Lebensretter Anonyme Alkoholiker: Betroffene erzählen von ihren Erfahrungen

Mit einem Bein im Grab

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Für viele sind die Anonymen Alkoholiker die Rettung.

Sottrum - Von Inken Quebe. Das Glas Rotwein zur Pasta, die Flasche Bier zum Feierabend – Alkohol gilt in der Gesellschaft als akzeptiertes Genussmittel. Doch was ist, wenn das Trinken überhand nimmt und den Alltag bestimmt? Bis die Selbsterkenntnis eintritt, dass man ein Problem hat, kann es Jahre dauern. Dann gehen viele den Weg zu den Anonymen Alkoholikern (AA). Im Landkreis Rotenburg gibt es zum Beispiel in Zeven, Rotenburg und Sottrum die Möglichkeit, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen.

Freitagabend, 19.30 Uhr: Während viele Menschen zum Beispiel mit einem Bier ins Wochenende starten, stehen im Gemeindehaus der St.-Georg-Kirche Sottrum Wasser und Kaffee auf dem Tisch. Seit vier Wochen treffen sich die AA immer um diese Zeit – zusätzlich zu dem Termin am Sonntag, den es bereits seit elf Jahren gibt. An diesem Freitag ist es ein offenes Meeting, das heißt, es dürfen auch die Angehörigen der Alkoholiker (Al-Anon genannt) mit dabei sein.

Die Sitzung leitet Rolf W.*, der seit inzwischen 30 Jahren, sein halbes Leben, keinen Tropfen mehr anrührt. „Darauf bin ich nicht stolz, sondern ich bin dankbar, dass ich es mit den AA und Freunden geschafft habe.“ Von heute auf morgen war Schluss mit Bier, Schnaps und Co. Warum? „Das weiß ich nicht. Aber es hat mein ganzes Leben verändert.“ Dass er ein Problem hat, das habe er selbst herausgefunden. „Dich aus diesem Loch herausziehen, kann sonst keiner.“ Dann sagt Rolf W. einen Satz, der in ähnlicher Form noch einige Male unter den Teilnehmern fällt: „Ich habe mit einem Bein im Grab gestanden.“ Auch wenn er es dank der Selbsthilfegruppe geschafft habe, ist er sich sicher: Alkoholiker sei man ein Leben lang. „Früher habe ich gedacht, wenn ich alt bin, genehmige ich mir noch ab und zu etwas“, schildert er. Inzwischen sei er davon abgerückt: „Wenn ich heute ein Glas anrühre, bin ich genau da, wo ich vor 30 Jahren war.“ Da reiche es schon, etwas Falsches zu essen, denn viele Lebensmittel enthalten Alkohol.

Auch Günter M. und seine Frau Heike nehmen die Möglichkeit zum Austausch wahr. „Der dritte September 2011 war mein letzter nasser Tag“, erzählt er. Nasse Alkoholiker sind solche, die noch trinken. Günter dagegen ist trocken. Sein Weg in den Alkoholismus sei kurz gewesen: Altersteilzeit, nichts zu tun – binnen drei Jahren sei es steil bergab gegangen. „Ich habe in der Zeit so viel getrunken wie andere in ihrem ganzen Leben nicht“, sagt er rückblickend. Seine Frau Heike habe ihm schließlich gesagt, dass er weniger trinken soll.

Wie gefährlich die Trinkerei und die Nebenwirkungen sind, hat auch Jörg P. erlebt, der inzwischen die zufriedene Abstinenz lebe. Er trank sogar noch weiter, als er nach einem Krampfanfall stürzte und im Koma lag. Sogar entmündigt wurde P., die Eltern übernahmen die Vormundschaft für ihren erwachsenen Sohn. Als seine Mutter zu den Al-Anon stieß, kam P. mit und ging danach auch zu den AA. „Selbst da habe ich mir in den Pausen noch Sprit geholt“, erinnert er sich. Die regelmäßigen Treffen mit positiven Beispielen der trockenen Alkoholiker zeigten Wirkung – irgendwann fiel der Groschen: „So etwas wie die Anderen wollte ich auch.“ Den für ihn schmerzhaften Entzug zog er diesmal durch.

Doch auch für Angehörige wird die Sucht des anderen meist zum Problem. Das hat auch Simone K. leidvoll erfahren müssen. Zunächst habe sie mit ihrem Partner, ihrem heutigen Ehemann Volker, im Ruhrgebiet gelebt. „Ich wusste zu Anfang nicht, dass Alkohol eine Sucht sein kann.“ Trinken habe damals zum Alltag gehört. Erst als es das Paar nach Norddeutschland verschlug und sie heirateten, habe Simone K. gespürt, dass etwas nicht stimmt. Große Sorgen bestimmten ihr Leben: Wann kommt ihr Mann von der Arbeit zurück? Ist er dann wieder betrunken? „Mein ganzer Körper bestand aus Angst. Ich war co-abhängig.“ Mit 27 Jahren ist sie schließlich zu den Al-Anon gestoßen – und bis heute geblieben. Dort erhalten die Teilnehmer – meistens seien es die Ehefrauen des Alkoholikers – kein „Patentrezept“, wie sie ihren Mann vom Trinken abhalten können. Simone K.: „Ich habe gelernt: Ich muss mich um mich kümmern und ihn saufen lassen.“ Das habe ihr geholfen, sich emotional von Volker K. zu lösen. Trotz aller Widrigkeiten hat das Paar seine Ehe nicht aufgegeben. Inzwischen ist auch Volker K. trocken, die zwei haben sich ein neues Leben aufgebaut.

Wer als Außenstehender dazustößt, gewinnt den Eindruck, dass es sich um eine fröhliche Runde handelt, die an diesem Abend im Gemeindehaus zusammensitzt. Alle machen Späße, necken sich. Diese Stimmung bringt Simone K. auf den Punkt: „Heute können wir darüber lachen. Damals war es fürchterlich.“

*Alle Namen von der Redaktion geändert.

Anonyme Alkoholiker

Die Gemeinschaft der Anonymen Alkoholiker ist 1935 in den USA entstanden. Gegründet haben sie der Chirurg Bob S. und Bill W., die beide an der Krankheit Alkoholismus litten. In Deutschland gab es 1953 die erste Gruppe in München. In Rotenburg halten die AA seit etwa 40 Jahren Treffen ab. Bei den AA handelt es sich nicht um eine Therapie. Es geht darum, dass Betroffene ihre Erfahrungen austauschen. Weitere Informationen gibt es unter den Telefonnummern 04267/1596 (Sottrum) sowie 04261/4747 (Rotenburg). Zu den Al-Anon gibt es Näheres unter 04269/5509 (Rotenburg) und 04282/911209 (Zeven).

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