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Kreuzkirche überreicht Osternest an den „Straßenfeger“

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Von: Guido Menker

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Ostergeschenk für den Straßenfeger: Alexandra Wurthmann (v.l.) Hannah Mollnau, Barbara May und Nicole Geldermann bei der Übergabe des Spiele-Pakets vor dem Eingang des „Straßenfegers“ an der Goethestraße.
Ostergeschenk für den Straßenfeger: Alexandra Wurthmann (v.l.) Hannah Mollnau, Barbara May und Nicole Geldermann bei der Übergabe des Spiele-Pakets vor dem Eingang des „Straßenfegers“ an der Goethestraße. © Menker

Ein „Osternest“, gefüllt mit Spielen und Süßigkeiten, überreichen Hannah Mollnau und Nicole Geldermann von der Kreuzkirche an Barbara May und Alexandra Wurthmann vom „Straßenfeger“. Damit erfüllen sie einen Wunsch der Gäste der karitativen Einrichtung.

Rotenburg – Hannah Mollnau und Nicole Geldermann rücken in dem großen, österlich geschmückten Karton noch einmal alles hübsch zurecht, ehe sie die Tür zum „Straßenfeger“ an der Goethestraße öffnen. Sie sprechen von einem „Osternest“, das sie der Einrichtung überreichen möchten. Gedacht ist die Spende der Rotenburger Kreuzkirche für die Gäste. Der „Straßenfeger“ bietet unter dem Dach des Vereins „Lebensraum Diakonie“ einen Tagesaufenthalt für Obdachlose, für ehemalige Wohnungslose und Menschen, die vom Verlust der eigenen vier Wände bedroht sind.

Im Osternest von der Kreuzkirche stecken nicht nur ein paar Süßigkeiten, sondern allen voran eine Vielzahl von Gesellschaftsspielen, die sich die Gäste, die den „Straßenfeger“ regelmäßig aufsuchen, zuvor gewünscht hatten. „Uns ist es ein Anliegen, auch vor Ort auf Bedürftigkeit zu reagieren und zu unterstützen“, sagt Nicole Geldermann, die in ihrer 120 Mitglieder zählenden Gemeinde – zu finden an der Potsdamer Straße – die Unterstützung des „Straßenfegers“ in die Hand genommen hat.

Wir bleiben in regelmäßigem Kontakt zu der Einrichtung und erfragen, wo wir helfen und unterstützen können.

Nicole Geldermann

Zu Weihnachten schon hatte die Gemeinde im vergangenen Jahr für den „Straßenfeger“ eine Wunschaktion auf die Beine gestellt. Mehr als 30 Gäste des „Straßenfegers“ freuten sich, dass ihre Wünsche erfüllt worden waren. Dabei ging es um ganz alltägliche Dinge, die das Leben ein bisschen leichter und angenehmer machen. Geldermann: „Wir bleiben im regelmäßigen Kontakt zu der Einrichtung und erfragen, wo wir helfen und unterstützen können.“

An diesem Morgen im „Straßenfeger“ ist die Freude nicht nur bei den Damen aus der Kirchengemeinde, sondern auch bei den Sozialpädagoginnen Barbara May sowie Alexandra Wurthmann groß. Sie wissen genau um die Probleme, die ihre Gäste mit sich herumschleppen. Vor allem seit Ausbruch der Pandemie sei die Einsamkeit noch einmal schlimmer geworden. „Unsere Gäste sind zumeist alleinstehend.“ Daher nutzen sie die Öffnungszeiten des „Straßenfegers“ in der Woche gerne, um hier eben andere Menschen treffen und sich mit ihnen austauschen zu können.

Nächstenliebe als Motivation

Morgens bietet die Einrichtung unter dem Dach des Vereins Lebensraum Diakonie ein sehr günstiges Frühstück, außerdem stehen die Mitarbeiter für Beratungen zur Verfügung. Und: „Wir bieten auch gerne Aktionen an, unternehmen mit den Menschen kleine Ausflüge oder organisieren ein Grilltreffen“, sagt Barbara May. Zudem gebe es ein Selbstbehauptungstraining für Frauen. Darüber hinaus wünschen sich die Gäste wieder einen regelmäßigen Spielenachmittag – und dafür braucht es eben Spiele.

