Gemischte Gefühle

Lars Klingbeil holt das Direktmandat - die 20 wirkt wie ein „Schlag“

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Lars Klingbeil hat jetzt das Direktmandat in der Tasche.

Rotenburg - Von Guido Menker. Er ist der Gewinner unter den Verlierern. Im dritten Anlauf gelingt es Lars Klingbeil, mit einem Direktmandat in den Bundestag einzuziehen. Und das mit einem Ergebnis, von dem seine SPD bei den Zweitstimmen nur träumen kann: Mit 41,19 Prozent verweist er seine ärgste Konkurrentin Kathrin Rösel deutlich auf den zweiten Platz.

Am Tag danach sagt der Mann aus Munster: „Das Ergebnis im Wahlkreis hilft mir jetzt in Berlin, mit Rückenwind eine Erneuerung der SPD anzustoßen.“ Klaus Manal, Vorsitzender des SPD-Unterbezirks Rotenburg, schickt Klingbeil in der Nacht eine WhatsApp-Nachricht und gratuliert ihm. Schließlich ist nicht zuletzt dessen Ergebnis einer der Gründe, weswegen die SPD einigermaßen zuversichtlich auf den 15. Oktober blickt – der Termin für die Landtagswahl in Niedersachsen.

20 Tage Zeit für ein besseres Ergebnis im Land

So groß Klingbeils Freude über das Direktmandat auch ist: Das Ergebnis der SPD im Bund wirkt nach. „Man konnte sich durch die Umfragen ein wenig darauf vorbereiten.“ Trotzdem sei es ein Schlag gewesen, dann die Zahl 20 vorne zu sehen. Die SPD habe aus den Denkzetteln der letzten Wahlen offensichtlich nicht die richtigen Konsequenzen gezogen.

Klaus Manal bleibt zuversichtlich: „Ich bin der festen Überzeugung, dass wir in Niedersachsen eine (...) bessere Ausgangsbasis haben als im Bund. Wir werden in den vor uns liegenden 20 Tagen dafür kämpfen, dass die SPD mit Stephan Weil als Ministerpräsident ihre erfolgreiche Arbeit fortsetzen kann.“ Er sehe die SPD – bei aller Not – von der „GroKo“ befreit. Manal: „Wir werden aus dieser Lektion der Wähler die notwendigen Schlüsse ziehen.“

Klingbeils erster Anruf nach dem Gewinn des Direktmandats soll am Wahlabend eigentlich Kurt Palis erreichen, seinen Parteifreund, der einst im eigentlich von der CDU dominierten Bereich auch das Direktmandat geholt hatte. Klingbeil: „Das Endergebnis stand so spät fest, dass ich ihn nicht mehr erreicht habe. Aber ich weiß, dass er heute Morgen sehr glücklich die Lokalzeitung aufgeschlagen haben wird.“ Lars Klingbeil selbst feiert nach der Wahl bis tief in die Nacht mit seinen Unterstützern: „Das haben wir uns nach einem so langen, anstrengenden Wahlkampf auch verdient.“ Danach ein paar Stunden Schlaf – und um 7 Uhr bricht er nach Berlin auf.

Klingbeil spricht von Doppel-Opposition 

Die Vorzeichen dort sind schon am Abend zuvor geklärt: Die SPD erteilt der großen Koalition eine Absage. Die richtige Entscheidung? „Auf jeden Fall. Ich habe das der Führungsspitze der SPD auch klar gemacht. Die große Koalition ist abgewählt. Die Menschen wollen, dass sich die SPD wieder auf sich selbst besinnt und nicht als Dauer-Juniorpartner CDU-Politik mittragen muss.“ Klingbeil spricht nun von einer „Doppel-Oppositionsrolle – Opposition zur Regierung, aber auch Opposition zu Rassisten und Rechtsextremen, die nun innerhalb der AfD-Fraktion unter der Reichstagskuppel sitzen.“

Klaus Manal pflichtet Klingbeil bei: Die Entscheidung von Martin Schulz sei klug und zeige, dass er sein Ohr an der Basis hat. Die Parteispitze habe offensichtlich begriffen, dass bei einer erneuten Basisentscheidung zu einer „GroKo“ es ein deutliches Nein gegeben hätte.

Verantwortung bei SPD-Erneuerung übernehmen

Bereits am Wahlabend meldet Klingbeil an, mehr Verantwortung in der SPD übernehmen zu wollen. Es gehe um eine personelle und inhaltliche Erneuerung der SPD, sagt er. „Wir haben in der Vergangenheit immer ein Alibi gefunden, warum der Umbruch nun doch noch nicht erfolgen kann. Jetzt ist der Moment da. Die SPD muss wieder zu sich selbst finden. Als glaubwürdige, mutige Alternative für diejenigen, die wollen, dass es besser wird in diesem Land. Dafür muss die erweiterte Führungsspitze der SPD jünger, weiblicher und digitaler werden.“ Ihn bewegt aber auch das Ergebnis der AfD. Für Klingbeil ein „Zeichen, dass wir uns noch mehr anstrengen müssen“. Klaus Manal ergänzt: „Es ist unfassbar, dass es im Bund mehr als zwölf Prozent AfD-Wähler gibt.“ Klingbeil nimmt das sehr ernst. Es sei auch Aufgabe der SPD, Menschen, die nicht rechtsextrem oder ausländerfeindlich sind und trotzdem die AfD gewählt haben, zurückzugewinnen. Und zwar ohne auch nur einen Millimeter von der klaren Haltung gegen Rassismus und Rechtsextremismus abzurücken. Mit Blick auf eine mögliche Jamaika-Koalition hänge jetzt alles an CDU und CSU, die sich trotz ihres schwachen Wahlergebnisses zusammenraufen müssten. Der Sozialdemokrat: „Mir persönlich ist Jamaika mit Beteiligung der Grünen lieber als eine Neuauflage von Schwarz-Gelb.“

Aber in drei Wochen steht schon die nächste Wahl an. „In Niedersachsen war das Ergebnis gestern mit 27 zu 34 deutlich knapper als im Bund“, so Klingbeil. Alle Landtagswahlen der Vergangenheit hätten aber ohnehin gezeigt, dass sehr eigenständig über die Arbeit der jeweiligen Regierung entschieden werde. Der Munsteraner: „Mein Eindruck ist, dass Stephan Weil wirklich anerkannt ist als Landesvater. Ich bin durchaus optimistisch.“

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