Lars Klingbeil will erneut für die SPD in den Bundestag

Auf allen Kanälen - auch mal mit dem Kopf durch die Wand

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Lars Klingbeil verbindet mit der Rotenburger Cohn-Scheune sehr viel. Bei der Grundsteinlegung hatte der Sozialdemokrat aus Munster einst seinen ersten Termin als Bundestagsabgeordneter in der Kreisstadt.

Rotenburg - Von Guido Menker. Die Cohn-Scheune, einen Steinwurf von der Rotenburger Stadtkirche entfernt, soll der Treffpunkt sein. Die Türen sind an diesem Tag noch dicht, und es regnet wie aus Kübeln. Doch kaum erreicht Lars Klingbeil, Bundestagsabgeordneter und am Sonntag bei der Wahl erneut Kandidat der SPD, den Treffpunkt für das Gespräch mit der Kreiszeitung, lässt sich für ein paar Augenblicke die Sonne sehen. Ein guter Moment für ein Foto.

Lars Klingbeil lebt zwar in Munster, doch auch Rotenburg sei ihm ans Herz gewachsen, sagt er. „Rotenburg ist eine sehr soziale Stadt und hat auch eine spannende Kulturszene.“ Aber warum treffen wir uns ausgerechnet hier? „Nun, es sollte ja ein für mich besonderer Ort sein“, erklärt Klingbeil. Und eben dieser Platz sei für ihn etwas Besonderes. Als er 2008 Bundestagskandidat für den Wahlkreis 35 Rotenburg I / Heidekreis wurde, habe er die Genossen auch hier angesprochen. „Mit der Bitte, mir die wichtigsten Projekte vorzustellen. Hedda Braunsburger hat mich damals den ganzen Tag durch Rotenburg geführt.“ 

Und so sei er mit der vor gut einem Jahr gestorbenen Sozialdemokratin und Michael Schwekendiek an diesem Ort gewesen. „Sie haben mir das Projekt erklärt.“ Klingbeil fand das sehr beeindruckend. Die Geschichte der Familie Cohn, die Stolpersteine, der Aufbau der Scheune mit dem Förderverein. „Ich verbinde die Cohn-Scheune mit meinen ersten politischen Bewegungen in Rotenburg und ganz stark mit der Person Hedda Braunsburger.“ Deren Grundsteinlegung sei dann einer der ersten Termine gewesen, die er in der Kreisstadt als gewählter Bundestagsabgeordneter wahrgenommen habe.

Cohn-Scheune ein Symbol für Engagement und Courage

Die Cohn-Scheune war sehr umstritten. „Hedda sprach seinerzeit von Beschimpfungen und Leserbriefen. Teilweise habe es noch deutlichere Unmutsäußerungen gegeben.“ Vorbei. Dass sich aber eine Gruppe zusammengefunden und gesagt habe, „wir bringen das Projekt zu Ende“, finde er total beeindruckend. Das sei das, was er sich wünsche: ehrenamtliches Engagement, Leute, die was verändern wollen. Klingbeil: „Das ist auch ein bisschen das, wofür ich stehe.“ Manchmal müsse man mit dem Kopf durch die Wand gehen, man müsse Dinge erreichen wollen. „Am Ende ist die Cohn-Scheune da. Und seit der Grundstein gelegt worden ist, habe ich keine Debatte mehr wahrgenommen. Das zeigt, dass das Projekt richtig war. Das haben Leute erkämpft, deswegen ist es ein tolles Symbol auch für ehrenamtliches Engagement und zivilgesellschaftlicher Courage.“

Privat geht der 39-Jährige nicht mit dem Kopf durch die Wand, beruflich schon. Als Politiker müsse man das. „Das habe ich auch gelernt in den acht Jahren. Nicht bei der ersten Absage eines Ministeriums, sagen: ,Okay, dann ist das so’, sondern dranbleiben. Hart bleiben, wenn man was erreichen will.“ Klingbeil erinnert an seine persönliche Erklärung zum Fracking im Bundestag: „Das hat meine Fraktion nicht gewollt. Und die CDU-CSU-Fraktion hat gegen mich gebrüllt“ Aber ihm sei es wichtig gewesen, seine Eindrücke aus einem betroffenen Wahlkreis zu schildern. „Es sollte eine Abstimmung geben ohne politische Debatte. Da habe ich gesagt: Das kann nicht sein, bin nach vorne gegangen und habe geredet.“ Und dabei habe er sich viel Unmut zugezogen. Klingbeil: „Ich war eine Woche vorher in Bellen und habe mit den Menschen geredet. Hätte ich das nicht gemacht, dann wäre die politische Debatte bei dem Thema eine ganz andere gewesen.“

