Rolf Hirte geht in den Ruhestand

Krankenhausseelsorge: Nähe ist zurzeit ein Problem

Pastor Rolf Hirte steht in der Kapelle des Rotenburger Diakonieklinikums.
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Rolf Hirte verlässt das Seelsorger-Team am Agaplesion Diakoniekrankenhaus Rotenburg und geht in den Ruhestand. 14 Jahre lang hat er sich um Patienten und Mitarbeiter gekümmert.

Rotenburg – Das Seelsorger-Team am Rotenburger Agaplesion Diakonieklinikum wird kleiner. Vom bisherigen Quartett bleibt nur noch ein Trio übrig. Rolf Hirte verabschiedet sich in den Ruhestand – seine Stelle, sagt er, werde nicht wiederbesetzt.

Hirte blickt auf 14 Jahre zurück, die er im Krankenhaus als Pastor verbracht hat. „Es war eine sehr gute Zeit für mich“, lautet seine persönliche Bilanz. Über viele Jahre hinweg war er zuvor eher ein Wanderer, der als eine Art Springer in verschiedenen Gemeinden gearbeitet hat. Diese berufliche Reise führte von Nordholz über Bremerhaven, Eystrup, Stolzenau und Dörverden bis nach Otterstedt und Ottersberg. „Meine erste Stelle hatte ich in der Verdener Domgemeinde“, erinnert sich der 63-Jährige. Studiert hatte er zuvor in Münster, Heidelberg und Göttingen.

Nun also macht der Pastor Feierabend – und blickt im Gespräch mit unserer Redaktion zurück auf eine Zeit, in der er im Gemeindedienst und auch im Krankenhaus viele „tolle Menschen“ kennengelernt habe. In einer Gemeinde, erklärt Hirte, erlebt ein Pastor viele gute Begegnungen – allerdings in ganz unterschiedlichen Situationen. Das sei der wesentliche Unterschied zur Arbeit in einem Krankenhaus.

Die Begegnungen im Diako seien naturgemäß geprägt von Krankheiten, von der Hoffnung und dem Wunsch, wieder gesund zu werden, aber auch immer wieder von der Gewissheit des nahenden Todes. „Ohne die Kollegen wäre ich nicht so lange geblieben“, unterstreicht Hirte, wie wichtig es sei, eine solche Aufgabe in einem Team zu erfüllen. Viel Schweres komme da auf einen zu – da sei es gut, wenn die Kollegen es mittragen.

Fühlen sich aber diese vier Pastoren selbst auch als Teil des Krankenhaus-Teams? „Ja und nein“, sagt Rolf Hirte. In den verschiedenen Zentren seien die Pastoren durchaus fest mit eingeplant. Zum Beispiel im Darm- und auch im Brustzentrum sowie im Bereich der Palliativarbeit. „Aber“, sagt Hirte auch, „als Pastor bin ich ja nicht am Krankenhaus angestellt, und ich vertrete es auch nicht.“ Er sei dort als Pastor tätig – auch, um zu verkünden. „Es gibt eben mehr als nur das, was wie mit unseren Augen sehen können.“

Der Geistliche, der in Verden lebt, spricht von einer „erfüllenden Aufgabe“. Man habe als Team einiges angeschoben – zum Beispiel die Umgestaltung der Kapelle. Wer diese einmal besucht, wird einen großen Unterschied zu früheren Jahren sehr schnell erkennen. Der Raum wirkt inzwischen viel einladender als zuvor.

Das ist zurzeit allerdings für Besucher kaum möglich, denn Corona hat Einfluss genommen auf das Leben im Diako. Allein der Besuchsstopp hinterlässt deutliche Spuren. Spuren, mit denen auch die Pastoren umgehen müssen. „Für manche Patienten ist das kaum zu ertragen.“ Seelsorge, sagt Hirte, bedeute, Menschen zu begleiten und ihnen das Gefühl von Nähe zu vermitteln. „Das muss sich auch körperlich ausdrücken. Man setzt sich ans Bett, man reicht den Patienten die Hand, die sie ergreifen können.“ Das ist jetzt anders. „Und das ist bei zwei Metern Abstand und beim Tragen einer Maske sehr schwierig geworden.“

Nicht die Hand, sondern die Stimme muss und soll helfen. Und wenn dann kein Besuch ins Zimmer kommen darf, außer bei Menschen, die im Sterben liegen, entsteht eine Situation, die für alle belastend ist. Auch für Ärzte und Pflegeteams.

Daraus ließe sich schließen, dass die Pastoren gefragter sind denn je zuvor. Aber ganz so ist es offensichtlich nicht. Vielmehr „sind die Gespräche jetzt während dieser Pandemie viel intensiver“. Zugleich stünden die Seelsorger vor allem auch mit den Mitarbeitern des Diakonieklinikums deutlich häufiger im Gespräch zusammen. „Das sind manchmal Situationen zwischen Tür und Angel.“ Situationen allerdings, die sich nutzen ließen.

Auch für die Mitarbeiter handele es sich um eine bedrängende Situation, erklärt Hirte. Viele von ihnen befänden sich ohnehin schon am Limit, „und unter diesen Bedingungen wird alles noch einmal schwieriger“. Die hohe Belastung ist also stärker geworden in den zurückliegenden zwölf Monaten. „Da ist es dann gut, wenn jemand etwas Zeit hat.“

Hirte hatte diese Zeit. Doch die Umstände waren auch für ihn in seinem letzten Jahr vor dem Ruhestand außergewöhnlich. Es habe ihm jedoch in all den Jahren immer ein gutes Gefühl vermittelt, etwas Gutes tun zu können für andere Menschen, die Beistand brauchten oder einfach nur jemanden, der ihnen zuhört. Mitgenommen habe er immer eine besondere Dankbarkeit. Und was für ihn stets wichtig war: „Ich habe viel mit den Patienten gelacht – auch dann, wenn ihnen nur noch wenige Tage zum Leben gegeben waren. Ja, ich bin nie traurig durch das Krankenhaus gegangen.“

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