1. Startseite
  2. Lokales
  3. Landkreis Rotenburg
  4. Rotenburg (Wümme)

Landwirte im Kreis Rotenburg leiden unter Preisexplosionen

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Guido Menker, Andreas Schultz

Kommentare

Kühe in einem Stall.
Um rund 30 Liter Milch am Tag geben zu können, brauchen die Kühe reichlich Futter. Auch das wird teurer. © Menker

Die Folgen des Krieges in der Ukraine bekommen auch die Landwirte in unserer Region deutlich zu spüren: Futter, Dünger und Energie sind extrem teuer geworden. Das hat Konsequenzen – nicht nur für den Unterstedter Landwirt Volker Emshoff, auch für Kollegen wie Hermann Solte aus Bötersen und Christoph Engelken aus Horstedt.

Rotenburg/Sottrum – „Wie weit geht er noch?“, fragt Hermann Solte. Der Landwirt schaut mit Sorge auf das Geschehen in der Ukraine. Was „er“, der russische Machthaber Wladimir Putin, dort anstellt, hat Auswirkungen auf die Wirtschaft anderer Länder in Europa: Zu den Folgen des von russischer Seite aus gestarteten Angriffskriegs zählen Preissteigerungen hierzulande. Auch die Landwirte vor Ort sind betroffen.

Volker Emshoff betankt einen Traktor.
Volker Emshoff tankt in diesen Tagen schweren Herzens, denn die Dieselpreise sind auch für Landwirte explodiert. © Menker

„Die Energiekosten sind das A und O“, nennt der Böterser Landwirt ein Beispiel. Er selbst verfügt über 300 Hektar landwirtschaftliche Fläche und füttert 300 Milchkühe. Die gestiegenen Spritpreise, die auch der Otto Normalverbraucher beim verärgerten Blick auf die Preistafeln der Tankstellen beobachten kann, sind auch für Solte und seine Kollegen ein leidiges Thema. Zahllose Trecker und ihre Fahrer sind auf den Diesel angewiesen, der zwischenzeitlich Rekordpreisniveau erreicht hatte. Und da die Maschinen schwer beladen sind und sich über ebenso schwer befahrbaren Grund bewegen müssen, ist der Verbrauch entsprechend hoch. „Akut ist alles sehr gestiegen“, sagt Solte.

Das bestätigt sein Kollege Christoph Engelken. Er bewirtschaftet in Horstedt 100 Hektar Fläche inklusive Grünland und baut Futtermais, Roggen und Dinkel an. „Die Energiekosten sind hoch, die für Diesel haben sich in kürzester Zeit verdoppelt. Auch Düngemittel sind teurer geworden, nahezu alles, was chemisch ist“, sagt er. Solte stößt ins gleiche Horn. Er düngt hauptsächlich mit Gülle und Mist, zur Ergänzung kommt eine Stickstoffmischung dazu, die vor einem Jahr noch 22,80 Euro pro 100 Kilo kostete und inzwischen für 75 Euro den Besitzer wechselt.

Die Ernte wird dann wohl leider nicht so gut wie in vergangenen Jahren.

Christoph Engelken

Für Solte und Engelken geht es jetzt darum, Fahrtwege mit den landwirtschaftlichen Nutzfahrzeugen einzusparen, und das wird letztlich auch die Ernte beeinflussen: „Die wird dann wohl leider nicht so gut wie in vergangenen Jahren“, mutmaßt er. Allerdings sei es noch zu früh, definitive Aussagen über die Zahlen zu treffen, alles müsse neu kalkuliert werden.

Und auch an anderer Stelle merken die Bauern die direkten Folgen des russisch-ukrainischen Konflikts: Beide Länder sind große Exporteure in Sachen Getreide und Ölsaaten. Das wiederum hat Einfluss auf die Futtermittel, die Landwirte zum Teil auf internationalem Markt einkaufen. Soltes sind in der glücklichen Lage, das Grundfutter, Grassilage und Mais, selbst anzubauen. Der Preis für eine Mischung mit Zusätzen, die er vom Getreideverkauf finanziert, ist auch auf dem Weg, sich zu verdoppeln.

