„Die Krankheit stellt einem oft ein Bein“

Wie eine junge Frau versucht, sich selbst den Druck zu nehmen, perfekt sein zu müssen

+
Wenn sich Jasmin nicht gerade um ihre Familie kümmert, versorgt die 28-Jährige ihre Hängebauchschweine.

Rotenburg/Westertimke - Von Ralf G. Poppe. Jasmin ist 28 Jahre alt. Sie gehört zu den rund 16 Prozent der Menschen im Landkreis Rotenburg, die an Depressionen leiden. Und sie weiß nur zu gut, was es heißt, wenn Angst der tägliche Begleiter ist. Entscheidend für das Gelingen des Alltags, ist sie überzeugt, ist täglich die innere Haltung.

Sie kümmert sich primär nicht nur um ihre Tochter und die Partnerin, sondern sie versorgt auf dem gemütlichen Anwesen der Familie in Westertimke auch die niedlichen kleinen Hängebauchschweine und die anderen Haustiere, die dort mit ihr leben. Eine Depression ist behandelbar, auch wenn sie viele Gesichter hat. Und eine Depression kann jeden treffen. Das weiß auch Jasmin. Und gerade hier hat sie einen wunderbaren Ansatz gefunden: Sie möchte nicht nur sich, sondern auch anderen Menschen helfen, positive Auswege aus der Krankheit zu finden. Weil die Sichtweisen von außen sich von jenen der betroffenen Personen unterscheiden. Im Interview spricht Jasmin über ihre Sorgen, Ideen und Wünsche.

Jasmin, Sie haben einen psychosomatischen Klinikaufenthalt hinter sich. Sie gehen offen damit um, auf der Warteliste einer Psychotherapeutin zu stehen. Dazu kommt eine Menge Bürokratie. Wie verändern all diese Sachverhalte Ihre Angststörungen?

Jasmin: Mittlerweile habe ich einen Platz bei einer Tiefenpsychologin gefunden. Auch meinen Klinikaufenthalt habe ich hinter mir. Ich habe lange auf diese Zusage gewartet, und dann war eben diese Bewilligung der Grund für meine Nervosität vor dem Aufenthalt. Welche Formulare muss ich ausfüllen? Was muss ich noch erledigen? Was erwartet mich in der Klinik? Der bürokratische Aufwand ist in meinen Augen mehr als fragwürdig. Es tut mir leid. Doch es ist nun einmal meine Sichtweise. Genau jene, die in den genannten Bereichen Hilfe bräuchten, um alle Formalitäten zu erledigen, genau die stehen im Regen, wissen nicht mehr vor noch zurück. Ich habe Papierkram nie gerne gemacht. Aber es hat stets alles gut geklappt, und ich habe es hinbekommen. Kürzlich habe ich jedoch drei Wochen benötigt, um einen Brief einzutüten und ihn zu versenden. Es klingt lustiger, als es ist – allein der Blick auf den Brief der DRV (Deutsche Rentenversicherung, Anm. d. Red.) hat völlige Überforderung in mir ausgelöst.

Um Ihre Ehefrau und Ihre Tochter zu schützen, möchten Sie ihren Nachnamen nicht nennen. Dennoch wollen Sie mit ihrem Problem an die Öffentlichkeit gehen. Welche Rolle spielen denn die Beiden derzeit in Ihrem Leben?

Jasmin: Natürlich spielen beide eine sehr große Rolle. Meine Frau steht jeden Tag hinter mir! Sie ist für mich da, hilft wo sie kann. Doch wenn wir ehrlich sind, fällt auf, dass sie um 6.30 Uhr aus dem Haus geht, und erst gegen 16 Uhr, oder später, wieder daheim ist. Da könnte ich schön liegenbleiben. Doch unsere Tochter muss ja jeden Morgen pünktlich in den Kindergarten. Dadurch beginnt zumindest jeder Tag mit einem geregelten Ablauf, und der Verpflichtung, aufzustehen. Das muss ich schon ehrlich sagen.

