schwimmen in einem See“, heißt es darin. Nun möchte die Familie, dass sie nach Hause kommen kann.

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