Längst überholte Rollenbilder

Kommunalwahl: Politik braucht mehr Frauen – aber wie?

Frauen in der Politik, in diesem Bereich sieht es oft noch sehr mau aus. Auch die Verteilung der Mandate zeigt: Rotenburg liegt mit 20,4 Prozent Frauenanteil gerade einmal auf Platz zehn von 46 der kommunalen Vertretung in Niedersachsen. Spitzenreiter ist die Stadt Osnabrück mit 40 Prozent, bilanziert das Sozialministerium.
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Frauen in der Politik, in diesem Bereich sieht es oft noch sehr mau aus. Auch die Verteilung der Mandate zeigt: Rotenburg liegt mit 20,4 Prozent Frauenanteil gerade einmal auf Platz zehn von 46 der kommunalen Vertretung in Niedersachsen. Spitzenreiter ist die Stadt Osnabrück mit 40 Prozent, bilanziert das Sozialministerium.

Rotenburg – Wirft man einen Blick auf die Verteilung der Mandate in den kommunalen Vertretungen Niedersachsens, schneidet Rotenburg schlecht ab: 2020 verzeichnet der Landkreis gerade einmal 20 Prozent Frauenanteil. Gleichberechtigung in der Politik sollte längst selbstverständlich sein. Doch wirft man einen Blick in die Listen für die Kommunalwahl, dominieren Männer die Ehrenämter. Auch für den Rotenburger Stadtrat in der kommenden Wahlperiode: 124 Kandidaten, gerade einmal 28 sind Frauen. „Das ist erschreckend, aber nicht verwunderlich“, sagt Rotenburgs Gleichstellungsbeauftragte Kerstin Blome.

34 Plätze gibt es im Stadtrat: Je nach Listenplatz hat manch eine von vornherein schlechte Chancen. „Utopisch“, nennt es Blome gar. Fallen die Frauen bei den Grünen noch relativ schnell ins Auge, da sie durch das Frauenstatut abwechselnd mit Männern gelistet sind und mit acht Kandidatinnen über den größten Frauenanteil unter den antretenden Parteien verfügen, muss man bei anderen genauer hinsehen. Die CDU und SPD haben jeweils sechs Kandidatinnen aufgestellt. Die FDP geht mit drei ins Rennen, die freien Wähler und WiR mit jeweils zwei und die WFB mit einer, die anderen ohne.

Woran liegt es, dass noch immer so wenige, vor allem junge Frauen den Weg in die Politik finden? Weniger qualifiziert sind sie auf keinen Fall. „Eine Debatte gelassen und mit gewisser Härte zu führen, können wir lernen, dabei wollen wir unsere Emotionalität und Feinfühligkeit nicht verlieren. Davon können auch die Männer profitieren“, sagt Grünen-Ratsfrau Elisabeth Dembowski. Aber die Zeit ist ein wesentlicher Faktor: Fraktions-, Ausschuss- und Ratssitzungen, sich einlesen, informieren, um fundierte Entscheidungen treffen zu können. Da es oft nach wie vor vorrangig Frauen sind, die in Familien neben ihrem Beruf viel Sorgearbeit übernehmen, sich um Kinder oder zu pflegende Angehörige kümmern, fehlt ihnen diese – so finden sich oft unverheiratete oder kinderlose Frauen auf den Listen.

Junge Menschen zieht es indes nach ihrer Schulzeit erstmal weg. Eine Generationenlücke entsteht, die oft erst geschlossen wird, wenn die Familienplanung abgeschlossen ist oder ab einem gewissen Alter das Interesse steigt. „Die Perspektive auf eine fünfjährige Ratsperiode ist in der Lebensplanung junger Menschen eine ganz andere Fragestellung“, weiß auch Rotenburgs Grünen-Sprecher Stefan Fuchs.

Lebenswirklichkeit mitgestalten

Gerade junge Frauen sind unterrepräsentiert. Dabei ist es die Chance, ihre Lebenswirklichkeit mitzugestalten, meint Erste Stadträtin Bernadette Nadermann. „Viele Möglichkeiten sind aber auf ein Lebensmodell ausgerichtet, das Männer bevorzugt.“ Doch ein Rat lebt davon, dass er alle gesellschaftlichen Schichten spiegelt. „Das ist wichtig, beeinflusst Themen und die Art und Weise, wie Entscheidungen getroffen werden“, sagt Blome. Dabei geht es nicht nur um Frauen, sondern um ein generell breites Spektrum – doch die Realität sieht anders aus.