Warum ist es Ihnen wichtig, den Leuten mitzuteilen, was Sie bewegt?

Jasmin: Weil ich denke, dass es vielen Menschen so ergeht wie mir. Und es dadurch eventuell für den einen oder anderen hilfreich, informativ, interessant oder ermutigend sein kann. Ganz egal, ob als persönlich Betroffener oder Angehöriger.

Vielen Menschen fehlt ganz einfach der Mut, ihr Anliegen mit anderen zu teilen, darauf aufmerksam zu machen. Viele Problematiken, wie Depressionen, Homosexualität oder Randgruppen werden in unserer angeblich so „offenen“ Gesellschaft totgeschwiegen. Dabei besteht bei ihren Themen doch keinerlei „Ansteckungsgefahr“. Wie würden Sie sich den Umgang wünschen?

Jasmin: Ich wünsche mir, dass die Menschen generell offener, fürsorglicher oder verständnisvoller miteinander umgehen würden. Warum muss man jemanden für seine Gefühle, seine Krankheit, seine Gedanken verurteilen? Dass man nicht alles versteht, beziehungsweise manche Dinge anders handhaben würde, ist ja völlig okay. Doch Menschen dafür zu hassen, oder gegen sie zu hetzen, ist kontraproduktiv. Wieviel Langeweile muss ein Mensch haben, oder wie unzufrieden muss er sein, wenn er derartige Dinge tut? Sollte nicht jeder eher vor seiner eigenen Haustür kehren, als sich negativ in das Leben anderer einzumischen? Man fragt sich: Hat man mich nun weniger lieb, seitdem ich mich geoutet habe, ein Kind mit einer Frau als Partnerin gezeugt zu haben, oder weil ich seither offen zu meiner Depression und Angststörung stehe? Für Leute, die diese Dinge nicht respektieren und akzeptieren, habe ich keinen Platz in meinem Leben! Liebe dein Gegenüber seiner selbst wegen! Nicht aufgrund seines gefüllten Geldbeutels oder seines teuren Autos, sondern liebe ihn wegen seines Charakters, seiner Ausstrahlung, seiner Art, seines Herzens oder wegen seinem Lächeln.

Sie leiden sowohl an Depressionen als auch an Übergewicht. Im Dezember 2016 wogen Sie 151,5 Kilogramm. Ein Jahr später lag das Gewicht bei 92. Augenblicklich haben Sie gerade von zwischenzeitlich 106 wieder auf 103 Kilogramm abgespeckt. Wie haben Sie diese gewaltige Gewichtsreduzierung ohne Operation geschafft? Ausschließlich mit einem sehr starken Willen?

Jasmin: Nein. Die ersten Monate habe ich strickt nach einem Programm gelebt, in dem ich Punkte zählen musste. Mir wurde jedoch relativ schnell bewusst, dass dies keine Lebenseinstellung bleiben darf. So fing ich bereits nach vier Monaten an, mein Programm etwas mehr individuell zu gestalten. Zudem unterstützten mich meine Frau und vor allem meine beste Freundin tagtäglich darin, am Ball zu bleiben. Vor allem ohne meine Freundin hätte ich mein Programm sicher nicht so durchziehen können!

Sie haben es geschafft, den Mut aufzubringen, den „Schutzmantel“ fallen zu lassen, um einen Blick hinter die Fassaden ihres Körpers, in dem wirklich so sehr viel passiert, zu gewähren. Waren Ihre zahlreichen Tätowierungen früher eher eine Belohnung in schweren Zeiten oder Ersatz für eine Extra-Schutzhaut?

