Trübe Aussichten oder doch ein Lob?

Berlin-Institut: Rotenburg ist ländlicher Durchschnitt

+
Viele Fragen stellen derzeit die Studienmitarbeiter Sabine Sütterlin und Frederick Sixtus (M.) bei ihrer Reise durch die deutschen Regionen. Im Pressehaus mussten sie am Dienstag aber auch selbst einige beantworten.

Rotenburg - Von Michael Krüger. Rotenburg ist absoluter ländlicher Durchschnitt, und die Zukunftsaussichten sind auch eher im mittleren Bereich anzusiedeln. Das sagen Sabine Sütterlin und Frederick Sixtus. Also eher trübe Aussichten oder doch ein Lob für einen Landkreis, der viele Chancen birgt, diese aber auch erst noch nutzen muss?

Irgendwie von beidem etwas, sagen die wissenschaftlichen Mitarbeiter des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, die in diesen Wochen auf der Reise sind, um sich ein genaueres Bild von Deutschlands Regionen zu machen. Die beiden Gesellschaftsforscher sind für eine Studie unterwegs, die in einen „Teilhabeatlas“ münden soll und sich um die zentrale Frage dreht, wo es sich gut leben lässt. Oder vielleicht wie im Fall Rotenburg: Was zu tun ist, damit es sich (noch) besser leben lässt.

Doch vor der Deutschlandreise stand die Theorie. Anhand einer statistischen Analyse hat das Institut für die Studie, die im August erscheinen soll, alle 402 Landkreise und kreisfreien Städte Deutschlands verglichen. Das Einkommen der Menschen, die in der Region leben, spielt eine Rolle, ebenso das Steueraufkommen, die Lebenserwartung, das Verkehrsaufkommen und die Verkehrsanbindung, die Nahversorgung, Breitbandversorgung, die Bildung und die Zahl der jungen Menschen, die die Region verlassen oder wiederkommen. Anhand dieser Daten sind sechs Gruppen gebildet worden - drei städtische und drei ländliche.

„Die Leute dort sind ähnlich optimistisch wie hier“

Der Landkreis Rotenburg landete wenig überraschend im ländlichen Bereich, und dort in der mittleren Gruppe, die nicht zu den „abgehängten“ gehört, aber auch nicht zu den am stärksten prosperierenden. Um die Statistik mit der Lebenswirklichkeit vor Ort zu verbinden, besuchen die Wissenschaftler zwei bis drei Regionen aus den sechs Gruppen, zumeist die, die stellvertretend für das Mittelmaß sind. Für „ländlich, mittel“ sind das Rotenburg und der Landkreis Tirschenreuth in der Oberpfalz in Oberbayern, direkt an der Grenze zu Tschechien. „Die Leute dort sind ähnlich optimistisch wie hier“, berichteten am Dienstag beim Besuch im Pressehaus Sütterlin und Sixtus. 

Gespräche mit 15 Funktions- und Amtsträgern stehen pro Region für die beiden an, zwei Tage waren sie im Landkreis unterwegs. Bei Bürgermeistern waren sie, beim Landrat, bei Verwaltungsspitzen, beim Kirchenkreis oder bei Vertretern der Bürgerbusvereine, immer mit der Frage im Gepäck, ob sich die Wahrnehmung der Menschen deckt mit der Theorie. Und ob die Menschen so leben können, wie sie es gerne wollen. Dabei deckten sich tatsächlich viele Aspekte mit denen im „Partnerkreis“: eine gute Wirtschaftsansiedlung, ein zunehmender Fachkräftemangel, die notwendige Entwicklung der Infrastruktur und der öffentliche Personennahverkehr bewegen die Menschen auf dem Land im Süden wie im Norden.

Rund 30 Gäste diskutierten am Dienstagabend im Rotenburger Rathaus unter der Regie von Studienmitarbeiterin Sabine Sütterlin über Vorzüge, Probleme und Chancen des Landkreises. Foto: Krüger

Genau das war dann zum Abschluss der Stippvisite auch Thema am Dienstagabend bei einem offenen Bürgerdialog im Rotenburger Rathaus. Eineinhalb Stunden hatten sich die Gesellschaftsforscher Zeit genommen, um sich die Sorgen und Nöte, aber auch die positiven Geschichten zum Leben der Menschen, die hier leben, anzuhören. Rund 30 Gäste waren erschienen, die Forscher über so viel Zuspruch erstaunt, und so diskutierten sie mit Ratsvertretern, Unternehmern, Politikern, Vereinsvertretern, Lobbyisten und anderen über die Bedeutung des Ehrenamts für die gesellschaftliche Teilhabe, über infrastrukturelle Probleme eines Flächenlandkreises und insbesondere darüber, ob die Schere zwischen den Dörfern und Mittelzentren beziehungsweise Städten wie Rotenburg noch zu schließen ist. 

