Selbstversuch bei einem Kurs der Volkshochschule

Achtsamkeitstraining: Das Leben ist eine Rosine

Alles nur ein bisschen Esoterik und Wellness-Gerede? Die Redakteurin hat sich im Achtsamkeitstraining versucht. - Fotos: Heitmann

Rotenburg - Von Stefanie Heitmann. Ein Termin hier, eine Konferenz da und zwischendurch jede Menge Telefonate sowie E-Mails: Der Berufsalltag als Redakteurin ist nicht nur lang, sondern auch stressig. Um seine eigenen Ressourcen besser zu nutzen und neue Kraft zu schöpfen, sollen Achtsamkeitsübungen helfen. Kreiszeitung-Mitarbeiterin Stefanie Heitmann hat bei einem Seminar der VHS Rotenburg ausprobiert, ob der neue Trend auch funktioniert.

Es ist ein schöner warmer, sonniger Samstagmorgen. Aus allen Richtungen strömen die Menschen mit Körben und Kleinkindern an der Hand auf den Wochenmarkt. Da wäre ich jetzt normalerweise ebenfalls. Doch ich habe mich heute für die andere Seite entschieden, sitze hinter den Glasscheiben eines ehemaligen Ladengeschäfts des Rathauses neben besagtem Wochenmarkt. Ich nehme an einem „Work-Life-Balance“-Seminar teil. Claudia Henschel, Sozialpädagogin, Coach und Supervisorin, will mir und den anderen Teilnehmern beibringen, wie wir mit Hilfe von Achtsamkeit unseren Berufsalltag stressfreier gestalten können.

Claudia Henschel

Denkanstöße und praktische Übungen sollen dabei helfen. Für mich keine schlechte Idee. Die Arbeit als Redakteurin und freiberufliche Journalistin ist wunderbar, aber viel Freizeit habe ich nicht gerade. An dem Seminar nehmen sechs weitere Frauen teil. Männern sind solche Seminare wohl suspekt. Ich fühle mich auch an diesem Vormittag innerlich getrieben und unruhig. Die Art, wie Henschel das Seminar führt, beeindruckt mich einerseits – sie strahlt eine absolute innere Ruhe und Gelassenheit aus –, andererseits ist mir vieles zu langsam. Ich gebe mir im Gegensatz zu den anderen Teilnehmerinnen kaum Zeit, um in mich zu gehen und antworte eher knapp, präzise und analytisch. Ich möchte vorankommen, das Programm abarbeiten, jeden Tagesordnungspunkt am besten vor der geplanten Zeit beenden.

„Heute wird das Berufsleben oft von Eile, Effizienz, Geschwindigkeit und Beschleunigung geprägt. Aber warum sollten wir uns nicht auch bewusst Zeit für Dinge nehmen, Schritt für Schritt vorgehen oder auch mehr Muße an den Tag legen?“, fragt Henschel. Das Model der Achtsamkeit basiert auf vier Säulen, die aufeinander aufbauen: die eigene Aufmerksamkeit, die Gegenwärtigkeit, im Hier und Jetzt zu sein, Akzeptanz und Mitgefühl sowie das sogenannte innere Beobachten.

Klingt alles logisch und sehr einfach, denke ich und werde bei der ersten Achtsamkeitsübung gleich auf eine harte Probe gestellt. „Die ganze Welt ist eine Rosine“, heißt die Trainingseinheit. Jede Teilnehmerin bekommt von Henschel zwar keine Rosine, sondern ein Cranberry, aber das tut dem Ganzen keinen Abbruch. Die rote, schrumpelige Frucht sollen wir zwischen den Fingern genau betrachten, erfühlen und dann im Mund zunächst mit der Zunge erfühlen, dann langsam kauen und uns auf das Schmecken konzentrieren. Diese Übung soll die Sinne anregen, so Henschel. Für mich eine einzige Tortur. Ich hasse es, klebrige Finger zu haben, und Cranberrys sind auch nicht gerade meine Lieblingsspeise. Während ich mir eingestehen muss, dass ich diese Übung wohl nicht in meinen Alltag integrieren werde, hat sie bei anderen Teilnehmerinnen durchaus Gefallen gefunden.

Ein wenig ernüchtert hoffe ich also auf die nächsten Übungen. Vielleicht klappt es dann mit dem Entspannen. Ich ziehe wie empfohlen meine Schuhe aus und stehe ein wenig unvermittelt inmitten des lichtdurchfluteten ehemaligen Ladengeschäfts. Die nun folgende Übung soll durch achtsames Stehen das Gefühl der eigenen Haltung vermitteln. Dazu spielt Henschel eine CD ab, bei der eine Stimme darauf aufmerksam macht, welche Muskeln oder Körperteile gerade beim Stehen beansprucht werden. Ich habe die Augen geschlossen und lasse mich auf die Stimme ein. Und tatsächlich: So sehr habe ich noch nie auf meinen Körper geachtet! Ich habe das Gefühl zu schwanken, merke das kühle Parkett unter den Zehen, das Rauschen in meinen Ohren und die Anspannung in den Fußgelenken bis hoch in die Wirbelsäule, damit mein Körper in der Senkrechten bleibt. Es ist unglaublich anstrengend, sich auf seinen Körper zu konzentrieren, ihn aber eigentlich nur bei seiner täglichen Arbeit zu „beobachten“.

Nach zehn Minuten ist die Übung vorbei. Ich öffne die Augen und merke erst jetzt, dass ich von dem regen lauten Treiben draußen gar nichts mitbekommen habe. Ich fühle mich erholt und entspannt wie nach einem kleinen Nickerchen. Ich fühle mich auch nicht mehr innerlich getrieben, sondern bin völlig gelassen. Achtsamkeit, so scheint es für mich, ist wie ein inneres Zuhören auf die Arbeitsabläufe des Körpers, der für mich bisher eigentlich immer nur funktionieren musste. Diese kurze Übung hat mich stark beeinflusst.

„Ich möchte mich mehr im Alltag bewegen“ schreibe ich auf einen Bogen, als Henschel uns bittet, unsere Ziele nach diesem Seminar zu formulieren. Einfach eine Straße weiter erst den Weg zur Redaktion einschlagen, mal zu Fuß zum Wochenmarkt gehen oder das Rad statt das Auto nehmen. Mit diesen Vorsätzen verlasse ich die Gruppe. Und einige Tipps setze ich manchmal um: etwa zwischendurch einmal richtig tief durchzuatmen, bewusst Auto zu fahren ohne Radio oder andere Ablenkung, auf beiläufige Geräusche wie eine schließende Tür oder einen singenden Vogel zu achten. Nur Rosinen und Cranberrys habe ich weiterhin nicht im Haus.

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