Orgelnächte zu Louis Vierne / Kantorei plant Tonaufnahmen

Kreiskantoren mit einem Gemeinschaftsprojekt

Kreiskantor Simon Schumacher in der Rotenburger Stadtkirche.
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Mit Sinfonien aus Louis Viernes Werk zeigen Kreiskantor Simon Schumacher und seine Kollegen, wie facettenreich die Orgel ist.

Die Rotenburger Kirchenmusik nimmt nach langer Coronapause langsam wieder Fahrt auf. Kreiskantor Simon Schumacher plant mit Kollegen Orgelnächte und ein Musikprojekt mit der Kantorei.

Rotenburg – Nahezu blind kam Louis Vierne 1870 im französischen Poitiers auf die Welt. Nach einer Augenoperation mit acht Jahren erlangte er ein wenig Sehfähigkeit und sein Onkel erkannte dessen musikalisches Talent: Vierne wurde ein bekannter Organist und Komponist. Anlässlich seines 150. Geburtstages 2020 planten Kreiskantor Simon Schumacher und fünf seiner Kreiskantor-Kollegen übergreifend sinfonische Orgelnächte an mehreren Standorten.

Es ist so umfangreich, dass die Termine des „KathedralKlangKosmos“ auf ein Vierteljahr verteilt sind. Für Rotenburg ist für die Orgelnacht der 1. Oktober angedacht: Sechs Kantoren, sechs Sinfonien aus Viernes Werk. Schumacher macht den Auftakt. „Sowas gab es noch nicht und es kommt bei den Leuten gut an“, ist seine Erfahrung der ersten Orgelnächte in Stadthagen und Nienburg. Der Clou: Es ist nicht nur Orgelmusik, es gibt „literarische Intermezzi“. Volker Hagedorn führt durch das Leben Viernes und so „bekommt man ein Gefühl für die Zeit, in der er gelebt hat und warum er solche Klänge geschrieben hat“, so der Kantor.

Denn das Leben des Franzosen, der bis zu seinem Tod das Amt des Organisten der berühmte Pariser Kathedrale Notre Dame inne hatte, war kein leichtes: Er zog sich einen schweren Beinbruch zu, musste seine Pedaltechnik völlig neu entwickeln. Außerdem hatte er eine Thyphusinfektion, seine Frau betrog ihn ausgerechnet mit einem Orgelbauer und er erlebte den Tod seiner beiden Söhne. Woher er dennoch seine schöpferische Kraft nahm, dieser Frage geht Hagedorn nach.

Auch mehrere Pausen sind eingeplant, denn die Veranstaltung zieht sich insgesamt über sechs Stunden. „Die Besucher können aber auch nur in Teilen dabei sein“, erklärt Schumacher. Unter anderem sollen auch ein paar Liegestühle in der Stadtkirche aufgebaut werden, damit es bequem sei. Selbst in die Kirchenbank könne man sich dann legen, so der Kantor.

Die Orgel zeigt all ihre Facetten

Kirchenmusik erleben und zwar mit allen Sinnen – das ist ihr Wunsch. Deswegen wird auch unter anderem ein Kameramann bei den Organisten stehen und ihr Spiel auf einen Bildschirm übertragen. Ihnen geht es darum, die Orgel als Orchester wahrzunehmen, mithilfe Viernes Werk könne sie ihre sämtlichen Facetten zeigen, „alle Farben, alle Emotionen“. Das Instrument wird gefordert. „Es ist groß, was da an Komposition für die Orgel geschaffen wurde.“

Dabei ist sie kein Kircheninstrument, als was sie oft gesehen werde. „Ursprünglich war sie ein weltliches Instrument“, sagt Schumacher. Vierne beispielsweise hat viele Konzertreisen unternommen, spielte auf Orgeln in Europa und den USA. „Da hat sie ihren Platz in den Konzertsälen gefunden. Die Orgel kann alles bedienen.“

