Landrat Luttmann über die Notwendigkeit kommunaler Reformen

40 Jahre Gebietsreform: „Kreisgrenzen spielen immer weniger eine Rolle“

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Hermann Luttmann

Rotenburg - Von Michael Krüger. Am 1. August 1977 war der Landkreis Bremervörde Geschichte. Im Zuge der Gebietsreform in Niedersachsen wuchsen der Süd- und der Nordkreis zumindest formell zusammen. Der neue Landkreis Rotenburg sorgte für viele kritische Stimmen und Protest. Rotenburg wurde Kreisstadt, noch heute nehmen das viele nur zähneknirschend zur Kenntnis. Die Teilung entlang der Mittelzentren Rotenburg, Zeven und Bremervörde ist immer noch in vielen Bereichen spürbar – nicht erst seit der Wiedereinführung des „BRV“-Kennzeichens 2012. Landrat Hermann Luttmann (CDU) blickt im Interview auf 40 Jahre Kreisreform zurück.

Herr Luttmann, wie haben Sie die Gebiets- und Kreisreform damals erlebt?

Hermann Luttmann: Damals war ich 20 Jahre alt und Abiturient im Landkreis Verden. Die Kreisreform in Niedersachsen hat mich schon interessiert, eine Zusammenlegung mit Osterholz oder Rotenburg war im Gespräch. Da meine Mutter aus Brockel stammt und ich an der Kreisgrenze zu Rotenburg aufgewachsen bin, habe ich diese Alternative favorisiert. Osterholz war für mich weit weg.

Warum wurde die Kreisreform überhaupt durchgeführt?

Luttmann: Ausgangspunkt war damals das sogenannte Weber-Gutachten aus dem Jahre 1969. Die niedersächsischen Landkreise sollten danach mindestens 150.000 Einwohner haben, um die ihnen zugewiesenen Aufgaben sachgerecht erfüllen zu können. So wurden damals auch die staatlichen Gesundheits- und Veterinärbehörden auf Kreisebene kommunalisiert. Für den Elbe-Weser-Raum gab es verschiedene Überlegungen.

Am 27. Juli 1977 war die Fusion der Kreise Bremervörde und Rotenburg besiegelt.

 Für eine Zusammenlegung von Bremervörde und Rotenburg sprach, dass die beiden Landkreise einen einheitlichen Raum der Mitte zwischen Elbe und Weser darstellten, der durch gleiche wirtschaftliche und naturräumliche Gegebenheiten geprägt war und der vor gleichen Entwicklungsaufgaben stand. Bei einer Fusion mit einem an die Großstädte Bremen oder Hamburg angrenzenden Landkreis wurde befürchtet, dass diese wirtschaftlich stärkere Region die weitere Entwicklung des neuen Landkreises dominieren würde. Sogar die Gefahr einer wirtschaftlichen und bevölkerungsmäßigen Aushöhlung wurde gesehen.

Welche Folgen hatte die Reform im Landkreis Rotenburg?

Luttmann: 1977 entstand ein mehr als 2 000 Quadratkilometer großer Flächenlandkreis – damals der siebtgrößte in der alten Bundesrepublik mit 135 000 Einwohnern (Bremervörde: 75 000; Rotenburg: 60 000). Zwei Verwaltungen mussten zusammengelegt werden, wobei es zu-mindest in einigen Ämtern durchaus unterschiedliche Philosophien bei der Arbeitserledigung gab. Erhebliche Veränderungen gab es auch für die Kreistagsabgeordneten.

Eine Postwurfsendung der Bürgerinitiative „Kreis Bremervörde“ aus dem Jahr 1977. Deren Anliegen führte bekanntermaßen nicht zum Erfolg.

War die Fusion aus Ihrer Sicht heute sinnvoll?

Luttmann: Es hat sich gezeigt, dass es eine richtige Entscheidung war. Die Entwicklung unseres Landkreises war überdurchschnittlich erfolgreich mit jetzt 165 000 Einwohnern, einer stetig wachsenden Wirtschafts- und Finanzkraft und deutlich verbesserten Infrastruktur. Wenngleich wegen der ländlichen Struktur mit weniger als 80 Einwohnern auf dem Quadratkilometer nicht alle Wünsche zu erfüllen sind, denken Sie nur an den Öffentlichen Personennahverkehr.

Es gibt weiterhin zwei Kreishäuser, auch ist man im Nordkreis wohl bis heute wohl nicht ganz glücklich darüber, zu Rotenburg zu gehören. Wie spüren Sie die Trennung der Kreise heute noch?

Luttmann: Insgesamt ist unser Landkreis in den vergangenen vierzig Jahren gut zusammen gewachsen, und die Kreisfusion wird allgemein akzeptiert. Bei den Kreistagssitzungen können Sie das sehr gut erleben. Nur hin und wieder kann man die alte Konkurrenzsituation noch bemerken, so zum Beispiel bei der Krankenhausdiskussion. Ich denke, in Bremervörde schmerzt auch mehr der Verlust des Kreissitzes, die Identifikation mit dem Landkreis ist ja im Allgemeinen – leider – nicht so groß. Nicht von ungefähr hat die Wiedereinführung des Autokennzeichens „BRV“ eine große Nachfrage vorrangig in der ehemaligen Kreisstadt ausgelöst.

Was kann man dafür tun, dass der Flächenlandkreis weiter zusammenwächst?

