Kreisbrandmeister Lemmermann spricht über die Feuerwehr heute und die künftigen Anforderungen

„Mit knirschenden Zähnen“

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Kreisbrandmeister Jürger Lemmermann

Gnarrenburg - Von Ulf Buschmann. Die Freiwilligen Feuerwehren sind ein wesentlicher Teil des Bevölkerungsschutzes. Wie die Einheiten aufgestellt sind und welche Anforderungen es in der Zukunft gibt, wird immer wieder diskutiert. Darüber haben wir im Rahmen unsere Wochenend-Interviewreihe mit Kreisbrandmeister Jürgen Lemmermann aus Gnarrenburg gesprochen.

Herr Lemmermann, mit welchen Erwartungen sind Sie als Kreisbrandmeister angetreten? Haben sich Ihre Erwartungen erfüllt?

Jürgen Lemmermann: Die Erwartungen haben sich erfüllt. Doch in den vergangenen 15 Jahren hat es einen totalen Wandel gegeben, so etwa mit der Diskussion über den Leitstellenverbund mit den Landkreisen Harburg und dem Heidekreis, bei der Anschaffung der Landkreis-eigenen Fahrzeuge und den Naturkatastrophen. Der letzte große Einsatz für meine Vorgänger und die Kreisfeuerwehrbereitschaften war beim Waldbrand in der Lüneburger Heide bei Celle vor 40 Jahren. Ich bin gleich mit dem Elbehochwasser 2002 gestartet. Das hat sich in den vergangenen Jahre immer wiederholt.

Die Technik dürfte heute eine andere sein als bei Ihrem Einstieg 2001.

Lemmermann: Die Umstellung von Analog- auf Digitalfunk ist eine große Herausforderung. Wir sind gerade dabei, unsere Fahrzeuge auf die neue Technik umzurüsten. Auch die Leitstellensoftware muss erneuert werden. Hierzu laufen gerade die Ausschreibungen. Unterm Strich sind die Anforderungen jetzt ganz andere als damals, als ich hier 2001 angefangen habe.

Welche Aufgaben haben Sie?

Lemmermann: Die Sicherstellung des abwehrenden Brandschutzes und Hilfeleistung, ich leite den Einsatz der Kreisfeuerwehr. Zudem bin ich zuständig für die Aus- und Fortbildung auf Kreisebene und die Einhaltung der Unfallverhütungsvorschriften der Feuerwehren im Einsatz und bei Übungsdiensten. Die Nachwuchsarbeit zu fördern und die Teilnahme an Dienstversammlungen auf Orts-, Gemeinden-, Kreis-, und Polizeidirektionsebene gehören ebenso dazu.

Wie sind Ihrer Meinung nach die Feuerwehren im Landkreis aufgestellt? Wo gibt es Pluspunkte? Wo muss nachgearbeitet werden?

Lemmermann: Die Sicherstellung des Brandschutzes ist ja grundsätzlich Aufgabe der Städte und Gemeinden. Das nennt sich eigener Wirkungsbereich. Bei den Wehren gibt es drei Kategorien: Ortsfeuerwehr mit Grundausstattung, Stützpunktfeuerwehren und Schwerpunktfeuerwehren. Im Großen und Ganzen sind die Feuerwehren in den Städten und Gemeinden ganz gut aufgestellt. Es gibt hier und dort noch den einen oder anderen Teil der Ausrüstung, der nachgeschoben werden müsste. Aber vom Ausbildungsstand her sind sie relativ gut aufgestellt.

Wo muss nachgeschoben werden?

Lemmermann: Bei den Fahrzeugen. Sie sind teilweise zwischen 25 und 30 Jahre alt. Natürlich lässt sich solch eine Neuanschaffung nicht immer zeitnah realisieren, und es kann vorkommen, dass sie ein oder zwei Jahre geschoben wird, zum Beispiel dann, wenn die Gemeinden gerade einen Feuerwehrbedarfsplan aufstellen. Dann werden sie keine Fahrzeuge bestellen. Verzögerungen bei der Neuanschaffung gibt es auch dann, wenn die neuen Haushalte beraten werden.

