Programm für Bohrschlammgruben

Landesbergamt untersucht Abfälle in alten Erdgas-Fördersträngen

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Was bei Abfackelungen freigesetzt wird, ist noch weitgehend unklar.

Rotenburg - Von Michael Krüger. Was Jahrzehnte lang kaum jemanden interessierte, weil es unter der Erde landete und die Gefahren nicht erkannt wurden, beschäftigt seit einiger Zeit nicht nur im Landkreis viele Menschen. Spätestens mit den statistischen Auffälligkeiten erhöhter Krebszahlen in der Samtgemeinde Bothel und im Rotenburger Stadtgebiet im Herbst 2014 rückte das Thema aber in den Fokus der Allgemeinheit: Wie gefährlich ist das, was die Erdgasindustrie hier tut? Die Gesetze wurden mittlerweile verschärft, die Aufarbeitung der Altlasten dürfte aber noch Jahre dauern. Das wurde am Mittwoch mal wieder in der Sitzung der Arbeitsgruppe Erdgas- und Erdölförderung im Landkreis Rotenburg im Kreishaus deutlich.

„Wir haben keine Hinweise auf Undichtigkeiten.“ Und: „Ich bin mir sicher, dass in den nächsten 300 oder 500 Jahren nichts passiert.“ Wenigstens das. Uwe Prieskorn, Experte für Rohrleitungen beim Landesbergamt in Clausthal-Zellerfeld, hatte am Mittwochmorgen die Aufgabe, dem Gremium aus Politikern, Verwaltungsmitarbeitern, Bürgerinitiativen und Industrie das Thema „Besondere Verfüllabschnitte“ vorzustellen. Was im Beamtendeutsch sperrig klingt, heißt im Klartext: Welche Reststoffe haben die Energiekonzerne in den Jahrzehnten der Förderung seit den 1960er-Jahren auf Basis der damals geltende Abfallgesetze in den nicht mehr genutzten Förderrohren verklappt?

Das Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie als jetzt zuständige Behörde hat dafür Aktenmaterial einst getrennter Abteilungen zusammengetragen. 103 dieser Bohrungen mit „besonderen Verfüllabschnitten“ wurden dabei landesweit bislang ausgemacht; die meisten davon mit 31 im Landkreis Gifhorn, fünf liegen im Landkreis Rotenburg: „Bommelsen Z 1“ (Visselhövede), „Heilsbach Z 1“ (Elsdorf), „Söhlingen Ost Z 6“ (Visselhövede), „Söhlingen Z 6“ (Hemslingen) und „Wittorf Z 1“ (Visselhövede).

Am Beispiel „Söhlingen Z 6“ wird deutlich, wie die Unternehmen vorgegangen sind: In die betonierten Förderrohre wurden bis in eine Tiefe von knapp 3000 Meter hunderte Meter Rohrcontainer eingeführt, in diese dann mit Kohlenwasserstoffen und Quecksilber verunreinigte Schlämme gefüllt. Oben drauf kam dann ein „Deckel“ aus Betonit. Bis 2003 durfte die Unternehmen so vorgehen. In „Söhlingen Z 6“ seien rund 3,5 Kubikmeter belastete Abfälle in die Tiefe gebracht worden. „Das ist haarsträubend“, kommentierte Bothels Samtgemeindebürgermeister Dirk Eberle die für ihn neuen Erkenntnisse. „Ziemlich eigenartig, dass eine Behörde oder Gesetze es erlauben, die fürchterlichsten Abfälle so zu entsorgen.“

„Keine Informationen über undichte Stellen“

Sowohl die Vertreter des Landesbergamts als auch Gert Engelhardt, Leiter des Amts für Wasserwirtschaft und Straßenbau im Kreishaus, betonten jedoch die relative Sicherheit der untertägigen Lagerung. Prieskorn: „Es gibt an keiner Stelle Informationen, dass irgendwas irgendwo undicht ist.“ Zudem dürften nach heutiger Aktenlage keine weiteren Bohrungen dieser Art „in Mengen“ hinzukommen. Heute würden die Abfälle über Fachfirmen längst anders aufbereitet.

Ob aus den Rohren irgendwann wieder Schadstoffe an die Oberfläche austreten, bleibt fraglich. Offenkundig dichter an Mensch, Tier und der Umwelt ist das, was die Förderindustrie über Jahre mehr oder weniger unbehelligt in den sogenannten Bohrschlammgruben gelagert hat: Stein, Sand, Matsch und „Produktionsreste“. Zufall ausgeschlossen, hieß es, als das Gesundheitsamt des Landkreises nach Auswertung der Krebsstudie von Bothel im April einen Zusammenhang erkannte: Die signifikant erhöhte Zahl hämatologischer Krebsfälle bei älteren Männern in der Samtgemeinde Bothel stehe im Zusammenhang zur Wohnortnähe zu Bohrschlammgruben. Was dort aber tatsächlich lagert, ist noch unklar. Der Landkreis lässt 24 „Verdachtsflächen“ untersuchen. Bis zu 25.000 Euro werden dafür in die vorbereitende historische Erkundung nach Aktenlage und die erste orientierende Untersuchung mit Bodenproben aus einem Fördertopf des Landes und der Industrie investiert.

Belastungen in Hemslingen möglich

Nach „Kallmoor Z 1“ bei Stemmen, wo die Debatte über verseuchte Bohrschlammgruben in Niedersachsen ihren Anfang nahm, wurden auch „Bevern 2“ (Bevern) und „Volkensen Nord 1“ (Groß Meckelsen) als unbelastet eingestuft. „Volkensen“ kann, da Mischgrube auch mit gemeindlichen Müll, erst im nächsten Jahr mit Mitteln aus anderen Fördertöpfen untersucht werden. Bei der bislang auffälligsten Grube „Volkensen 4“ (Hamersen) mit stark erhöhten BTEX-Werten im Grundwasser und auffälligen Schwermetallgehalten sollen laut Engelhardt auf Anregung des Landesbergamts auch umliegende Ackerflächen untersucht werden. So soll eine Belastung durch die landwirtschaftliche Nutzung geprüft werden. Abschließende Ergebnisse liegen nach Angaben des Landkreises für weitere Verdachtsflächen noch nicht vor. Nach der Aktenrecherche seien aber für die Standorte „Deepen“ (Hemslingen) und „Scheeßel Z1“ (Hemslingen) Belastungen möglich. Es sollen Bodenproben genommen werden.

Dass zu den Altlasten auch die aktuellen Belastungen der Erdgasförderung hinzukommen, war bei der Sitzung Mittwoch nur am Rande ein Thema. Bürgerinitiativen forderten erneut, dass die Förderunternehmen auf freiwilliger Basis bei jeder Abfackelung Schadstoffmessungen vornehmen. Eine Zusage dafür gab es nicht – und gesetzliche Vorgaben gibt es auch nicht.

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