„Es geht uns ganz einfach um Nächstenliebe“, erklärt Hannah Mollnau die Motivation der Gemeinde. Hilfe werde auf vielen Ebenen geleistet, es sei aber zugleich auch wichtig, hier vor Ort etwas zu machen. Die Gemeinde sei von dieser Idee mit dem „Straßenfeger“ begeistert. Schon bald könnte es sein, dass die Gäste des „Straßenfegers“ eine Einladung in die Kreuzkirche erhalten. „Wir wollen aber nicht missionieren“, versucht Nicole Geldermann möglichen Skeptikern den Weg so einfach wie möglich zu machen.

Schwierige Situation

Die Freude über diesen intensiven Kontakt beruht auf Gegenseitigkeit. Die einen möchten sich engagieren und etwas Gutes tun, die anderen können die Hilfe bestens gebrauchen. May und Wurthmann wissen, wie prekär die Lage für Menschen ist, die keine Wohnung haben oder fürchten müssen, schon bald ihre eigenen vier Wände zu verlieren. „Zurzeit aber sind es besonders die steigenden Lebensmittelpreise, die hier ein Thema sind“, erklärt Wurthmann. Die günstigen Lebensmittel seien in den Geschäften vielfach schnell vergriffen, in den Regalen lägen dann die teureren Produkte, die sich die Gäste des „Straßenfegers“ eh schon kaum leisten könnten. „Da kommt es dann schon mal vor, dass wir auch zwischendurch noch ein geschmiertes Brötchen rausgeben müssen.“

Nicole Geldermann nimmt diese Hinweise gerne mit und überlegt, ob es nicht auch möglich gemacht werden kann, je nach Bedarf haltbare Lebensmittel an den „Straßenfeger“ zu schicken, um den Menschen damit zusätzlich zu helfen.

Problematischer Dreiklang

Geldnot, Wohnungsprobleme und Einsamkeit – das ist der problematische Dreiklang vieler Menschen auch hier in der Kreisstadt. Besonders traurig sei das alles dann eben auch mit Blick auf die Feiertage. Das Team im Haus an der Goethestraße nimmt sich das zu Herzen, organisiert in dieser Woche nicht zuletzt deshalb ein reichhaltiges Osterfrühstück. „So langsam starten wir hier wieder durch – natürlich ohne dabei zu vergessen, auf die pandemische Lage zu reagieren“, betont Barbara May.

Sie und ihre Kollegin sind sich sicher: Die nächsten finanziellen Probleme für die Gäste werden kommen. Spätestens dann, wenn alle für die drastisch steigenden Energiekosten zusätzlich zur Kasse gebeten werden. Noch werde darüber recht wenig gesprochen. „Für unsere Gäste ist das noch weit weg – aber es wird auch sie erreichen.“ Zugleich steigen die Mieten weiter, was es noch schwieriger macht, ein eigenes Dach über dem Kopf zu finden – oder zu behalten.

Kleider- und Tierfutterspenden

Der „Straßenfeger“ kann immerhin auf zwölf Übergangswohnungen zurückgreifen. Wer eine davon ergattert, ist im Vorteil: Er hat eine eigene Meldeadresse, Zugang zur dauerhaften staatlichen Unterstützung. Wer keine Meldeadresse vorweisen kann, muss seinen Tagessatz täglich abholen.

Vor diesem Hintergrund ist es gut, dass der „Straßenfeger“ Unterstützung bekommt – und zwar aus dem direkten Umfeld. Das „Futterhaus“ steuert immer wieder Tiernahrung bei, außerdem kommen Kleiderspenden ins Haus. Doch die Mitarbeiterinnen May und Wurthmann wissen auch: Das Thema Wohnungslosigkeit braucht mehr Öffentlichkeit. „Das ist ein Dauerthema, und daher rückt es immer wieder aus dem Blickfeld.“ Dabei wäre es wünschenswert, dass insgesamt mehr Anstrengungen unternommen werden, um die Obdachlosigkeit zu bekämpfen. So vielleicht, wie es sich Finnland mit der Initiative „Housing First“ auf die Fahnen geschrieben hat. Sie planen ein Recht auf Wohnraum für alle – 2027 soll dort Schluss sein mit der Obdachlosigkeit. „Klar, so etwas wäre auch hier wünschenswert. Diskutiert werden solche Dinge in Deutschland zurzeit eigentlich nur auf den höheren Ebenen“, weiß Alexandra Wurthmann zu berichten. „Oder dann, wenn Kollegen bei Seminaren oder Workshops zusammenkommen.“

Barbara May sieht das ähnlich und denkt beim Gespräch im „Straßenfeger“ laut darüber nach, was ihre Zunft sonst noch tun könnte: „Vielleicht müssen wir nur einfach mal viel lauter werden.“

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