Kommen wir mal zum Thema Nachwuchs. Wie sieht es denn da aus? Was tun Sie im Landkreis? Was ist wichtig? Wie sieht die Lage aus?

Lemmermann: Unser Nachwuchs wird durch die Kinderfeuerwehren und Jugendfeuerwehren sichergestellt. Bis vor kurzem war unser Landkreis der weiße Fleck in Niedersachsen. Inzwischen haben wir acht Kinderfeuerwehren. Dort können die Kinder ab sechs Jahren eintreten. Darüber hinaus haben wir 49 Jugendfeuerwehren. Davon leben wir und rekrutieren unseren Nachwuchs. Es gibt ganz wenige Seiteneinsteiger, also jemanden, der nicht in der Jugendfeuerwehr war.

Wie sieht es denn bei den Aktiven aus?

Lemmermann: Vor zwei Jahren hatten wir aufgrund des demografischen Wandels einen großen Einbruch, das wird uns auch in der Zukunft verfolgen. Zurzeit sind wir gut aufgestellt es hält sich die Waage mit den Kameraden, die eintreten, und denen, die in die Altersabteilung wechseln. Der Landkreis verfügt derzeit über 151 Ortsfeuerwehren mit 6459 Feuerleuten.

In der Gemeinde Schwanewede im Landkreis Osterholz werden die Einsatzstrukturen verändert, um die Belastungen auf alle Wehren gleichmäßiger zu verteilen. Gibt es solche Überlegungen auch hier?

Lemmermann: Zurzeit nicht. Das haben wir über unsere Alarm- und Ausrückeordnung geregelt. Darin gibt es eine Tages- und eine Nachtalarmierung. Tagsüber führen wir mehr Kräfte an die jeweilige Einsatzstelle heran als nachts. Das ist meiner Meinung nach schon so etwas wie eine Umverteilung. Ansonsten ist es so geregelt, dass bei unserem Spezialgerät nicht nur eine Schwerpunkt- oder Stützpunktfeuerwehr alles machen muss. Beispielsweise sind kreiseigene Schlauchwagen, Rüstwagen und Einsatzleitfahrzeuge auf die Ortswehren verteilt worden. Sie rücken bei Großbränden und Hilfeleistungen mit aus. Gleiches gilt für unseren Gefahrgutzug, der bei uns an der Feuerwehrtechnischen Zentrale, der FTZ, stationiert ist. Die Besatzung rekrutieren wir aus den Gemeinden Tarmstedt, Zeven, Scheeßel und Fintel. Die Leute fahren im Einsatzfall zur FTZ Zeven.

Wo sehen Sie die Feuerwehren in fünf und in zehn Jahren? Lässt sich das Modell Brandschutz auf ehrenamtlicher Basis aufgrund des demografischen Wandels noch aufrecht erhalten?

Lemmermann: Ich glaube, dass sich in fünf Jahren nicht viel verändert haben wird. Aber ich kann mir vorstellen, dass sich in zehn Jahren die eine oder andere Ortsfeuerwehr auflöst, wenn von jetzt noch 21 Aktiven vielleicht 15 auf Grund ihrer Altersgrenze mit dem Dienst aufhören. Genauso kann ich mir vorstellen, dass es bei den Schwerpunktfeuerwehren wie zum Beispiel Rotenburg, Zeven und Bremervörde mit mehr als 180 Einsätzen im Jahr hauptamtliche Gerätewarte gibt. Dadurch wird die Einsatzbereitschaft auch tagsüber sichergestellt, und die freiwilligen Kräfte werden entlastet. Wenn eine Ortsfeuerwehr 180 oder 200 Einsätze im Jahr fährt, ist es ja auch eine Belastung für den Arbeitgeber. Obwohl es im Brandschutzgesetz geregelt ist: Die Leute sind freizustellen. Aber der eine oder andere Arbeitgeber sieht es doch mit knirschenden Zähnen.

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