Es läuft, aber zu langsam

Migrationsberater kann politischen Streit in Sachen Flüchtlinge nicht nachvollziehen

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Migrationshelfer Eckhard Lang kann den bundesweiten Diskussionen über die Flüchtlinge nichts abgewinnen. Die Pläne, Transitzentren einrichten zu wollen, lösen bei ihm Kopfschütteln aus.

Rotenburg - Von Guido Menker. Die wochenlangen Auseinandersetzungen zwischen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) zur Flüchtlingspolitik war aus Sicht von Eckhard Lang „ein Streit, für den es gar kein Problem gibt“.

Der Migrationsberater des Diakonischen Werkes in Rotenburg erkennt die Notwendigkeit nicht, mit der vor allem Seehofer vorgegangen ist. „Das sind ganz offensichtlich politische Ränkespiele vor dem Hintergrund der bayerischen Landtagswahlen im Herbst“, sagt Lang. Die wirklichen Probleme, wenn es um Flüchtlinge geht, sieht er in der Integration. Darüber wird in Berlin zwar auch gesprochen, doch vollzogen wird sie vor Ort in den Kommunen. 

„Was soll also dieser Aufwand?“

Der Streit in Berlin ist – erst einmal – beigelegt. Man hat sich auf die Einrichtung von Transitzentren an der bayerisch-österreichischen Grenze geeinigt. Bei Eckhard Lang löst das Ergebnis nur Kopfschütteln aus. Das alles koste Geld, viel Geld sogar. „Das ergibt für mich keinen Sinn.“ Wiedereinsreisesperren umzusetzen, sei bereits jetzt möglich. Da gehe es um fünf Fälle pro Tag an bayerischen Grenzen, heißt es. „Was soll also dieser Aufwand?“, fragt Lang. Und: Zurückweisungen seien per Anfrage an den Erstaufnahme-Staat ebenfalls schon möglich. Deutschland habe im vergangenen Jahr 64 .000 solcher Anfragen nach der Dublin-III-Verordnung gestellt, die 46 .000 Mal positiv beantwortet worden seien. Aber: „Nur in 7 .000 Fällen wurden die Flüchtlinge zurückgeschickt. „Wenn man also etwas verändern will, kann man es hier tun.“ Dann brauche es diesen Aufwand nicht, der zudem voraussetze, die kompletten mehr als 60 bayerischen Grenzübergänge mit den neuen Zentren auszustatten.

Das Geld dafür ließe sich bei der Integration viel besser einsetzen. Was die Integration betrifft, sieht der Migrationsberater nämlich noch viel eher eine Reihe von Problemen. „Die Kurve des Wohlwollens in der Bevölkerung droht weiter runterzugehen“, warnt Eckhard Lang. Daran hätten auch Diskussionen, wie sie zuletzt in Berlin geführt worden sind, ihren Anteil. Dass die Bereitschaft sinkt, spürt der Migrationsberater zum Beispiel in der Größe des Arbeitskreises Asyl in Rotenburg, den es schon seit vielen Jahren gibt. 2015 und 2016 war die Zahl derer, die sich einbringen wollten, sprunghaft auf das Doppelte gestiegen. „Mit den mehr als 30 Teilnehmern mussten wir uns schon einen neuen Raum suchen“, erinnert sich Lang. Inzwischen ist der Kreis wieder auf das davor schon bekannte Normalmaß geschrumpft, jetzt reicht auch wieder der Besprechungsraum gleich neben dem Büro von Lang im Haus des Diakonischen Werkes am Kirchhof in Rotenburg. Die Gründe für die Entwicklungen ließen sich nur erahnen, auf jeden Fall aber seien sie vielfältig. Viele Ehrenamtliche wollten die Flüchtlinge in den Jahren 2015 und 2016 mit ihrer Hilfe vor allem in den großen Unterkünften willkommen heißen. Inzwischen jedoch verlagere sich der Bedarf auf jene, die bereits in eigenen Wohnungen leben.

