Haltung des Kampfpiloten zum NS-Regime bleibt unklar

Rotenburger Kreistag plädiert für den Namen Lent-Kaserne

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Die Linke hatte am Dienstag vor der Kaserne eine Namensänderung gefordert – weitgehend ohne Öffentlichkeit. Der Kreisvorsitzende Manfred Damberg (l.) und sein Stellvertreter Jochen Richert hatten nur eine Handvoll Unterstützer dabei. Und die Polizei.

Roteburg - Von Michael Krüger. Auch der Rotenburger Kreistag will den Namen Lent-Kaserne behalten. Nach dem Votum des Rotenburger Stadtrats und der Soldaten selbst hat sich die Kreistagsmehrheit von CDU, FDP, WFB, Freien Wählern und AfD dafür ausgesprochen, dass das Bundesverteidigungsministerium nicht an der Benennung durch den Wehrmachtspiloten der NS-Zeit rütteln soll. Landrat Hermann Luttmann (CDU) hatte diesen Beschluss empfohlen.

Es geht auch an diesem Mittwochvormittag vor allem darum, wie Geschichte zu deuten ist. „Er war unbestritten einer der erfolgreichsten Luftwaffenpiloten mit herausragenden soldatischen Fähigkeiten“, trägt Landrat Luttmann vor. Doch lassen sich diese Fähigkeiten, Lents Taten, isoliert betrachten? CDU, FDP, WFB, Freie Wähler und AfD zeigen sich geschlossen: Ja. Trotz aller Ungenauigkeiten, trotz aller Unwissenheit zur Person, trotz der wissenschaftlich bislang nie aufgearbeiteten Geschichte des Kampfpiloten ist man sich auf dieser Seite des Kreistags einig: „Für mich als Juristen gilt die Unschuldsvermutung“, sagt Luttmann. „Er hatte nichts gemein mit der widerlichen NS-Rassenideologie.“ Folglich müsse man auch nicht an der Benennung der Kaserne rütteln. Das sehen einige anders.

Reinhard Bussenius (Grüne) spricht von einer „historischen Hypothek“, die der Name Lent mit sich bringe. Militärische Leistungen könnten nicht von der NS-Politik abgekoppelt werden. Seine Parteikollegin Elke Twesten sieht in Lent kein Vorbild für Soldaten heute: „Er hat nichts geleistet, woran ich mich erinnern möchte.“ Tatsächlich betont aber auch die Seite der Befürworter einer Umbenennung, dass man bei der Person Lent mehr oder weniger im Nebel stochere. Heike Behr spricht von „zahlreichen Leerstellen“, man bewege sich beim Versuch der historischen Betrachtung „auf sehr dünnem Eis“.

Ministerium entscheidet noch nicht

Auch Landrat Luttmann sagt: „Es ist beschämend, dass wir so wenig wissen.“ Gerade deswegen, pflichtet Angelika Dorsch (SPD) bei, sagten doch die Empfehlungen vor Ort wenig aus. Entscheiden über den Namen müsse Bundesverteidigungsministerium Ursula von der Leyen (CDU). „Es ist ein Skandal, dass wir das hier als zentrales Thema im Kreistag beraten, weil jemand in Berlin seinen Job nicht macht.“

Die Ungewissheit bleibt. Wer war dieser Lent? In Rotenburg war diese Frage 40 Jahre kein Thema. Sechs Jahre nach der Übernahme von der britischen Rheinarmee erhielt der ehemalige Fliegerhorst als Bundeswehrstandort am 18. Juli 1964 den Namen Lent-Kaserne. Im November 2013 rügte das Bundesverteidigungsministerium, dass die Benennung nach Lent nicht mehr zeitgemäß sei. In der Kaserne sah man das relativ schnell wohl ähnlich. Wenige Monate nach der Anregung des Inspekteurs des Heeres wurden die historischen Bilder von Lent im Kasernenbereich entfernt. Das „Lent-Zimmer“ wurde umgestaltet und in „Wümme-Zimmer“ umbenannt. In der Standortbroschüre taucht der Namensgeber ebenfalls nicht mehr auf. Und erst im Februar waren alle Angaben zu Lent inklusive NS-Symbolen von der Casino-Homepage entfernt worden. Im Mai folgte die Abstimmung der Soldaten – für Lent.

