Serie „Digitales Leben“

Computermuseum in Visselhövede zeigt digitale Entwicklung auf

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Auch die Entwicklung des Apple iMacs ist im Computermuseum nachzuvollziehen.

Rotenburg/Visselhövede - Von Guido Menker. Unser leben wird immer digitaler. Fast jeder hat ein Smartphone in der Tasche. Der Computer in der eigenen Wohnung ist so selbstverständlich wie früher der Fernseher. Apps helfen uns, Heizung, Licht und sogar den Staubsauger zu steuern. Das Internet dient uns als Basis, um unseren modernen Alltag zu regeln. Es gibt im Landkreis Rotenburg allerdings einen Ort, der uns vor allem eines deutlich vor Augen führt: Es war nicht immer so: das Computermuseum in Visselhövede. Wir haben uns dort umgeschaut.

Marcus Dachsel ist 45 Jahre alt und gehört damit zu jener Generation, die die Entwicklung dessen, was für uns heute selbstverständlich ist, hautnah miterlebt hat. Er ist Vorsitzender vom Forum für Computer-Geschichte, das das Museum betreibt. Als Dachsel zehn Jahre alt war, bekam er seinen ersten Computer. Einen der inzwischen zu einer Legende geworden ist: der C64 von Commodore. „Den wollten alle haben“, erinnert er sich. Doch nicht jeder hat ihn bekommen. Es war eine Zeit, in der Kinder noch überwiegend draußen gespielt haben. Um Musik zu hören, haben sie Schallplatten aufgelegt und ihre Lieblingssongs per Kabel auf eine Kassette aufgenommen. Die lief so lange, bis sie zu leiern anfing – wenn ihnen nicht vorher ein Bandsalat das Hörvergnügen vermasselt hat. „Mixed Tapes“ waren die Renner in der Schule.

Heute streamen wir die Musik oder spielen sie uns im MP3-Format aufs Handy. Dazwischen liegen Jahre, in denen die Technik eine zum Teil rasante Entwicklung genommen hat. Das Team im Computer-Museum hat für sich daraus eine deutliche Marschroute formuliert: „Unser Ziel ist es, zu zeigen, wo das alles angefangen hat und wo wir heute stehen“, sagt Dachsel. Das Museum befindet sich an der Celler Straße 1 in der ehemaligen Zündholz-Fabrik. Jeden Samstag von 14 Uhr an sind Gäste willkommen, um sich bei freiem Eintritt darin umzuschauen. Viele der altertümlich anmutenden Geräte funktionieren noch und können zum Teil ausprobiert werden. Da glänzen bei so manchem Besucher die Augen. „Es ist immer wieder schön, zu hören, wie Erwachsene ihren Kindern erzählen, welche sie von den ausgestellten Geräten zu Hause hatten“, sagt Dachsel. Da gehe es um Erinnerungen und Lebensträume, weil der Fundus in seiner Breite und Masse so nicht vermutet werde. Es sind Dinge aus ihrer Zeit, in der sie groß geworden sind. Dachsel: „Der Wiedererkennungswert ist sehr groß.“

Vieles von dem, was gestern noch aktuell war, ist heute längst überholt – und reif für die Tonne.

Das betrifft nicht nur den C64, sondern auch die ersten Spielekonsolen aus dem Hause Nintendo sowie deren Vorfahren, die Ende der 1970er-, Anfang der 1980er-Jahre in einigen Haushalten zu finden waren: ganz einfache „Telespiele“. Sie zeigten ein Spielfeld mit Mittellinie. Links und rechts waren kleine Balken nach oben oder unten zu bewegen, um einen Ball – der war allerdings eckig – wieder zum Gegner zu spielen. „Früher hatten diese Geräte das Image, die Familie zu Hause zusammenzubringen“, erinnert sich Dachsel an die Werbung. Heute stehen Spielekonsolen vor allem für Jugendliche, denen die Sozialkontakte fehlen.

Marcus Dachsel ist Vorsitzender des Vereins.