16 Stunden pro Tag von Termin zu Termin

Die Tage sind derzeit lang für den Mann aus Munster, der einst im Team von Altkanzler Gerhard Schröder gearbeitet hat. 16 Stunden lang folgt ein Termin auf den anderen. Er sei froh, dass zumindest noch Zeit für eine Stunde Sport am Tag bleibe. „Ich brauche mal den Kopf frei – das ist die einzige Möglichkeit.“

Voller Terminkalender, auch übers Wochenende. Aber: „Es macht mir Spaß.“ Er habe festgestellt, dass der Fernseher über Wochen nicht angeschaltet war. Nur das TV- Duell habe er gesehen, und am Samstagabend mal einen Film geguckt. „Das soll nicht wie Jammern klingen. Ich will fokussiert sein. Es kommen ja zudem viele Mails und Bürgeranfragen. Auch über Facebook. Die möchte ich beantworten, also morgens und abends sitze ich daran.“

Wer die Arbeit von Lars Klingbeil verfolgen will, kann sich vor allem auch der sozialen Medien bedienen. Der Eindruck: Dieser Mann ist 24 Stunden am Tag Politiker. „Na ja, ich habe schon meine Auszeiten. Wenn ich schlafe, liegt das Handy weit weg. Aber klar: Morgens beim Kaffee gucke ich das erste Mal aufs Handy. Welche Mails sind gekommen, was gab es in den sozialen Netzwerken?“

Twitter sei für ihn ebenfalls ganz wichtig. Und er mag es ja, wenn die Leute ihm schreiben oder auch, „wenn sie mich auf der Straße ansprechen. Das zeigt: Sie halten mich für jemanden, den man ansprechen kann. Das ist eigentlich das größte Lob.“ Er sei in der Tat sehr viel digital unterwegs und daher auf allen Kanälen erreichbar. Aber der Sozialdemokrat betont auch die Bedeutung von Info-Ständen, Telefonaten und Hausbesuchen – „ich bin ja kein virtueller Politiker.“

Als Schüler erstmals in Munster kandidiert

Noch als Schüler hat Klingbeil erstmals für den Stadtrat in Munster kandidiert. Voraussetzung für ihn: Er trat (noch) nicht in die Partei ein. Am Ende fehlten „nur ein paar Stimmen“. Er war Schülersprecher, engagierte sich später bei den Jusos und schaffte es bis in den Bundesvorstand, er studierte Politikwissenschaft, Soziologie und Geschichte in Hannover. Nebenher arbeitete er von 2001 bis 2003 im Wahlkreisbüro von Bundeskanzler Gerhard Schröder. Als Nachrücker war er vom 24. Januar 2005 bis zum 18. Oktober 2005 erstmals im Bundestag. Seit 2009 vertritt er unseren Wahlkreis in Berlin, ist netzpolitischer Sprecher seiner Fraktion und Mitglied im Verteidigungsausschuss.

Als junger Mann hat er den Wehrdienst verweigert — obwohl er eine Nähe zur Bundeswehr hatte. „Mein Vater war einfacher Soldat, und in Munster wächst man mit der Bundeswehr auf“, sagt Klingbeil. Aber er sei damals sehr kritisch eingestellt gewesen. Das sollte sich ändern, spätestens mit den Anschlägen am 11. September 2001 in New York. „Die habe ich hautnah miterlebt“, erinnert er sich. Er hatte im „Big Apple“ gerade ein Praktikum bei der Friedrich-Ebert-Stiftung begonnen. Klingbeil: „Ich habe gemerkt, dass meine kritische Haltung vielleicht doch nicht angebracht ist.“ Er habe sich intensiv mit außen- und sicherheitspolitischen Dingen auseinandergesetzt und auch seine Abschlussarbeit an der Uni dazu geschrieben. Ein Sinneswandel also: „Jeder hat das Recht, seine Meinung zu überdenken.“

Das passiert ihm in Sachen Fußball nicht: Er ist seit der Jugend Bayern-Fan. Und er wird es bleiben. „Mein Vater war HSV-Anhänger. Das war dann meine rebellische Art.“ Die habe er sonst nicht gepflegt. Aber seine Liebe zur Musik. Auch, wenn die Zeiten mit der Band vorbei sind. Immerhin: Eine Gitarre hat er heute noch in seinem Büro.

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