Luttmann: Die Zusammenarbeit des Landkreises mit den Städten und Gemeinden, aber auch der Gemeinden untereinander ist – von wenigen Ausnahmen abgesehen – sehr gut. Das gilt auch über Parteigrenzen hinweg zwischen den handelnden Akteuren. Solange wie ich dabei bin, hat der Kreistag – und natürlich auch die Landkreisverwaltung – immer die Ausgleichsfunktion des Landkreises im Blick gehabt. Das wird auch so bleiben. Ich denke, niemand kann ernsthaft behaupten, dass wir die Interessen aller Bürger, ob im Nord- oder Südkreis nicht gleichrangig im Blick haben. Die Situation, dass andere staatliche Verwaltungen und Organisationen nicht deckungsgleich mit dem Landkreis aufgestellt sind, hätte ich mir in der Vergangenheit durchaus anders gewünscht, beispielsweise bei den Kreishandwerkerschaften. Auf der anderen Seite müssen wir erkennen, dass aufgrund der gesellschaftlichen Veränderungen Kreisgrenzen immer weniger eine Rolle spielen. Zum Beispiel, wenn Sie an die Entwicklung bei den Landvolkverbänden oder die geplante Sparkassenfusion denken.

Gerade auch im Hinblick auf die Kreisfinanzen: Ist es sinnvoll, das marode Kreishaus in Bremervörde als Verwaltungsstandort noch zu erhalten?

Luttmann: Als marode würde ich das Kreishaus in Bremervörde nicht bezeichnen. Tatsächlich gibt es Sanierungsbedarf, was für ein über fünfzig Jahre altes Gebäude auch nicht überrascht. Mit der ganz überwiegenden Mehrheit im Kreistag bin ich der Meinung, dass wir auf die Zweigstelle in Bremervörde nicht verzichten sollten. Es sind dort ja nur die Ämter mit Nebenstellen vertreten, die häufig von den Bürgern persönlich aufgesucht werden. Denen können wir den weiten Weg nach Rotenburg nicht zumuten. Insbesondere denke ich da an die Kunden des Sozial- und Jugendamtes sowie des Jobcenters.

Sehen Sie die Notwendigkeit, an den kommunalen Strukturen wieder etwas zu verändern? Halten Sie zum Beispiel das Konstrukt von Samtgemeinden, über das viel diskutiert wurde, noch für zeitgemäß?

Luttmann: Es gibt gute Gründe für deren Beibehaltung, aber es gibt auch gute Gründe, Samtgemeinden in Einheitsgemeinden umzuwandeln. Das Gleiche gilt für den Zusammenschluss von Gemeinden, wie sie kürzlich im Landkreis Cuxhaven vereinbart wurden. Man sollte sich da jeweils die örtlichen Gegebenheiten, insbesondere das kommunalpolitische Engagement der Bevölkerung, genau ansehen. Ich finde es richtig, dass der Landesgesetzgeber dabei keinen Druck ausübt und die Entscheidung den politisch Verantwortlichen vor Ort überlässt.

Perspektivisch gesehen: Wären auch hier Zusammenschlüsse zu Großkreisen sinnvoll?

Luttmann: Ich kann mir zurzeit nicht vorstellen, dass wir von einem großen Regionalkreis mehr Vor- als Nachteile hätten. Steuergelder wird man nach meinen Erfahrungen damit jedenfalls nicht sparen können. Ehrenamtlich tätige Kreistagsabgeordnete, die für ihre Entscheidungen auch die jeweiligen örtlichen Bezüge im Blick haben sollten, stehen häufig schon jetzt in unserem Landkreis vor großen Herausforderungen. Zumindest für den Elbe-Weser-Raum sehe ich aktuell keinen Handlungsbedarf.

Immer wieder kommt in der politischen Debatte die Kritik auf, Landkreis und Kommunen würden gegeneinander arbeiten. Sehen Sie dieses Problem auch?

Luttmann: Das mag vereinzelt so sein, weil es manchmal unterschiedliche lokale Interessen gibt. Grundsätzlich ist die Zusammenarbeit innerhalb der kommunalen Familie jedoch sehr gut, denken Sie nur an die Betreuung der Vorschulkinder in Krippen und Kindergärten, die Versorgung der Flüchtlinge. Landkreis und Gemeinden arbeiten nicht nur in diesen Bereichen gut und vertrauensvoll zusammen. Generell gilt das nicht nur hier vor Ort, sondern auch auf Landes- und Bundesebene für unsere Spitzenverbände.

Wie schaffen Sie es ganz praktisch, als Landrat aus Rotenburg auch weit entfernt im Norden wahrgenommen zu werden?

Luttmann: Ich bin auf vielen Veranstaltungen persönlich vor Ort und auch Bürgersprechstunden halte ich nicht nur in Rotenburg, sondern auch in Bremervörde ab. Hilfreich ist hier natürlich auch die örtliche lokale Presse sowie die Unterstützung von Kreistagsabgeordneten, die bei örtlichen Problemen eine Art Antennenfunktion haben und mich informieren, damit ich mich mit meinen Mitarbeitern darum kümmern kann.

Treten Sie bei der nächsten Kommunalwahl noch einmal als Landratskandidat an?

Luttmann: Die Entscheidung hierüber werde ich rechtzeitig in Abstimmung mit meiner Familie und meinen Parteifreunden treffen. Fragen Sie mich in zwei Jahren noch einmal.

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