Kirchenmusik kann vieles, sie kann modern, sie kann traditionell. Doch es spalte sich, sagt Schumacher. Zwischen klassischer Kulturarbeit und der „Gefahr der weltlichen Beliebigkeit“. Bietet Kirche selbstbewusst beides an – oder sieht sie sich als Dienstleister, eine Art Jukebox? „Die Frage ist, wie man Tradition und Moderne verbindet.“ So könne er beispielsweise Star Wars und Mendelsohn-Bartholdy für eine Hochzeit zusammenbringen, sagt Schumacher – wenn es eine gesunde Mischung gibt. Denn beides hat mit dem Evangelium wenig zu tun. „Kirche muss aufpassen, dass es keinen inhaltlichen Ausverkauf gibt.“ Das sei eine immerwährende Herausforderung. Dass etwas passieren muss in vielen Bereich, das verhehlt auch er nicht – „aber man muss die Form finden, die passt!“

Vielleicht auch mal eine andere Herangehensweise nutzen, mutig sein. Das versucht auch der Kreiskantor mit seinem Chor aktuell mit einem neuen musikalischen Projekt. Seit drei Wochen dürfen sie wieder in Präsenz-Kantoreiproben zusammenkommen. Einige seien noch zurückhaltend nach der langen Pause. Dafür will er auch Termine in kleinerer Gruppe anbieten – zum Beispiel für Sänger mit Vorerkrankungen oder bestimmte Berufsgruppen, die vorsichtig sind. Momentan kann er mit 35 bis 40 Leuten in Präsenz proben. „Wir können uns vorbereiten, wie ein Auftritt dann aussieht, müssen wir abwarten.“

Mitte März haben sie bereits angefangen mit Zoom-Proben. Schumacher hat vorgesungen, die Teilnehmer hatten ihre Mikros aus. „Das geht aber nur gut, wenn die Sänger Erfahrung damit haben, ihre eigene Stimme an die, die sie hören, anzudocken“, sagt Schumacher – was schon schwierig werde, wenn er den Frauen vorsingt. Das Spüren der Schwingungen des Nachbarn fehle, der entfachte Sog, mit dem man sich gegenseitig pushe. Es sei eine Option in solchen Situationen, aber nicht das Nonplusultra. Dennoch habe es eine erstaunlich hohe Anzahl an Teilnehmern gegeben, durchschnittlich war immer der halbe Chor dabei.

Um wieder alle Stimmen vereint zu haben, wurde nun ein Format entwickelt. Kleine Gruppen von je acht Sängern – darunter auch von der Stiftskirche Loccum – möchten sie mit einem professionellen Tonstudio aufnehmen. Die Stimmen werden dann zusammengefügt. An mehreren Terminen soll die Kantorei die Messe von Vierne singen im Rahmen des „KathedralKlangKosmos“. So kann am Ende dazu Live-Orgelmusik gespielt werden und alle Stimmen sind hörbar. „Es ist eine Klang-Installation, die den Live-Chor ersetzt“, sagt Schumacher. „Für dieses Werk bräuchten wir 80 bis 100 Leute, das kriegen wir noch nicht hin.“ Vor zwei Jahren hätte er ein solches Projekt noch für „unnatürlich“ gehalten und wahrscheinlich rundweg abgelehnt, aber „jetzt haben wir eine unnatürliche Situation, der wir uns mit innovativen Ideen stellen wollen“.

Plus: Das Projekt schafft eine Kulturperspektive. Für die Aufnahmen braucht es Solo-Selbstständige, die beauftragt werden. Auch eine Lichtinstallation ist für die Aufführung geplant, was wieder Aufträge für die Veranstaltungsbranche bedeutet, „die arg gebeutelt ist“, sagt Schumacher. „Am Ende gewinnen alle was dabei“, ist er sicher. Die Aufnahmen sollen im September gemacht werden – sofern ihr Förderantrag positiv beschieden wird. Bis dahin heißt es üben, damit alles sitzt.

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