Lent war Nachtjäger der Wehrmacht

Helmut Lent (1918-1944) war ein sehr erfolgreicher Nachtjäger der Wehrmacht. Für zahlreiche Abschüsse anderer Flugzeuge wurde er mit dem Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes mit Eichenlaub, Schwertern und Brillanten ausgezeichnet, einer der höchsten Auszeichnungen des NS-Regimes. Im Alter von 26 Jahren kam er bei einem Flugunfall bei Paderborn ums Leben. Reichsmarschall Hermann Göring selbst hielt 1944 die Gedenkrede beim Staatsbegräbnis des Soldaten.

Von der Leyen zitierte im Mai anlässlich eines Parlamentarischen Abends des Verbandes der Reservisten in Berlin aus dem Traditionserlass der Bundeswehr: „Ein Unrechtsregime, wie das Dritte Reich, kann Tradition nicht begründen!“ In ihrem Redemanuskript heißt es: „Wir verbannen zu Recht den Wehrmachtshelm aus der Stube. Doch am Tor der Kasernen stehen nach wie vor Namen wie Hans-Joachim Marseille oder Helmut Lent. Beide Namensgeber sind nicht mehr sinnstiftend für die heutige Bundeswehr. Sie gehören zu einer Zeit, die für uns nicht vorbildgebend sein kann.“ Auf Nachfrage korrigierte ein Sprecher des Ministeriums – es sei keine „Vorfestlegung“, die Namen wären Beispiele gewesen. Das Votum vor Ort werde in die Entscheidungsfindung mit einfließen. Bis Ende des Jahres. Womöglich erst nach der Bundestagswahl. Dieses Hin und Her bezeichnete der Parteikollege der Ministerin, Landrat Luttmann, als „unverständlich“. Aber auch er erwarte aus politischem Kalkül in Berlin vor der Wahl keine Entscheidung.

Kommentar von Michael Krüger:

Weg vom Namen!

Zwei Fakten zur Kaserne in Rotenburg: Erstens wäre sie nach heutigen Maßstäben nicht nach Helmut Lent benannt worden. Und zweitens gibt es keine wissenschaftlich fundierte Aufarbeitung von Lents Leben; es ist unklar, wie er zum Nationalsozialismus stand. Doch es geht auch gar nicht um die Frage, ob Lent ein Nazi war. Adornos Wortpfeiler „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ sollte man vor dem Bundesverteidigungsministerium aufstellen. Hausherrin Ursula von der Leyen (CDU) hat zwar den Prozess zur Umbenennung von Kasernen, die nach Wehrmachtsoffizieren benannt sind, auf den Weg gebracht. 

Michael Krüger

Aber jetzt, drei Monate vor der Bundestagswahl, lässt sie die Menschen vor Ort allein. Eine schnelle Entscheidung in Rotenburg ist unwahrscheinlich – selbst nachdem sich Stadtrat, Kreistag und Soldaten geäußert haben. Alle plädieren für die Beibehaltung des Namens. Warum eigentlich? Weil sie sich die Frage stellen, wer Lent war. Anno 2017 ist das aber, weil nicht klar rekonstruierbar, obsolet. Lent hat für die Nazis erfolgreich bombardiert. Allein diese Lebensleistung hat zur Namensgebung der Kaserne geführt. Er, der 1944 Gestorbene, konnte sich nach dem Krieg nicht erklären, er hat keine weiteren Verdienste für die Öffentlichkeit vorzuweisen – ein Unterschied zum kritischen Umgang der Rotenburger Werke und des Diakonieklinikums mit dem einstigen Leiter Pastor Johannes Buhrfeind. Soll Helmut Lent wirklich Vorbild sein für junge Soldaten, die von Rotenburg aus zu „Friedensmissionen“ in die Welt aufbrechen?

Die Kaserne muss jetzt umbenannt werden, weil wir mit der seit vier Jahren hochemotional geführten Diskussion gar nicht mehr anders können. Den Namen zu lassen und auf eine künftige kritische Auseinandersetzung mit dem Namensgeber zu hoffen, wird nicht klappen. Zum einen, weil aufgrund der historischen Unklarheit spätestens jetzt nach der öffentlichen Debatte der Makel einer möglichen „Nazi-Größe“ in Rotenburg für immer haften bleiben würde. Und zum anderen, weil nach der Entscheidung zum Beispiel für „Wümme-Kaserne“ die Debatte binnen weniger Tage beendet wäre. So wenig, wie sich 40 Jahre lang irgendwer um den Namen Lent gekümmert hat, so wenig würde man sich an der Tilgung stören. Und es wäre ein Streit beendet, der außerhalb der Ratssäle in Rotenburg sowieso kaum jemanden interessiert.

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