Zuversicht statt Klagelied

Kreislandvolk-Chef Jörn Ehlers: Bessere Stimmung als im Vorjahr

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Die Ernte ist angelaufen. In den kommenden Wochen können die Bauern daher gutes, also trockenes Wetter gebrauchen. In diesem Jahr erwarten sie insgesamt ein eher durchschnittliches Ergebnis.

Rotenburg - Von Guido Menker. Die Bestellung klingt fast wie eine Demonstration. Jörn Ehlers, der Vorsitzende des Landvolk-Kreisverbandes Rotenburg-Verden, ordert einen Milchkaffee – mit der deutlichen Betonung auf Milch. Und damit wären wir auch schon gleich beim Thema. „Die Stimmung unter den Landwirten ist besser als vor einem Jahr – es gibt eine Trendwende in einigen Bereichen“, freut sich der Mann, der seit Beginn dieses Jahres auch als Vize-Präsident des Niedersächsischen Landvolkes grüßt.

Der Milchmarkt, sagt er, sei inzwischen wesentlich entspannter, und auch bei den Schweinen sei eine gute Preisentwicklung festzustellen.

Aus den Worten des Kreislandwirts ist Zuversicht zu vernehmen. Die Zeiten, in denen die Bauern erst einmal ein Klagelied angestimmt haben, wenn sie auf die aktuelle Lage angesprochen wurden, scheint vorbei zu sein. Zurzeit werde der Milchmarkt nicht mehr überschwemmt, und auch der internationale Markt funktioniere wieder deutlich besser. Das freut die Bauern, die in den vergangenen Jahren nicht locker gelassen und immer wieder daran erinnert haben, dass ihre Erlöse nicht ausreichten. Dennoch: „Die Kollegen sollten sich in jedem Jahr, in dem es gut läuft, ein Polster schaffen. Mit Schwankungen ist zu rechnen.“

Zahl der Landwirte rückläufig

Jörn Ehlers ist Vorsitzender Landvolk-Kreisverbandes.

Etwa 40.000 Haupt- und Nebenerwerbsbetriebe gebe es zurzeit in Niedersachsen – Tendenz sinkend. „Etwa 1,5 Prozent der Betriebe gehen uns in jedem Jahr verloren“, rechnet Ehlers vor. Eine Entwicklung, die nicht neu ist, sich aber zurzeit kaum aufhalten lasse. Und das, obwohl die Experten sehr viel Potenzial in den weltweiten Märkten sehen. Die Nachfrage steige, und allein der Bevölkerungszuwachs mache in den kommenden Jahren und Jahrzehnten die Produktion von noch mehr Lebensmitteln erforderlich. Und: „Es gibt eine Tendenz hin zu veredelten Produkten“, ergänzt Ehlers.

Aber: Die Märkte reagierten eben auch sehr empfindlich. Was heute für gute Erträge sorgt, kann den Bauern schon bald Kopfschmerzen bereiten. Unsicherheiten, die mit Blick auf die Zukunftsfragen einzelner Betriebe problematisch sind. Dieser Umstand komme vor allem dann zum Tragen, wenn ein Generationswechsel ansteht. Weitermachen oder aufgeben? Viele potenzielle Nachfolger entscheiden sich, etwas anderes zu machen. Im Landvolk-Kreisverband gebe es zurzeit noch etwa 1500 bis 1600 Betriebe.

