Geschäft Hildebrandt 

Der letzte Fleischer in Rotenburg schließt seine Türen

Erhard Hildebrandt steht seit vielen Jahren hinter dem Thresen seiner Fleischerei an der Harburger Straße in Rotenburg. - Fotos: Quebe

Rotenburg - Von Inken Quebe. Ein bisschen scheint es, als wäre in der Fleischerei Hildebrandt in Rotenburg die Zeit stehen geblieben. Abgesehen von den elektronischen Geräten fühlt man sich schon beim Schritt über die Türschwelle in die 70er-Jahre zurück versetzt. Es riecht nach Wurst, die auch optisch alles in dem kleinen Geschäftsraum bestimmt. Aber damit ist ab dem 31. Oktober Schluss. Dann geht Besitzer Erhard Hildebrandt in den Ruhestand – und mit ihm einer der letzten Fleischer in der Region, der auch selbst schlachtet.

Die Fleischerei Hildebrandt ist für viele sogar zum Treffpunkt mit alten Bekannten geworden.

„Am letzten Tag werde ich bestimmt weinen“, sagt Verkäuferin Silke Kalkbrenner. Schon seit der Ausbildung ist sie Teil des Fleischerei-Teams, zu dem insgesamt elf Mitarbeiter gehören. Viel hat sich im Laufe der Jahre nicht geändert. Einen neuen Thresen, sagt Erhard Hildebrandt, den habe es mal gegeben. „Wir sind altmodisch. Aber das ist gut so“, sagt der 65-Jährige.

Im Schaufenster an der Harburger Straße liegen grüne Tücher, darauf eine künstliche Blumenwiese, die dem Laden trotz der herbstlichen Temperaturen eine frühlingshafte Optik verpasst. Ganz in der Ecke stehen zwei Stühle und im Regal zum Beispiel Gläser mit Senf oder Rotkohl, Ketchup-Flaschen, verschiedene Gewürze und abgepackte Nudeln. Auch diese, nur spärlich gefüllte Auslage zeigt es an: Bald ist Schluss.

Seit 1956 in Rotenburg

Die Fleischerei schließt Ende Oktober ihre Türen für immer.

Angefangen hat es für die Familie Hildebrandt aber nicht in Rotenburg, sondern in Pommern, wie der einzige verbliebene Nachkomme Erhard erzählt. Sein Vater Gerhard Hildebrandt eröffnete schon in den 30er-Jahren in seiner alten Heimat eine Schlachterei. „Dann kam der Krieg“, erzählt Erhard Hildebrandt. Sein Vater wurde eingezogen, kam in russische Gefangenschaft. „Meine Mutter kam nach dem Krieg durch die Evakuierung nach Neuss“, erzählt der 65-Jährige. Sein Vater sei nach der Freilassung 1949 dann nach Neuss gekommen, wo er zunächst in einer Schlachterei arbeitete, sich 1950 aber wieder selbstständig machte. Dort wurde dann auch er selbst geboren. Schließlich zog es die Familie 1956 weiter nach Rotenburg – wieder pachtete Vater Gerhard Räume für eine Schlachterei.

Über das Gebäude an der Harburger Straße weiß Erhard Hildebrandt: „Hier war immer eine Schlachterei.“ Aus dem Jahr 1875 stammten demnach die ersten Aufzeichnungen. In den 70er-Jahren kaufte die Familie das Haus, in dem sie auch einige Jahre lebte. Neben Erhard Hildebrand haben auch die Brüder Klaus und Manfred, die beide schon gestorben sind, lange in dem Familienbetrieb gearbeitet. „Unser Vater ist immer über Land gefahren und hat bei den Bauern eingekauft.“

Aber die Familie hat auch selbst gezüchtet: „Wir hatten eine eigene Rinderherde.“ Bis heute kommen die meisten Produkte aus der eigenen Herstellung, sagt Hildebrandt: „Die Würstchen werden bei uns wie vor 100 Jahren geräuchert.“ 1985 waren es schließlich Klaus und Erhard, die den Familienbetrieb gemeinsam übernahmen.

Kunden seit der Kindheit

Seitdem es die Fleischerei in Rotenburg gibt, hat man sich einen großen Kundenkreis erarbeitet, darauf ist Erhard Hildebrandt stolz. Viele der Stammkunden seien schon als Kind dort gewesen und wären als Erwachsene wieder gekommen. Manchmal sogar aus ganz anderen Landkreisen, in denen sie inzwischen wohnen. „Wir haben viele Generationen mit einer Scheibe Wurst versorgt. Das ist schon eine Leistung.“

Fleischer wie Hildebrandt sind selten geworden. Im ganzen Landkreis Rotenburg gibt es nur noch fünf, die auch selbst schlachten. „Leider stirbt dieses Handwerk aus“, heißt es aus dem Rotenburger Veterinäramt. Das sei auch in anderen Landkreisen so. In der Stadt Rotenburg selbst ist Fleischer Hildebrandt sogar der letzte verbliebene, mit der Erlaubnis, selbst zu schlachten, so das Veterinäramt.

Mehr als 50 Jahre gearbeitet

Nun macht also auch Erhard Hildebrandt Schluss. Dann gab es die Fleischerei 60 Jahre lang in Rotenburg. „Die Kunden sind traurig darüber. Das höre ich jeden Tag 30 Mal“, schätzt Hildebrandt. Doch nicht der Konkurrenzdruck durch die Selbstbedienung und Fleischtheken in den großen Supermärkten bewegt Erhard Hildebrandt dazu, nun aufzugeben. „Wir haben immer größten Wert auf Qualität gelegt. Deswegen haben wir uns auch so lange gehalten bei der großen Konkurrenz“, sagt der 65-Jährige. Der Grund ist simpler: Es ist sein Alter. „Wenn ich im November 66 Jahre alt werde, habe ich 50,5 Jahre von morgens früh bis abends spät gearbeitet“, sagt er. An Donnerstagen, dann wird abends die Wurst hergestellt, hat das Team regelmäßig bis 23 oder 24 Uhr gearbeitet. Das sei genug.

Aber langweilig, nein, langweilig werde ihm auch im Ruhestand nicht. Da ist sich Erhard Hildebrandt sicher. Er hat auch schon einige Pläne, was er ab dem 1. November so macht: mehr Sport treiben, den SV Werder Bremen im Stadion anfeuern, Schwimmen gehen, den Garten pflegen. Erhard Hildebrandt träumt von einer Kreuzfahrt. „Vielleicht mache ich eine. Aber ich bin sehr bodenständig. Also fahre ich wahrscheinlich eher zum Bullensee.“

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