Und auch Engelken baut für die Nachbarn auf Nachfrage Mais an. Selbst wenn er 18 Hektar allein für die Produktion von Dinkel vorhält: Reich wird er trotz veränderter Preise am Markt damit nicht. Nachfrage und Kurse für die Produkte an der Getreidebörse sind zwar gestiegen, „aber von dem Gewinn wird nichts übrig bleiben. Die Energiekosten fressen das alles wieder auf“, sagt Engelken. Die rund 1 .000 Liter Kraftstoff, die er auf dem Hof lagern darf, hat er jüngst zu einem Preis von über zwei Euro netto wieder aufgefüllt. „Ich kann mich noch gut erinnern, dass es 99 Cent waren. Das ist noch nicht so lange her“, sagt der Landwirt. Die Preissteigerung schmerzt. Auch für Solte wird die Rechnung von Ein- und Ausgaben zum Nullsummenspiel. Aber nur, wenn der Preis für die Milch auch steigt: Rechnet er alle Mehrausgaben zusammen, dann dürfte der Liter etwa zehn Cent mehr kosten.

Volker Emshoff mit einer Kuh.
Landwirt: Für Volker Emshoff ist das eine Berufung. © Menker

Sein Hauptaugenmerk will Engelken nun in den kommenden Monaten auf den Dinkel legen, der auf 18 der 100 Hektar reift. „Da muss die Qualität einfach passen“, sagt er. Denn immerhin ist das fertige Produkt für den Nachbarn gedacht: Neben Hofläden bezieht die Bäckerei Holste den Dinkel und wirbt intensiv damit, das Getreide, aus dem etliche Produkte bestehen, von nebenan zu holen. Mit Blick auf die europäische Lage ist der verkürzte Bezugsweg von Vorteil – vor allem vor dem Hintergrund, dass Bäcker im Landkreis auch schon angekündigt haben, dass das Brot teurer wird.

„Nein, es ist nicht alles schlecht“, gesteht Volker Emshoff, Landwirt in Unterstedt – auf einem der beiden letzten im Ort verbliebenen Vollerwerbshöfe. Es waren mal zehn. 300 Tiere hat er – 140 Milchkühe, dazu Kälber und Bullen. Den Löwenanteil seines Einkommens macht die Milch aus, rund 3.500 Liter melkt er pro Tag in einem mit Milchroboter ausgestatteten Stall, in den er vor elf Jahren rund 500.000 Euro investiert hat. Geld, dass sich rechnen muss – doch bei einem Milchpreis von aktuell 42 Cent pro Liter geht die Rechnung nicht auf. „Vor einem Jahr hätte ich bei diesem Preis ein Fass aufgemacht, heute müssten es 50 Cent sein, um über die Runden zu kommen, 55 Cent, um Geld zu verdienen“, sagt Emshoff.

Am schönsten ist es, wenn die erste Ladung der Ernte auf den Hof kommt.

Volker Emshoff über die Berufung Landwirt

Bauer zu sein, sagt er, sei für ihn kein Beruf, sondern eine Berufung. Er habe noch Freude an seinem Job. „Am schönsten ist es, wenn die erste Ladung der Ernte auf den Hof kommt.“ Mais baut er an, Roggen und Triticale. Fast alles davon landet im Futtertrog. Kraftfutter indes muss er zukaufen. „Der Preis ist um 50 Prozent gestiegen“, so Volker Emshoff. Zwölf Tonnen braucht er allein davon pro Monat. „Und der Düngerpreis hat sich inzwischen vervierfacht“, stöhnt der 54-Jährige.

75.000 Kilowattstunden Strom benötigt er pro Jahr, 20.000 Liter Diesel dazu. Emshoff würde es sich wünschen, beim Verkauf der Milch flexibler sein zu können. Er liefert an die „Heideblume“ in Elsdorf. Und auch, wenn es aktuell schwierig ist, die Berufung als Landwirt zu genießen, sagt der Unterstedter aus voller Überzeugung: „Ich bin für die Sanktionen, wir müssen Putin wirtschaftlich treffen.“ Aber: „Die Rahmenbedingungen für uns sind nicht gut. Wir wollen von unserer Arbeit leben können, aber nicht auf Unterstützung angewiesen sein.“ Flächen stillzulegen, die für die Produktion genutzt werden können, sei nicht grundsätzlich sinnvoll.

Emshof engagiert sich in der Initiative Land schafft Verbindung. „Am liebsten würde ich die NGOs mal fragen, wie ihr Plan für die Energiewende, aber auch der für die Schaffung von Ernährungssicherheit aussieht.“ Die Landwirtschaft in Deutschland sei gut, sie sei nachhaltig, regional und von Umweltschutz sowie Biodiversität geprägt, ist er überzeugt. Immer wieder werde er mit eher naiven Fragen konfrontiert, wenn er draußen arbeitet. „Wir müssen für noch mehr Aufklärung sorgen“, findet er. Nur so lasse sich Verständnis schaffen.

Auch interessant

Kommentare