„Das macht uns schwindelig“

Kreislandwirt beklagt hohe Frequenz an neuen „Spielregeln“

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Die Getreideernte hat viele Betriebe im Landkreis Rotenburg noch positiv überrascht und liegt auf durchschnittlichem Niveau. Das erklärt Kreislandwirt Jörn Ehlers.

Rotenburg - Beim Blick auf die Ernte in diesem Jahr wählt die niedersächsische Landwirtschaftskammer deutliche Worte: Nach dem extrem nassen Jahr 2017 und der Dürre 2018 hatten die landwirtschaftlichen Unternehmen erneut mit einer lang anhaltenden Trockenheit zu kämpfen. Das dritte schwierige Jahr für die Bauern in Folge. Inwieweit trifft dieses Fazit auch für den Landkreis Rotenburg zu?

Eine Frage, bei der Kreislandwirt Jörn Ehlers immerhin feststellt: „Die Getreideernte hat viele Betriebe noch positiv überrascht und liegt auf durchschnittlichem Niveau. Der Preis ist jedoch im Vergleich zum Vorjahr etwas gefallen. Beim Mais fehlen in Rotenburg etwa 25 Prozent an einer durchschnittlichen Ernte.“

Das sei jedoch regional auch wieder sehr unterschiedlich innerhalb des Landkreises, so Ehlers auf Anfrage. Beim Grünland dürften die Ertragsverluste ähnlich sein. Vielen Betrieben fehlte ein kompletter Schnitt. Ehlers: „Somit bleibt das Grundfutter knapp, weil auch keine Reserven aus dem Vorjahr vorhanden sind.“ Das belaste insbesondere die Rinderhalter, aber auch die ein oder andere Biogasanlage. Das letzte Jahr habe gezeigt, dass auch Futterzukauf nicht immer eine optimale Lösung für die Betriebe ist und zu Leistungsverlusten zum Beispiel beim Milchvieh führen könne, weil die Futterqualitäten schwerer zu kalkulieren sind. Der Kreislandwirt betont: „Eine mehrmalige Abfolge von schlechten Ernten zehrt an den Reserven der Betriebe.“

Landwirte hoffen auf positive Witterungsentwicklung

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, worin Ehlers die wesentlichen Herausforderungen für das nächste Jahr sieht. Klar, auf das Wetter habe man keinen unmittelbaren Einfluss, und so bleibe nur zu hoffen, dass sich die Witterung positiv entwickelt. „Wenn möglich, werden Betriebe versuchen, ihre Futterreserven wieder aufzufüllen und die Anbaustruktur hierzu anpassen. Weitaus größere Sorgen bereiten uns politische Entscheidungen, die manchmal schwerer zu kalkulieren und zu verstehen sind als das Wetter.“

Kreislandwirt Jörn Ehlers

Die Veränderungen in der Landwirtschaft machten es vor allem kleinen Betrieben schwer, sich über Wasser zu halten. Das zunehmende Höfesterben wird auch im Landkreis Rotenburg beklagt. Aber, sagt Ehlers, es seien nicht nur wirtschaftliche Gründe, die über den Fortbestand eines Betriebes entscheiden: „Erschrocken haben uns die Ergebnisse einer Umfrage, die Fachschüler bei Landwirten vor zwei Jahren in unserer Region angefertigt haben. Darin wurde deutlich, dass sehr oft auch die Stimmung in der Gesellschaft gegenüber uns Landwirten und die Zunahme an Auflagen und Vorschriften eine große Rolle spielen, ob ein Betrieb eine Zukunft hat.“

Bauern diskutieren häufig über bürokratische Hürden

So ist es kaum verwunderlich, dass die Bauern in letzter Zeit nicht so sehr über das Wetter, sondern viel mehr über bürokratische Hürden diskutieren, die ihnen das Leben zunehmend schwer machten. „Die Frequenz, in der wir mittlerweile mit massiven neuen Spielregeln oder den Ankündigung derselben konfrontiert werden, macht uns schwindelig. Wir lieben unseren Beruf, weil wir mit Natur und Tieren zu tun haben, und nicht, weil wir unsere Zeit im landwirtschaftlichen Büro verbringen wollen.“ Er selbst bekomme auch als Vizepräsident des niedersächsischen Landvolks oft zu hören, dass einmal ein Thema vom Tisch soll. „Wir reden über viele Dinge – zum Beispiel über den Wolf – seit Jahren, ohne dass es zu wirklichen Lösungen kommt. Hier verliert Politik Vertrauen.“ Außerdem würde sich so mancher Landwirt freuen, wenn die vielen positiven Entwicklungen in der Agrarbranche stärker wahrgenommen würden.

Dahinter ließe sich eine Entwicklung vermuten, die potenziellen Nachwuchs zunehmend abschreckt. Aber ist das wirklich so? „Auch, wenn es Sie vielleicht überrascht: Gerade in unserer Region haben wir eine florierende Ausbildung junger Landwirte. Dies ist den guten Ausbildungsbetrieben und Berufsschulen geschuldet, die wir glücklicherweise haben“, versichert Ehlers mit einer gehörigen Portion Stolz. In keinem anderen Bundesland würden so viele Landwirte ausgebildet wie in Niedersachsen. Im vergangenen Jahr habe man 35 Prozent Quereinsteiger verbucht, und auch der Frauenanteil sei beeindruckend. Jörn Ehlers zur Kreiszeitung: „Wir freuen uns sehr über diese positive Entwicklung.“

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