Jasmin: Gute Frage. Die habe ich mir bisher so noch gar nicht gestellt. Einige Freunde sagen, ich habe mit dem Verlust von über 50 Kilogramm in einem Jahr auch ein Stück weit meinen Schutzpanzer fallen lassen. Das fühlt sich manchmal auch stark danach an. Als wäre man angreifbarer, sensibler. Emotionaler. Manchmal frage ich mich, ob die Tattoos nicht sogar eine andere Art sind, um sich selbst zu spüren. Andererseits zeigen sie jedoch auch, wen aus meinem Leben ich quasi mit bis ins Grab nehmen möchte. Diese Namen, in Form von Symbolik, werde ich sozusagen nie wieder los. Gott sei Dank. Ebenso, wie beispielsweise der Tiger an meiner Schulter, können Tattoos für Willenskraft und Stärke, oder als Belohnung für die Gewichtsabnahme stehen. Aber sie sollen mit Sicherheit in manchen Momenten eben auch eine Art Schutzhaut sein, von allem anderen, was darunter liegt, ablenken.

Man kennt Sie als „Strahlefrau“. Wer Sie nicht kennt, könnte denken, einen glücklichen Menschen vor sich zu haben. Dennoch ist eine Diät harte Arbeit. Wie hart empfinden Sie diese Arbeit?

Jasmin: McDonalds, Döner, Restaurants, Grillsaison, Cocktails – sagen Sie mir, wie schwer es ist. Spaß beiseite. Es ist tatsächlich jeden Tag harte Arbeit! Ich esse leider viel zu gerne, und ich bin viel zu bequem geworden über die ganzen Jahre. Da ist es halt einfacher, die Tiefkühl- Pizza in den Ofen zu schieben, als frisch zu kochen. Derart über Jahre verfestigte Gewohnheiten zu durchbrechen, ist schwer. Auch mit dem Wissen, als Einzige das eigene Handeln selbst ändern zu können. Es sagt sich halt so einfach. Wer zum Beispiel zehn Jahre lang zwei Schachteln Zigaretten am Tag geraucht hat, und dann abrupt aufhören soll, weiß, was ich meine. Gegen die Depressionsschübe und Angststörungen zu kämpfen, morgens überhaupt aufzustehen, den Alltag mit Kind zu bewältigen, all das ist schon viel. Und dabei dann auch noch „vom_Wal_zum_Delphin“ (Instagram) zu mutieren, das ist jeden Tag harte Arbeit.

Wie viel Stress entsteht durch die (richtige) Ernährungsfindung?

Jasmin: Total viel. Jedenfalls empfinde ich es so. Denn sobald ich daran denke, Diät zu machen, kann ich zwei Tafeln „Schoki“ essen. Ich weiß, dass die richtige Ernährung immer ein Thema bei mir sein wird. Zu wissen, dass man nicht einfach ewig vor sich hin schlemmen kann, wie man will, das stresst manchmal schon. Klar darf man mal ein paar Tage essen, was man will. Etwa zu besonderen Anlässen oder im Urlaub. Aber halt nicht tagtäglich. Ich bin im Bezug auf gesunde Ernährung noch kein Einstein. Derzeit kann ein Einkauf auch mal länger dauern, wenn ich gewillt bin, gesunde Lebensmittel einzukaufen, da ich mich mit den Nahrungsmitteln auch auseinandersetzen muss. Und den Süßigkeiten widerstehen...

Sie spielen wieder Fußball. Wie wichtig ist Sport für ihr Wohlbefinden?

