Landwirt Christian Intemann über die Probleme mit der Trockenheit

„Das Getreide ist tot, da kommt auch nichts mehr“

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Landwirt Christian Intemann sorgt sich um die Getreide-Ernte.

Bothel - Von Michael Krüger. Während sich am Wochenende zehntausende Festivalgänger in Scheeßel über den üblichen Hurricane-Regen geärgert haben, hat Christian Intemann mit Freude aus dem Fenster gesehen. Endlich Regen. Denn der Landwirt und zweite Vorsitzende des Landvolk-Kreisverbandes aus Bothel bangt wie alle seine Kollegen in diesen Wochen um die Ernte. Zu kalt, zu trocken – der Sommer 2015 wird wohl zu starken Einbußen in der Landwirtschaft führen.

„Das Getreide ist tot, da kommen auch nichts mehr“, sagt Intemann am Rande eines Roggenfeldes. 100 Hektar Acker bewirtschaftet der 32-Jährige gemeinsam mit seinem Vater, 60 Kühe stehen daheim auf dem „Gerken Hoff“ mitten in Bothel. Dass es in diesem Jahr starke Einbußen geben wird, ist für ihn auch wenige Wochen vor der ersten Ernte schon klar. „10 bis 15 Prozent“, sagt er, würden es gegenüber 2014 wohl sein. Roggen, Raps, Mais – das gelte eigentlich für alles, was er anbaue. „Wir haben seit Anfang Mai fast keinen Niederschlag, und dann war es auch noch ungewöhnlich kalt.“

Tatsächlich schlagen die Bauernverbände schon seit Wochen Alarm. Vor allem den leichten Sandböden, wie sie auch rund um Bothel zu finden sind, fehle Wasser. Das, was dann doch noch vom Himmel komme, sei schnell wieder verloren. Der karge Boden speichert wenig. Wer auf das Roggenfeld von Intemann blickt, erkennt auch als Laie schnell, wie sich die Trockenheit ausdrückt: Die Halme im oberen, sandigeren Bereich des Feldes sind kleiner, teilweise schon abgestorben, der Roggen steht insgesamt viel lichter als dort, wo der Boden feuchter ist. Intemann: „Die Hälfte ist gut, bei der anderen haben wir einen Totalschaden.“

Bis zur Monatsmitte sind im Bereich Rotenburg gerade einmal mal drei Liter Regen pro Quadratmeter gefallen, in Visselhövede fünf Liter. 35 Liter wären zu diesem Zeitpunkt eigentlich normal gewesen. Seit Anfang Mai hat sich in der Region ein Regendefizit von 50 bis 60 Litern aufgebaut, was der normalen Mai-Menge entspricht. Eine vergleichbar lange und intensive Trockenperiode gab es zuletzt vor 15 Jahren. Im Millenniumsjahr 2000 kamen im Altkreis Rotenburg im Mai und Juni 70 bis 100 Liter Regen zusammen. Diese Minus-Rekordmarke könnte 2015 sogar noch unterboten werden.

Viele Landwirte setzten daher bereits auf künstliche Beregnungsanlagen. Doch die sind teuer und in Gebieten wie Bothel mit kleinen Flurstücken laut Intemann nicht rentabel. In Riekenborstel, Nindorf, Scheeßel und vor allem im Heidekreis falle der künstliche Regen dagegen auf zahlreichen Feldern. Vornehmlich bei Hackfrüchten, aber selbst bei Getreide lohne sich der Aufwand mittlerweile, heißt es vom Landvolk. Mit Gesamtkosten von bis zu 100 Euro je Hektar pro Beregnung rechnet der Verband für Strom, Wasser, Aufbau und Arbeitseinsatz.

Der Deutsche Raiffeisenverband, der die genossenschaftlich organisierten Agrarbetriebe vertritt, hat seine Prognose für die Getreide-Ernte bereits auf gut 47,7 Millionen Tonnen gesenkt, etwa zwei Millionen Tonnen weniger als noch im Mai erwartet. „Sollte in der nächsten Zeit kein ergiebiger Regen fallen, sind weitere Einbußen zu befürchten“, heißt es in einer Mitteilung. Auch die Schätzung zur Raps-Ernte wurde nach unten korrigiert.

Hinzu kommen die in diesem Jahr deutlich gefallenen Preise, bedauert Intemann. Für Roggen bekomme er derzeit nur rund 13 Euro, in Spitzenzeiten habe es für 100 Kilo 17 Euro gegeben. Der aktuelle Preis sei Ausdruck der guten Ernten in den vergangenen Jahren, werde aber nicht vor Ort, sondern an den Börsen in Chicago, Paris und Frankfurt gemacht. Der kleine Bauer spüre, wie sich der Markt internationalisiert. Intemann: „Agrargüter sind heute Spekulationsobjekte.“

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