Künstler Thorsten Finner schwört auf reduzierte Technik mit Polaroid-Kameras

Ein Beobachter mit dem Drang zur Aufdringlichkeit

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Thorsten Finner ist vom Berliner Unternehmen „Impossible” zum Botschafter für Retrokameras gekürt worden.

Rotenburg - Von Ulla Heyne. Sir Pauli hätte eigentlich jeden Grund, eingeschnappt zu sein. Der zweieinhalbjährige Border-Collie-Labrador-Mischling ist eines der meistfotografierten Motive seines Herrchens Thorsten Finner – doch bei dessen erster Polaroid-Ausstellung im „Instantland“ in Berlin flogen seine Bilder in letzter Sekunde heraus.

Finner ist Perfektionist, nicht nur als Musiker. Wenn er ab Donnerstag bei seinen „An Instant Walk“-Workshops die Besucher des „A-Summer‘s-Tale-Festivals“ in der Nähe von Lüneburg in seine Kunst einweiht, geht es jedoch mehr um den Spaß und darum, andere für seine Passion zu begeistern.

Bereits im März hatte „Finner“ mit seinen Werken im 7,8 mal 7,9 Zentimeter-Bildbereichformat die Öffentlichkeit gesucht. Vorausgegangen war die intensive Beschäftigung mit den eigenen Werken: Wochenlang hatte der Mediendesigner an der Auswahl seiner Bilder gefeilt. Aus dem Fundus von knapp 1000 in Kartons archivierten Abzügen waren relativ schnell 200 in die engere Wahl gekommen. Die wurden immer weiter reduziert und zu thematischen Serien zusammengestellt: Obdachlose, alleinstehende Baumriesen, Bilder seiner Nichte, deren Aufwachsen der Rotenburger seit 2009 mit der Polaroid-Kamera begleitet.

Am Ende blieben 45 gerahmte Exemplare, mit denen es nach Berlin ging. Nach sechs Stunden Aufhängen stimmte alles. „Wenn ich bei der Vorbereitung, die doch aufwändiger war als gedacht, je das Gefühl gehabt hätte, ‚das fühlt sich uncool an‘, hätte ich einen Rückzieher gemacht“, so der 35-jährige Werbefachmann. Das Bedürfnis auszustellen – es entspringt wohl auch einem Pioniergeist, dem Drang, Aufklärungsarbeit in Sachen Polaroid zu leisten. Auch beabsichtigt er, möglichen Organisatoren lokaler Ausstellungen, die bei seiner ersten Anfrage abgewinkt und angezweifelt hatten, dass die quadratischen Retro-Fotos eine eigenständige Kunstform sind, zu zeigen: Es funktioniert!

Und das tat es. Rund 500 Besucher zählte die Ausstellung in dem Szene-Fachgeschäft. Dabei geht es Finner nicht um Besucherzahlen, sondern um das Teilen der Passion für ein Medium, das den Rotenburger fasziniert, seit er 2009 von der Hamburger Fotografin Caren Detje eine der nostalgischen Kameras zur Dokumentation der eigenen Konzerttour in die Hand gedrückt bekommen hatte. Auf die provokante Frage einer Kunstkritikerin bei der Vernissage, warum er seine Bilder für Kunst halte, erwiderte er: „Ob es Kunst ist sollen andere entscheiden – wenn es emotional berührt, dann kann es nicht so weit von Kunst entfernt sein.“

Der vermeintliche Affront, Bilder auf der Toilette des Instantland aufzuhängen, war dem Platzmangel geschuldet. Finner will mit seinen Bildern nicht provozieren, sondern als Pionier für Polaroid eine Lanze brechen. Die Technik steckt, wie der Künstler selbst, voller Widersprüche: Die Faszination für das Reduzierte im Gegensatz zur Digitalfotografie mit ihren 1000 Möglichkeiten – an den nostalgischen Apparaten, die er auf Flohmärkten oder im Internet bei Ebay kauft, sind meist nur zwei Einstellknöpfe – kontrastiert mit der Vielzahl an Filmen.

So geht es bei der Auswahl der Motive auch immer zunächst um die Auswahl des geeigneten Films. Auch wenn er inzwischen ziemlich genau weiß, wie diese später wirken, liebt er das Überraschungsmoment: „Die Chemie des Films lässt sich nicht immer vorhersehen.“ Auch das ein Kontrast: Dem Zufall darf der Musiker und Fotokünstler bei der Bildkomposition nichts überlassen. Seinen Motiven einen roten Faden zuzuordnen, ist schwer. Finner selbst nennt sich „Beobachter mit gelegentlichem Drang zur Aufdringlichkeit“.

So finden sich neben Bahnhöfen und Naturszenen auch Portraits von Charakterköpfen. Finner spricht gezielt Menschen an, bis jetzt vor allem Männer („Für Frauen bin ich wohl zu schüchtern“, sagt der Bühnenprofi und schmunzelt), darunter zum Beispiel Obdachlose und ein ehemaliger Fußballer.

Mit seinen „gelbstichigen Füßen“ gewann er bereits einen Wettbewerb – sie sind im Schmuckkarton in Edelläden und Museumsshops von Paris bis Chicago zu haben. Seine Führung der Vernissage-Gäste dauerte eine Dreiviertelstunde: „Ich haben zu jedem Bild, einen Ort, eine Geschichte im Kopf. Da ist viel Persönliches dabei.“ Dass der ausstellende Künstler so viel von sich preisgibt, sei wohl eher ungewöhnlich: „Andere lassen die Zuschauer lieber etwas in ihre Werke rein interpretieren.“

Auf die fünf Workshops, die er ab morgen beim „Summer‘s Tale“-Festival in Lüneburg leitet, ist Polaroid-Profi Finner jetzt schon gespannt: „Polaroid ist ein ideales Medium, um die Spontanität der Besucher aufs Bild zu bannen und die unterschiedlichen Sichtweisen auf das Festival – von Natur bis Kultur wird jeder einen anderen spannenden Blickwinkel entwickeln.“

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