„Rotenburg hat eine Chance“

„Je weiter man von den Verkehrsachsen weg kommt, desto schwieriger wird“, war einer der Sätze, der stellvertretend für das Grundproblem von Gastwirt und Rotenburger Ratsmitglied Frank Westermann (CDU) geäußert wurde und sicherlich anonymisiert auch in der Studie auftaucht. Auch die veränderten Zeitstrukturen und Lebensmodelle wurden angesprochen, die Differenz im Selbstverständnis des Lebens im ländlich geprägten Raum zwischen den Generationen.

Ob auch für Rotenburg das Label „abgehängte Region“ künftig verwendet werden muss, wird ein Thema der Studie sein. Viele der Befragten in diesen Tagen argumentierten dagegen. Das galt auch für Rotenburgs Bürgermeister Andreas Weber (SPD), der von sich aus am Dienstagabend die Stichworte Kino und Disco für die Kreisstadt in den Raum warf: „Rotenburg hat eine Chance.“

Info: Der Teilhabeatlas

Zum ersten Mal erstellt das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung mit Unterstützung der Wüstenrot-Stiftung den „Teilhabeatlas Deutschland“. „Wo es sich gut leben lässt“ ist der Titel der Studie, die auf rund 80 Seiten die Ergebnisse der statistischen Auswertungen und der Gespräche vor Ort zusammfassen und im August erscheinen soll. Sie wird online kostenlos erscheinen, gegen eine geringe Schutzgebühr schickt sie das Berlin-Institut auch auf Papier heraus. Zielgruppe sind nach Angaben der wissenschaflichen Mitarbeiter Politiker, Verwaltungsmitarbeiter und grundsätzlich alle „Entscheidungsträger vor Ort“, die wissen wollen, wie es um ihre Region bestellt ist und wo Lösungsansätze liegen könnten. 

Bestenfalls liefern die Ergebnisse „gezielte Handlungsoptionen für Politik und Gesellschaft“, heißt es von der Wüstenrot-Stiftung. Bislang seien die Lebensverhältnisse und die Möglichkeiten der gesellschaftlichen Teilhabemöglichkeiten eher kleinräumig betrachtet worden, die neue Studie strebt nun einen erweiterten Vergleich an. Zentrale Fragen dabei: Unterscheiden sich die Möglichkeiten auf gesellschaftliche Teilhabe je nachdem, ob der Wohnort in einer ländlichen Region, einem Ballungszentrum, im Osten oder Süden liegt? Welche Unterschiede gibt es in den Regionen? Hat die räumliche Dimension heute in Deutschland einen größeren Einfluss darauf, wie stark Menschen an der Gesellschaft teilhaben können, als es mit dem Anspruch auf gleichwertige Lebensverhältnisse vereinbar ist?

Weitere Fragen zur Studie kann Frederick Sixtus vom Berlin-Institut unter der Nummer 030 / 311026 98 beantworten.

https://www.berlin-institut.org

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema:

Pizarro schenkt der alten Dame ein – die Netzreaktionen

Pizarro schenkt der alten Dame ein – die Netzreaktionen

Hochzeitsmesse „Braut im Glück“ in Bassum

Hochzeitsmesse „Braut im Glück“ in Bassum

Pizarro und Co.: Die ältesten Torschützen der Bundesliga-Geschichte

Pizarro und Co.: Die ältesten Torschützen der Bundesliga-Geschichte

Pool-Party im Krandelbad

Pool-Party im Krandelbad

Meistgelesene Artikel

Rotenburger Heinz Dieterich ist in Lateinamerika ein berühmter Mann

Rotenburger Heinz Dieterich ist in Lateinamerika ein berühmter Mann

Campus-Fahrplan steht

Campus-Fahrplan steht

Dringende Suche nach Fachkräften

Dringende Suche nach Fachkräften

Zevens neuer Samtgemeindebürgermeister Henning Fricke im Gespräch

Zevens neuer Samtgemeindebürgermeister Henning Fricke im Gespräch

Kommentare