Personalfragen, Kitas, Schulen, Neuansiedlungen und mehr – der Rat redet mit. „Wir brauchen Frauen, die sagen, was gebraucht wird“, so Blome. Doch selbst, wenn sie in den Räten und Ausschüssen sitzen: Redeführer sind vorwiegend ihre männlichen Parteikollegen – schon allein, weil sie oft die Mehrheit bilden. Aber: „Frauen beziehungsweise Frauenbewegungen haben ein hohes Potenzial, um Umwelt- und sozialen Debatten nötige Impulse für eine Transformation und Veränderung in Richtung nachhaltiger Gesellschaft zu geben“, sagt Dembowski, die 2011 erstmals bei der Kommunalwahl antrat. „Für eine nachhaltige Zukunft brauchen wir geteilte Verantwortung in allen Bereichen. Lange Zeit glaubten die Männer, uns hauptsächlich die Sorgearbeiten zuzuschreiben. Das ändert sich aktuell.“

Viele Männer würden sich privat gerne mehr einbringen, doch Rücksicht auf Erziehende ist oft noch nicht so stark verankert. Veränderte Arbeitsmodelle, mehr Flexibilität, Digitalisierung, Kinderbetreuung – es gibt viele Möglichkeiten für bessere Rahmenbedingungen. „Wir haben mit sehr vielen Frauen über eine mögliche Kandidatur gesprochen. Da dieses Ehrenamt recht viel Zeit bindet, ist dies die größte Hürde“, merkt auch CDU-Chef Eike Holsten an. „Unsere Stadtratsmitglieder beweisen aber, dass das zu handhaben ist. Bei uns in der Fraktion sind in dieser Wahlperiode drei Kinder geboren.“

Zwar ist der Frauenanteil in der Rotenburger CDU laut Holsten „recht hoch“, zu kandidieren ist dann aber noch einmal andere Sache. Zumal sogar Frauen antreten können, die nicht Parteimitglied sind: „Wir haben überall um Kandidatinnen geworben.“

Unterschiedliche Blickwinkel

Männer und Frauen haben oft unterschiedliche Blickwinkel, Diskussionen werden vielfältiger. „Daraus folgt für uns, dass ein Gremium, das von Männern dominiert wird, bei seinen Entscheidungen die Bedürfnisse von Frauen unbewusst zu wenig berücksichtigt“, erklärt Grünen-Sprecher Stefan Fuchs, der im Ortsverband von einem ausgeglichenen Geschlechterverhältnis spricht. „Dies könnte der Ausgangspunkt für Frauen sein, sich stärker einzubringen. Nicht selten ist leider der umgekehrte Fall anzutreffen.“ Doch Frauen haben selbst im Falle einer Kandidatur geringere Wahlaussichten. Bekannte Personen erhalten oft bevorzugt ein Kreuz. „Klassischerweise handelt es sich im ländlichen und kleinstädtischen Bereich um Vereinsvorsitzende, Unternehmer, Beamte und Landwirte“, so Fuchs – männlich dominierte Bereiche. Es sei die Herausforderung, noch gezielter Frauen für politisches Engagement zu begeistern.

Aktiv daran arbeiten, sie für die oberen Listenplätze zu gewinnen: Dazu muss sich auch Parteidenken ändern. „Sie müssen ihre Strukturen ändern, sehen, wie sie Frauen fördern können, um attraktiv zu sein“, sagt Blome. Frühzeitig ansprechen, Vereinbarkeit aufzeigen. „Der kommende Rat wird wieder die richtigen Weichen stellen müssen“, meint Holsten. „Mit verlässlichen Sitzungszeiten zu familienfreundlicher Zeit und Entschädigungen für die Kinderbetreuung, die es schon gibt.“ Viele Sitzungen finden abends statt – eine Herausforderung für jene mit Kindern. „Es muss ein Machwille dazukommen, Mut, mit alten Klischees zu brechen“, so Dembowski. Gerade in dieser Pandemiezeit, die einen Rückschritt zu traditionellen Rollenmustern gebracht hat, muss gehandelt werden, um nicht weiter zurückzufallen.

Mut braucht aber nicht nur die Politik; auch die Frauen, um sich der Herausforderung zu stellen. Sie müssen aktiv sein. Dembowski: „Wir werden in Zukunft mehr Frauen in erster Reihe bekommen, es braucht Ermutigung und Zeitressourcen, vor allem Geschlechtergerechtigkeit.“ Dazu gibt es auch das Mentoring-Programm „Frau.Macht. Demokratie.“. Es soll künftigen Mandatsträgerinnen den Einstieg erleichtern – sie profitieren von der Erfahrung ihrer Mentoren, gehen zu Sitzungen, netzwerken, lernen die Themen kennen. In Rotenburg sei das nicht zustande gekommen, erinnert sich Blome. Es gibt also noch viele Baustellen auf dem Weg zur Chancengleichheit. „Also Frauen: Traut euch“, ermuntert Dembowksi. „Bei der nächsten Wahl brauchen wir noch mehr Kandidatinnen.“

Im Live-Ticker zur Kommunalwahl in Niedersachsen berichtet kreiszeitung.de am Sonntag, 12. September 2021, über die aktuellen Entwicklungen, die Ergebnisse, die gewählten Bürgermeister und Landräte.

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