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Ein lebendiger Ort

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Bürgermeister Andreas Weber betonte die Bedeutung des Museums.
Bürgermeister Andreas Weber betonte die Bedeutung des Museums.

Rotenburg – Dicht gedrängt zwischen den Säulen mit der Geschichte der Familie Cohn erlebten die Gäste am Samstag die Eröffnung der Ausstellungserweiterung. Fast ein Sinnbild, machen das jüdische Museum und die Kulturwerkstatt das Schicksal der jüdischen Mitbürger doch ganz dicht und unmittelbar erlebbar. Und dazu gehören nicht wie bis dato nur die Schicksale der Familienmitglieder, die in Konzentrationslagern zu Tode kamen, sondern nun auch die Themen Exil und Rückkehr.

Zur Eröffnung begrüßte die Vorsitzende des Fördervereins und maßgebliche Triebfeder bei der Erweiterung, Inge Hansen-Schaberg, ihre Berater Manfred Wichmann, Kurator der bisherigen Dauerausstellung, und Christian Coers, der für das Design verantwortlich zeichnete.

Wichmann erinnerte anlässlich des zehnjährigen Bestehens der Cohn-Scheune an die Anfänge. Damals habe er als Kurator mit dem Begriff ‚Kulturwerkstatt‘ gefremdelt, heute wisse er: „Ein lebendiger Ort der Vermittlung, voller historischer Perspektiven, nicht fertig, immer in Bewegung – das passt!“ Der „Teenager“, der viel Betreuung erfahren habe, stehe jetzt auf eigenen Füßen; „Verantwortung hat er aber schon vorher getragen“.

Auch Bürgermeister Andreas Weber unterstrich die Bedeutung des Erinnerungsortes. Er sei betroffen, dass das größte Verbrechen an der Menschheit auch in Rotenburg passiert sei „und dass es auch heute, wo wir fortwährend daran erinnern, als ,Vogelschiss der Geschichte‘ bezeichnet wird.“

Einer der wichtigsten Gäste war wohl Edith Meinhardt, die aus Dresden angereist war. Als Vertreterin der Familie überbrachte die Cohn-Enkelin die Grüße der letzten Zeitzeugin, ihrer Mutter Hildegard Jacobsohn, die den neuen Ausstellungsteil mit dem Beisteuern privater Unterlagen maßgeblich ermöglicht hatte. „Als Kind wusste ich, dass alle, die geflüchtet waren, überlebt haben – keiner derer, die hier blieben.“ In Anlehnung an die bekannte und dieser Tage oft zitierte Kästner-Allegorie, den rollenden Schneeball des Faschismus zu stoppen, bevor er zur Lawine werde, dankte sie den ehrenamtlich Tätigen: „Ihr tut etwas, um den rollenden Schneeball aufzuhalten!“ In ihrer Ansprache nahm sie auch auf die Rückkehr ihrer Mutter ins Nachkriegsdeutschland Bezug: Dieser sei vorwurfsvoll die Frage gestellt worden, wie man zurückgehen konnte – „die Täter, Mörder, Mitläufer, die weggeschaut hatten, waren ja noch da. Die Eltern fühlten sich verantwortlich für das Land und wollten es so wieder aufbauen helfen, dass es keinen Hass mehr gäbe und so etwas nicht mehr möglich ist“.

Nachgezeichnet hat die Erziehungswissenschaftlerin Hansen-Schaberg nicht nur das Leben von Hildegard Cohn, die als Hausangestellte nach England flüchten konnte und mit ihrem Mann später in die DDR zurückging, wo sie als „West-Immigrantin“ schikaniert wurde. Sondern auch das ihrer Schwester Erna, die mit ihrem Mann Julius Appel zunächst versuchte, einem Bekannten nach Argentinien zu folgen, 1938 aber nach Kolumbien emigrierte – dem ersten Land, dessen Botschaft grünes Licht gab.

Für diese Erkenntnisse hatte sich Hansen-Schaberg in sechs Monaten detektivischer Kleinarbeit durch Melderegister gewühlt, zensierte Briefwechsel ausgewertet, Anfragen bei Archiven gestellt. Dabei kamen der Exilforscherin ihre Netzwerke zugute, aber auch der enge Kontakt mit Meinhardt. Dank des neuen Materials können sich die Besucher nun anhand neu aufgetauchter, historischer Fotos und Dokumente selbst ein Bild machen. Von der britischen „Aliens Order“, in der die Neuankömmlinge angehalten wurden, nicht aufzufallen, nicht laut zu sprechen und unverzüglich die richtige Aussprache zu lernen. Von den Zwangsabgaben der Fluchtwilligen, die schon vor der Ausreise verarmten. Und vom Besuch Appels in Buchenwald, wo er selbst von 1933 bis 1939 eingesessen hatte.  hey

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