Steigende Ausbildungszahlen seit fünf Jahren

Dennoch gibt es Entwicklungen, die die Branchen-Funktionäre eben auch zuversichtlich stimmen. Seit fünf Jahren habe man es im Landvolk-Kreisverband mit konstanten bis steigenden Ausbildungszahlen zu tun. „Das können wir uns selbst nicht richtig erklären“, gesteht Ehlers. Schließlich müssten er und seine vielen Kollegen nach wie vor sehr viel Kritik einstecken, und um das Image der Bauern sei es nicht besonders gut bestellt. „Und dennoch gibt es viele junge Leute, die etwas Positives in der Landwirtschaft sehen“, freut sich Ehlers. In diesem Zusammenhang sei aber auch die gute Arbeit in den Berufsbildenden Schulen in Rotenburg und Verden zu erwähnen. Ehlers: „Wir sind also in den Landkreisen Rotenburg und Verden gut aufgestellt.“

Elf Prozent des Einkommens geben die Deutschen für Nahrungsmittel aus. Von diesen elf Prozent lande ein Viertel beim Landwirt. Für ihn lasse sich das aus Sicht von Jörn Ehlers zu geringe Preisniveau nur über die Menge oder eben über höhere Preise ausgleichen. Dabei sei schließlich die gestiegene Erwartung der Verbraucher an die Landwirte zu berücksichtigen – da gehe es um Umwelt- und auch um Tierschutz. „Das geht nicht umsonst“, so Ehlers, der sich nicht zuletzt deshalb ein höheres Preisniveau bei den Lebensmitteln wünscht.

Noch immer gibt es nicht ausgereizte Potenziale

Aber beim Milchkaffee – mit der Betonung auf Milch – spricht Ehlers auch über die aktuelle Ernte. Die Wintergerste sei überwiegend vom Feld geholt. Einigermaßen stabile Witterungsverhältnisse vorausgesetzt, werden in den kommenden Wochen der Raps, Weizen und Roggen folgen. Im Spätsommer geht es schließlich dem Mais an den Kragen, der im Landkreis etwa zwei Drittel der Ackerflächen belegt. Die Kartoffelproduktion hingegen sei inzwischen deutlich zurückgegangen.

Viehzucht und Ackerbau – das sind die Klassiker der Landwirtschaft. Und doch hat sich viel getan, viele Bauern haben sich zusätzliche Einnahmequellen erschlossen. Biogas und Windkraft – schließlich stoßen sie beim Thema Vergrößerung an ihre Grenzen. Dafür brauchen sie Flächen, und die sind ein knappes Gut. „Es gibt noch Potenzial“, weiß der Kreislandwirt. „Und ich würde mir wünschen, dass da noch mehr Kollegen reinschauen.“ Es geht ihm um andere Möglichkeiten jenseits des Mengenwachstums. 

Ehlers kritisert, die Landwirte würden Spielball politischer Diskussionen

An erster Stelle stehe da die Biolandwirtschaft, aber auch Urlaub auf dem Bauernhof und die Direktvermarktung seien interessante Bereiche. Regionalität sei stark nachgefragt. Man ist eigentlich breit genug aufgestellt, aber es gibt auch etwas, das Ehlers Sorgen bereitet: Es gehe um die Entwicklung, wie mit Bauern inzwischen umgegangen und wie sie zum Spielball politischer Diskussionen würden. „Da würde ich mir mehr Sachlichkeit wünschen.“ Hinter den meisten Betrieben stünden Familien, die sich oft emotional angegriffen fühlten. Das habe letztendlich auch einen Einfluss auf die Frage junger Leute, ob sie den Hof ihrer Eltern übernehmen und weiterführen. Ehlers: „Vielleicht haben wir es aber auch versäumt, den Verbraucher bei der Entwicklung hin zur modernen Landwirtschaft so mitzunehmen, wie wir es hätten tun sollen.“

Vieles von dem, was in den modernen Betrieben passiere, sei von Laien nicht zu verstehen – vor allem, wenn sie die ländliche Idylle früherer Jahrzehnte zum Maßstab nehmen. Schlussfolgerung: „Wir dürfen dem Verbraucher nichts vorgaukeln, sondern sollten Klartext reden. So ist es, und das hat bestimmte Gründe.“ Die Kollegen müssten den Mut aufbringen, das zu diskutieren. Viele von ihnen seien da auf einem guten Weg.

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