Der Vorsitzende des Computervereins verweist auf den großen Fundus an Spielekonsolen, der nahezu alle Generationen beinhaltet. Nicht weit entfernt liegt eines der ersten Handys – ein Gerät von Siemens mit kabelgebundenem Hörer auf einem kleinen Koffer. Für Otto-Normalverbraucher war ein solches Gerät kaum zu bezahlen, als es in den 80er-Jahren auf den Markt kam. Nur wenige Jahre später setzte sich das Handy durch. In jener Zeit entwickelte die Industrie auch erste Taschen-Computer (Palm). Diese halfen beim Organisieren von Kalendern und Adressen. Im Computerbereich folgte der Amiga dem C64, Ende der 80er- und Anfang der 90er-Jahre dann gab es halbwegs erschwingliche PCs für zu Hause und auch erste Modems, um online zu gehen. Bildschirmtext (BTX) und Mail-Boxen waren mehr oder weniger beliebt. Mitte der 90er-Jahre kam dann der Schub – befördert durch das verfügbare Internet. „Das haben dann vor allem die Unternehmen für sich entdeckt“, sagt Dachsel. „Was das Internet heute ist, war nie der Plan“, fügt er hinzu. Gerade was die Entwicklung beim Einzug des Computers in die privaten Haushalte angeht, hat das Museum viel zu bieten. DOS-Rechner ebenso wie die ersten Apple-Geräte.

Die Anfänge im Online-Bereich haben solche Modems möglich gemacht. BTX und Mail-Boxen waren das Ziel.

Die Entwicklung ging rasend schnell voran. Jetzt, zu Weihnachten, werden viele Handys, Digitalkameras, Bluetooth-Boxen, kabellose Kopfhörer und mit Kamera ausgestattete Drohnen unterm Weihnachtsbaum liegen. Früher haben sich die Leute über ein Kofferradio, später über den „Ghettoblaster“, über Diaprojektoren, Musiktruhen, einen Walkman oder eine halbelektrische Schreibmaschine gefreut. Auch das alles taucht im Computer-Museum auf. Besucher reisen im Kopf zurück in der Zeit – mit dem Wissen um die technische Entwicklung und der Selbstverständlichkeit, dass heute zum Zeigen der Urlaubsbilder ein Handy reicht, um die Fotos drahtlos sowie in perfekter Qualität auf den Flachbildfernseher zu übertragen. Es braucht keine Leinwand mehr, keinen Diaprojektor, keine Dias, die erst einmal gerahmt werden müssen. Musik muss keiner mehr besitzen – es reicht ein monatliches Streaming-Abo für einen Preis, den zuvor jede aktuelle CD um mindestens 50 Prozent übertroffen hat. Doch auch die CD war einst ein großer Sprung. Ebenso wie die VHS-Kassette, die Kino nach Hause lieferte und erst mit der DVD aus den Wohnzimmern verschwand.

So hat man früher Musik gehört: Mit einem stilvolllen Gehäuse kommt dieses Radio daher.

„Früher war nicht alles schlecht, heute ist nicht alles besser“, sagt Marcus Dachsel. Er unterstreicht, dass bei aller Euphorie, die die Ausstellung in Visselhövede auslöst, auch kritische Blicke dazu gehören. Vor allem bei den 31 Mitgliedern des Vereins, aber auch bei vielen Besuchern. Der Schutz der Daten etwa. Da gehe es um die Frage, was mit den aufgezeichneten Bewegungsprofilen im Handy passiert. „Man redet sich das ja auch immer wieder schön. Aber es weiß eben keiner, wohin das alles noch führt“, meint der 45-Jährige. Selbst seine Waschmaschine sei internetfähig. „Klar, das ist eine Spielerei und auch ganz witzig, aber muss ich wirklich alles ins Netz hängen?“

Vor allem Kindern und Jugendlichen fehle der kritische Blick, der sich bei ihm selbst ebenfalls erst später entwickelt habe. „Es geht einerseits um die Möglichkeiten, andererseits um die Gefahren“, erklärt der Rotenburger. Das alles werde ihnen nicht erklärt, dabei seien Informationen und Aufklärung sowie die Sensibilisierung für die kritischen Aspekte dabei so unglaublich wichtig.

Dieser Compaq ist einer der ersten Laptops. Dick, schwer, kleiner Bildschirm. Aber immerhin gab es schon eine Docking-Station zum Anschluss an einen größeren Monitor. Und: Das Teil verfügt über einen Akku.

Verändert habe sich aber noch mehr: In den Anfangszeiten, in denen die Jugendlichen einen C64 herbeisehnten, waren sie noch in der Lage, selbst kreativ zu werden, um Programme oder Spiele zu entwickeln. Das sei heute nicht mehr der Fall. Den pizzaessenden Nerd, der die Nacht nicht im Bett, sondern vor dem Computerbildschirm verbringt, gibt es nicht mehr. Heute liegen sie im Bett und schlafen mit dem Smartphone in der Hand ein. So ändern sich die Zeiten.

Und doch: Die Ecke mit den Spiele-Konsolen ziehe beim jährlichen Tag der offenen Tür viele Jugendliche an, sagt Dachsel. Dann zocken sie so wie damals. Momente, in denen das Smartphone (fast) keine Rolle mehr spielt.

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