Betreuungsbedarf hat sich verlagert

Und mittlerweile tauchten dadurch auch ganz andere Fragen und Probleme auf. Da gehe es um ganz banale Fragen. Wie wird der Müll getrennt? Brauche ich zwei Stromanbieterverträge? Welche Ruhezeiten habe ich einzuhalten? Alltagsprobleme eben, die jemand hat, der zwar mehr oder weniger auf eigenen Beinen steht, die Gepflogenheiten und Regeln des Alltags jedoch nicht kennt. Da aktiv zu werden, sei schwieriger. „Nicht jeder fühlt sich für die Eins-zu-Eins-Betreuung geeignet.“ Eckhard Lang und seine neue Kollegin Christina Golegos müssen sich diesen Fragen stellen. Und doch: „Die Zahl der Anrufe und der Besuche bei uns im Büro hat abgenommen.“ 2015 und 2016 seien heftig gewesen. Lang: „Ohne die Bereitschaft der deutschen Bevölkerung hätte das der Staat definitiv nicht geschafft.“

Die Integration als Schlüssel zum Erfolg. Sprache, Arbeit und die eigene Wohnung – das seien die Säulen der Integration. Lang: „Es gibt Erhebungen, wonach erst nach fünf Jahren 50 Prozent der Flüchtlinge einen Job haben.“ Vieles laufe nach wie vor viel zu langsam. Die Klärung der Anerkennung, die Entscheidung nach einem Einspruch gegen eine Absage, die Sprachausbildung. Immerhin sei in Rotenburg zu verspüren, dass sich die Situation auf dem Wohnungsmarkt für die Flüchtlinge entspannt habe. „Es geht voran“, sagt Lang. Eine weitere Schwierigkeit für Flüchtlinge, die gut ausgebildet in Deutschland angekommen sind: „Es fehlt die Durchlässigkeit.“ Damit meint der Migrationsberater die strengen Anforderungen bei der Anerkennung von Ausbildungen im Heimatland. Da wünsche er sich Kompromisslösungen.

Weg in die Selbstständigkeit erst einmal blockiert

Als Beispiel berichtet er von einem syrischen Tierarzt, der hier als solcher allerdings nicht arbeiten darf. „Da wäre es gut, wenn ein solcher Migrant bei einem hiesigen Tierarzt einsteigen, zunächst einmal assistieren und darüber eine Anerkennung erhalten könnte“, so der Migrationsberater. Geht aber nicht. Der Weg in die Selbstständigkeit ist damit erst einmal blockiert.

Wer nach einer erfolgreichen Sprachausbildung nicht den Schritt in die Arbeit findet, drohe in alte Strukturen zu verfallen. Lang: „Dann verlieren sie wieder sehr viel von dem, was sie bereits angewendet haben.“ Gerade die Arbeit sei so wichtig, weil sich darüber neue Kontakte ergeben. Gleiches gelte für die dezentrale Unterbringung. Wer eine eigene Wohnung hat, muss mit seinen Nachbarn zurechtkommen. Das setze voraus, miteinander ins Gespräch zu kommen. Der Migrationsberater: „Integration ist gelungen, wenn der Mensch Teile dessen, die er mitbringt, in sein neues Leben einbringen kann.“ Das setze Bereitschaft auf beiden Seiten voraus – und das, so Lang, funktioniere hier in Rotenburg durchaus.

Aber: Einiges könnte, ja müsste sogar schneller gehen. Die Diskussionen über die Arbeit des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge machten deutlich, wo es hakt. 2015 kamen rund eine Million Flüchtlinge nach Deutschland, im ersten Halbjahr dieses Jahres waren es noch 78.000. Zahlen, die eine deutliche Sprache sprechen und beim Blick auf den – zunächst beigelegten – Streit zwischen Kanzlerin Merkel und Innenminister Seehofer für Unverständnis sorgen – nicht nur bei Eckhard Lang.

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