Botheler genießt die frostigen Temperaturen im Visselsee

Kühler Körper, freier Kopf

Das Kältetraining nach der Wim-Hof-Methode wird flankiert von Atemübungen und Meditationen.
+
Das Kältetraining nach der Wim-Hof-Methode wird flankiert von Atemübungen und Meditationen.

Visselhövede/Rotenburg – Ein nieselig-trüber Vormittag in Visselhövede, das Jahr ist noch jung. Den Tag „grau“ zu nennen, wäre freundlich. Auf dem Weg zum großen Visselsee fängt es an zu nieseln. Sergej Tschernow dreht die Heizung in seinem Kombi bis zum Anschlag auf – wenn er von seinem Ausflug zurückkommt, wird er die Wärme zu schätzen wissen. Zwei bis drei Mal pro Woche, je nachdem, wie Dienstplan und Verpflichtungen es zulassen, macht der Botheler sich derzeit auf den Weg – nicht nur zum See, sondern schnurstracks hinein.

Spaziergänger bleiben schon mal stehen, wenn sie den 36-Jährigen mit Badehandtuch gen See streben sehen. An diesem Morgen hat sich jedoch niemand im Nieselregen an die Badestelle verirrt, und auch eine Begleitung, die sonst schon mal die Zeit stoppt, ist heute nicht dabei. An die drei Minuten hält Tschernow es inzwischen im trüben Wasser aus, dessen Temperatur nur unwesentlich von der in der Luft – heute zwei Grad – abweichen dürfte. Zu Anfang, vor rund zwei Monaten, waren es gerade mal 30 Sekunden.

Auch heute landen Badehandtuch, Jacke und Jogginghose auf einer der regennassen Bänke, die Mütze bleibt auf: „Der Kopf muss warm bleiben.“ Ein paar schnelle Atemzüge, dann geht der Familienvater zügig ins Wasser. Ein paar laute Schnaufzer, als er mit den Schultern untertaucht – das war´s. Kein Hadern, kein Stöhnen, kein Juchzer – man merkt die Routine. Das war Anfang November noch anders, als Tschernow das erste Mal im Bullensee untertauchte; „der hat allerdings so wenig Wasser, dass man ewig gehen musste und schon vorher ausgekühlt war“, erklärt er den Wechsel zum Visselsee. Inzwischen kostet ihn der Gang ins Wasser weniger Überwindung als die kalte Dusche, unter die er an den „badefreien“ Tagen bis zu fünf Minuten steigt.

Aber was treibt einen an, sich bei einem Wetter in die Fluten zu stürzen, das sonst höchstens Gassigänger aus dem Haus lockt? Ist es die sportliche Herausforderung, das Wissen, den eigenen Schweinehund überwinden zu können, die Willenskraft oder das Glücksgefühl, das sich nach einigen Momenten des „Nichts-Fühlens“ im Körper breitmacht? Es ist wohl eine Mischung aus allem, gepaart mit der Suche nach anderen Wegen, etwas für Gesundheit, Körper und Kopf zu tun.

Seit gut zwei Jahren beschäftigt sich der Heilerziehungspfleger mit ayurvedischen Methoden und Heilmitteln, meditiert fast täglich und läuft auch mal barfuß, „vorgestern von Rotenburg bis Bothel“, meint er und zeigt auf die Blasen an den Füßen. Abschalten, den Kopf freikriegen, das Gehirn entlasten – das ist nach einer anstrengenden Arbeitswoche bei den Rotenburger Werken unabdingbar. Sein Arzt, der nach ayurvedischen Prinzipien praktizierte, habe den weisen Spruch geprägt: „Den Kindern wird alles beigebracht, aber das Wichtigste nicht, nämlich, wie man den Kopf frei bekommt.“

Irgendwann stieß Tschernow auf die Wim-Hof-Methode. Der niederländische Extremsportler hat sich durch seine Kilimandscharo-Besteigung in Shorts oder seine Rekorde im Eisbaden einen Namen gemacht. Die drei Säulen seines Erfolgs: Atemtechnik, mentaler Fokus und Kältetraining – auch für Tschernow Stressabbau und Freisetzen von Glückshormonen. Die Steigerung der Sauerstoffsättigung der Zellen, „das Gefühl, wenn alles kribbelt im Körper“, das erlebt er am eigenen Leibe; ein Körpergefühl, das er zu schätzen gelernt hat.

In den sozialen Netzen, in denen der Begründer des „Metal Splash“ und der „Metal Militia“ seine ersten Badegänge postete, erntete er neben Respekt auch einiges an Unverständnis. „Viele Leute verstehen das nicht“, meint er. Über einen Kommentar „Ist das dein russisches Blut?“ muss der 36-Jährige, der im Alter von 13 nach Deutschland kam, schmunzeln. Auch wenn am Tag seiner Geburt an seinem Geburtsort Minus 37 Grad herrschten, wie er recherchiert hat: „Dort gehen sie bei Minusgraden ins Wasser und müssen vorher ein Loch ins Eis hacken!“

Von richtig Schnee und Eis während seiner Abhärtungskur kann er vorerst nur träumen; der Wunsch nach Gleichgesinnten, die seine Leidenschaft teilen, könnte sich schon eher bewahrheiten: Schon hätten erste Freunde Interesse angemeldet, ihn zu begleiten. Eventuell ein Schritt zur Verwirklichung seiner Idee, „mal eine Gruppe aufzumachen und sich gegenseitig zu motivieren, noch länger auszuhalten“.

Doch zunächst hat er sich eine 1 000-Liter-Tonne gekauft, die er mit Brunnenwasser zum heimischen Eisbecken umfunktionieren will, sollte der Weg nach Visselhövede einmal zu lang werden. Auf die Frage, was er im Sommer macht, lacht er: „Dann kommen da ganz viele Eiswürfel rein!“  hey

Wassertemperaturen von vier Grad sind für Sergej Tschernow kein Problem – noch lieber wären ihm Schnee und Eis.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Super Bowl: NFL-Star Brady will Geschichte schreiben

Super Bowl: NFL-Star Brady will Geschichte schreiben

Neuer Mode-Stil für das Weiße Haus

Neuer Mode-Stil für das Weiße Haus

Wie werde ich Verfahrensmechaniker/in?

Wie werde ich Verfahrensmechaniker/in?

Russland protestiert: «Putin, hau ab!»

Russland protestiert: «Putin, hau ab!»

Meistgelesene Artikel

„Eine Ära ist zu Ende“: Möbellager der Flüchtlingshilfe Scheeßel wird aufgelöst

„Eine Ära ist zu Ende“: Möbellager der Flüchtlingshilfe Scheeßel wird aufgelöst

„Eine Ära ist zu Ende“: Möbellager der Flüchtlingshilfe Scheeßel wird aufgelöst
Auf A1 eingekreist und ausgebremst: Unbekannte schlagen auf Smart ein

Auf A1 eingekreist und ausgebremst: Unbekannte schlagen auf Smart ein

Auf A1 eingekreist und ausgebremst: Unbekannte schlagen auf Smart ein
Schließung der Friseurläden macht Visselhöveder kreativ

Schließung der Friseurläden macht Visselhöveder kreativ

Schließung der Friseurläden macht Visselhöveder kreativ

Kommentare