Landsmannschaft-Vorsitzende äußert sich nach Demonstration in Rotenburg

„Wir sind nicht durch russische Medien beeinflusst“

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40 Personen haben am Sonntag auf dem Pferdemarkt in Rotenburg demonstriert.

Rotenburg - Von Inken Quebe. Etwa 40 Personen, überwiegend mit russlanddeutschem Hintergrund, haben am Sonntag auf dem Pferdemarkt in Rotenburg mehr Sicherheit für die Bevölkerung und sofortiges Abschieben von kriminellen Ausländern gefordert. Auch Galina Schüler, hiesige Vorsitzende der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland, war vor Ort und sagt: „Wir haben Angst um die Zukunft unserer Kinder.“

Galina Schüler bereitet vor allem die Sicherheit der Frauen und Kinder Sorgen, viele hätten sich schon an sie gewandt und von verschiedenen Situationen berichtet, in denen diese von Flüchtlingen zum Beispiel angefasst worden seien. „So etwas müssen wir uns nicht gefallen lassen“, sagt sie. Deshalb sei sie im Vorfeld davon überzeugt gewesen, dass man darauf aufmerksam machen müsse, wenngleich die Landsmannschaft nicht Organisator der Aktion war. Die Demonstration hatte bundesweit stattgefunden. Schüler habe sich im Vorfeld eher für ein Gespräch mit Verantwortlichen von Politik und Polizei ausgesprochen. Trotzdem: „Ich habe mich gefreut, dass das von den jungen Menschen aus kommt.“

Häufig in den vergangenen Wochen war in den Medien der sogenannte Fall Lisa aufgetaucht. Dabei hatte eine 13-jährige Russlanddeutsche aus Berlin behauptet, 30 Stunden lang von ausländischen Männern festgehalten und vergewaltigt worden. Nachdem sich sogar der russische Außenminister eingeschaltet und mehr Sicherheit gefordert hatte, stellte sich heraus, dass das Mädchen in Wahrheit bei einem älteren Freund gewesen war.

Schüler räumt ein, dass auch dieser Fall eine Rolle bei der Demonstration gespielt habe. Aber: „Auslöser ist die gesamte Situation mit den Flüchtlingen.“ Viele würden sich abends gar nicht mehr vor die Haustür trauen. Auch dass es während des Karnevals in Köln eine Frauenanlaufstelle geben soll, spielt da eine Rolle: „So weit ist es schon gekommen. Das ist für uns inakzeptabel.“

Im Zuge des Falls Lisa wurde auch Kritik laut, dass sich Russlanddeutsche zu sehr von russischen Medien oder der Regierung beeinflussen ließen. Das weist Schüler zurück: „Wir gucken zwar russisches Fernsehen, aber deshalb sind wir noch lange nicht beeinflusst.“ Es reiche schon, die Zeitung aufzuschlagen, um Angst zu haben, wenn über viele Einbrüche, Gewalt nach Streitereien in Flüchtlingsunterkünften und ähnliches berichtet würde. Das widerspreche auch dem, dass es durch Flüchtlinge und Asylbewerber nicht mehr Straftaten gebe.

Doch Galina Schüler beschäftigt sich nicht nur mit der Sicherheit, sondern mit der Flüchtlingspolitik allgemein – und vergleicht mit ihrer eigenen Ankunft in Deutschland. „Es ist übertrieben, dass sie mit Taxi zu Behörden gebracht werden. Uns hat man damals nur die ersten zwei Wochen zu Ämtern gefahren. Danach mussten wir uns selbst kümmern.“ Auch sie hätten kaum Geld gehabt, und Wohnungen seien ebenfalls knapp gewesen. Sie versichert aber, dass sich die Aktion am Sonntag nur gegen kriminelle Asylbewerber gerichtet habe. Wenn jetzt nichts unternommen werde, so Schüler, würde noch Schlimmes passieren.

Mit diesen Sorgen konfrontiert bezieht auch Rotenburgs Bürgermeister Andreas Weber (SPD) Stellung: „So eine Demonstration muss nicht sein.“ Er hält den Fall Lisa für eine ausschlaggebende Ursache der Ängste. „Aber diese Ursache existiert nicht mehr. Trotzdem wir müssen die Gefühle dieser Menschen ernst nehmen.“ Aus diesem Grund wolle er nun mit denjenigen ins Gespräch kommen, aufklären und informieren.

Weber, bis Dienstantritt in der Kreisstadt Leiter des Landeskriminalamtes Bremen, versichert, dass es in Rotenburg keine Übergriffe zu verzeichnen seien. Und in den Großstädten gebe es seit Jahren das Problem zum Beispiel durch sogenannte Antanz-Diebstähle. Aber: „Nur weil man Ausländer oder Flüchtling ist, heißt das nicht, dass man kriminell ist.“ Gleichzeitig will er aber auch einer anderen Verallgemeinerung vorbeugen: „Es sind wenige, nicht die Russlanddeutschen im Allgemeinen.“ Mit 40 Personen war nur ein Bruchteil der mehr als 2000 in Rotenburg lebenden Russlanddeutschen an der Demonstration beteiligt.

Auch Eduard Hermann hat sich das Geschehen am Sonntag auf dem Pferdemarkt angeguckt, vertritt aber eine andere Meinung als die Beteiligten. „Kriminalität ist keine Frage der Nationalität“, ist er sicher. Hermann ist als Straßensozialarbeiter in Rotenburg tätig und hat selbst einen russlanddeutschen Hintergrund. Integration brauche Zeit, es sei wichtig, dass man Flüchtlingen und Asylberwerbern eine Chance gebe und nicht automatisch pauschalisiere. „Die Flüchtlinge, die ich in den 13 Jahren, die ich als Straßensozialarbeiter arbeite, kennengelernt habe, wollen sich integrieren.“ Trotzdem befürwortet er, dass die Demonstranten ihren Sorgen und Ängsten Ausdruck verliehen haben: „Nur auf diese Weise kann ein Dialog stattfinden.“

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