Jasmin: Sehr wichtig. Aber die Krankheit stellt einem oft ein Bein. Ich war früher sehr aktiv und eine gute Torfrau – bis zu fünf Mal die Woche. Irgendwann kam der pubertäre Leichtsinn. Ich hörte von jetzt auf gleich für zwei, drei Jahre mit dem Fußball auf. Dadurch nahm ich die ersten Rund 40 von 75 Kilogramm zu. Später fing ich dann woanders wieder an zu spielen, vermied jedoch großes Training. Erst jetzt, nachdem ich einige Kilos wieder verloren habe, und ich nicht arbeiten kann, habe ich es wieder geschafft, einmal pro Woche zum Rehasport zu gehen sowie mich mindestens zweimal die Woche an Sportgeräten in einem Fitnessstudio in Tarmstedt zu bewegen. Dort arbeitet ein extrem gutes Team, das voll hinter mir und meiner bekloppten Art steht. Die Mitarbeiter sind sofort zur Stelle, wenn ich mal wieder ein Wehwehchen habe. Klar, der ein oder andere würde sagen, es sei deren Job. Doch menschlich wird einem dort viel mehr vermittelt. Das ist für eine „Heulsuse“ wie mich eminent wichtig. Der Sport ist, neben den erwähnten Kindergarten-Terminen unserer Tochter, ein weiterer fixer Punkt im Tagesablauf. Anschließend bin ich tatsächlich etwas produktiv, komme unter Leute. Das alles tut dem Körper und dem Geist gut.

Der Ansatz für Ihre Kontaktaufnahme war, durch Öffentlichkeit vielen Leidensgenossen zu helfen. Sie wünschen sich einen Austausch mit Betroffenen, haben dafür eigens eine E-Mail-Adresse konfektioniert. Wie könnte ein derartiger, persönlicher Austausch stattfinden?

Jasmin: Eine ganz liebe Redakteurin einer lokalen Tageszeitung hat bereits einmal einen wirklich tollen Bericht über mich verfasst. Dabei entstand in Absprache mit ihr die Idee, eine Kontaktadresse ausschließlich für dieses Thema anzulegen. Das habe ich getan. Unter Jasmin.persoenlich@aol.com kann man mir seither direkt schreiben. Ich bin zwar nicht allwissend, auch keine Therapeutin. Doch um zwanglos mit anderen zu kommunizieren, um sich über Themen wie Gewichtsabnahme und Depressionen auszutauschen, ist es eine gute Sache. Weiterhin habe ich begonnen, ein Buch zu schreiben. Liebend gern würde ich dies irgendwann finalisieren und veröffentlichen. Schwerpunkt hier war bisher das Thema der Homosexualität und die Kinderzeugung bei lesbischen Paaren. Eventuell kommen die genannten Themen, Depression und Angststörungen und Klinikaufenthalt noch dazu. Wir werden sehen. Allerdings habe ich keine Ahnung, wie man derartige Themen richtig aufbereitet. Ich würde mich darüber freuen, wenn jemand Interesse hätte, ein solches Buch mit mir zu erarbeiten, es zu drucken und zu vermarkten.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema:

Die Multiplayer-Postapokalypse: "Fallout 76" im Test

Die Multiplayer-Postapokalypse: "Fallout 76" im Test

Azubis kicken in der Rotenburger Bodo-Räke-Halle für den guten Zweck

Azubis kicken in der Rotenburger Bodo-Räke-Halle für den guten Zweck

In Malé zeigen sich die Malediven von einer anderen Seite

In Malé zeigen sich die Malediven von einer anderen Seite

Pressestimmen zum letzten DFB-Spiel des Jahres: „Hauch vom Confed Cup“

Pressestimmen zum letzten DFB-Spiel des Jahres: „Hauch vom Confed Cup“

Meistgelesene Artikel

19-Jähriger randaliert im Krankenhaus und bringt alle in Gefahr

19-Jähriger randaliert im Krankenhaus und bringt alle in Gefahr

375 Jäger bei Treibjagd rund um den Trochel 34 Wildschweine zur Strecke

375 Jäger bei Treibjagd rund um den Trochel 34 Wildschweine zur Strecke

Lauenbrücker Gemeinderat diskutiert Vorschläge für neues Wohnbaugebiet „Treiderkamp“

Lauenbrücker Gemeinderat diskutiert Vorschläge für neues Wohnbaugebiet „Treiderkamp“

Kater „Aki“ ist nach wochenlanger Odyssee wieder zu Hause

Kater „Aki“ ist nach wochenlanger Odyssee wieder zu Hause

Kommentare