Kritik an an Entscheidung zur IGS-Oberstufe

Kooperation statt Hektik

BBS-Schulleiter Wolf Hertz-Kleptow (l.), Landrat Hermann Luttmann und Erster Kreisrat Torsten Lühring befürchten einen Verlust an Vielfalt durch eine dritte Oberstufe in der Kreisstadt. Foto: Krüger

Rotenburg - Von Michael Krüger. Es ist ein Jahr her, dass sich der Landkreis als Schulträger und die Leitungen der beiden Rotenburger Gymnasien klar gegen eine dritte Oberstufe in der Kreisstadt positioniert haben. Nach dem ersten, gescheiterten Anlauf im Oktober stimmt der Stadtrat am Donnerstagabend wieder darüber ab, ob bei der Landesschulbehörde der Antrag auf die Einrichtung einer gymnasialen Oberstufe an der Integrierten Gesamtschule (IGS) gestellt wird. Und wieder hagelt es Kritik.

„Ich halte eine verantwortungsvolle Entscheidung des Rates derzeit nicht für möglich“, sagt Landrat Hermann Luttmann (CDU). Der Verwaltungschef im Kreishaus hat an diesem Dienstmorgen zum Gespräch in sein Büro geladen, gekommen sind mit dem Ersten Kreisrat Torsten Lühring auch der verantwortliche Dezernatsleiter sowie BBS-Rektor Wolf Hertz-Kleptow und Oberstufenkoordinatorin Andrea Bentlin. Sie wollen gemeinsam noch einmal appellieren, dass in der „Hektik der Beschlussfassung“ (Lühring) vieles nicht bedacht sei. Das Oberstufen-Konzept, dass die IGS erst jetzt in den Sommerferien vorgelegt habe, ist eine „Wundertüte“, sagt Landrat Luttmann – zudem noch gar nicht in den politischen Gremien der Stadt besprochen. Und es ist, moniert Hertz-Kleptow, in keiner Weise mit BBS oder Ratsgymnasium abgesprochen, obwohl ständig das Wort „Kooperation“ der Schulen untereinander falle. Dieses Vorgehen habe ihn „erstaunt“, er sei gar „traurig, dass wir nicht eingebunden werden“.

Tatsächlich wäre wohl vor allem das Berufliche Gymnasium der BBS betroffen, gäbe es auch an der IGS eine Oberstufe. Von zuletzt stets rund 50 Realschülern in der Stadt, die einen erweiterten Abschluss erreicht hatten, seien gut 40 an die BBS gegangen. Die fielen dann weg, und damit wären gleich mehrere Profile am Beruflichen Gymnasium gefährdet. Betriebswirtschaft mit Controlling, Ernährung, Gesundheit/Pflege sowie Gestaltungs- und Medientechnik könnten nicht mehr angeboten werden, weitere Profile seien gefährdet, so Hertz-Kleptows Prognosen anhand der aktuellen Anmeldezahlen. Die seien sowieso schon von 261 im Schuljahr 17/18 auf aktuell 167 gefallen. 43 Realschüler seien im kommenden Schuljahr eingeplant. Hätte man die nicht mehr, „können wir die Profile in dieser Form nicht mehr fortführen“.

Und damit sei die von den IGS-Oberstufen-Befürwortern viel beschworene „Vielfalt“ dahin, heißt es im Kreishaus. Lühring: „Der Mehrwert einer IGS-Oberstufe besteht laut dem Konzept alleine in einem Sportangebot.“ Dieses lasse sich aber nur durch eine Kooperation in anderen Zweigen mit dem Ratsgymnasium aufbauen, zudem fielen die BBS-Angebote weg.

Vor dem Ratsbeschluss müssen konkrete Kooperationsgespräche geführt werden, so die Forderung. Die sind bislang vor allem auch an Grundsätzlichem gescheitert: Soll es eine Zusammenarbeit von zwei oder drei Oberstufen geben? Nach Hertz-Kleptows Angaben hat es lediglich ein Gespräch zu Anfang des Jahres zwischen Vertretern der drei Schulen gegeben. „Nicht öffentlich“, betont er, deswegen nur so viel: Man habe sich „über Möglichkeiten ausgetauscht“. Ein Ergebnis könne man aber noch nicht präsentieren. Im Prinzip habe sich damit „seit vergangenem Jahr nichts verändert“. Und das, obwohl doch eigentlich alle Schulen zur Kooperation bereit seien.

Die Entscheidung, vor fünf Jahren in Rotenburg mit einer IGS an den Start zu gehen, war laut Lühring „nicht zu Ende gedacht“. Im Kreistag habe es schließlich den einstimmigen Beschluss gegeben, in Mittelzentren nur zwei Oberstufen zuzulassen. Dass Rotenburg da nun ausscheren soll, sei nicht verantwortungsvoll für die gesamte Region. Luttmann kritisiert diesbezüglich vor allem Rotenburgs Bürgermeister Andreas Weber (SPD) als Fürsprecher: „Der Bürgermeister hat die Verantwortung für alle Schulen der Stadt. Er darf den Rat nicht einseitig und teilweise falsch informieren.“ Zudem sei die Entscheidung für oder gegen die Oberstufe stets eine des Rates, nicht der Landesschulbehörde, betont Luttmann – die habe nur die Rechtsaufsicht und bewillige allein aufgrund der zu erwartenden Oberstufenschüler. Alle Fragen der Schulorganisation, der Finanzen und der Strukturen müssten vor Ort beantwortet werden.

Ob es soweit kommt nach dem ersten, gescheiterten Anlauf im Oktober ist allerdings fraglich. Das ist nun klar, nachdem sich auch die Ratsfraktionen von WIR und FDP positioniert haben. Die hatten sich am Montagabend mit der SPD und Vertretern der IGS, der Berufsbildenden Schulen sowie des Ratsgymnasiums getroffen. Das Fazit in einer Mitteilung der vier WIR- und FDP-Ratsmitglieder: „Es wurde deutlich, dass die Schülerzahlen derzeit noch nicht ausreichend sind, um drei Oberstufen zu bedienen, Kooperationen sind somit unumgänglich.“ Im Klartext: Anstatt an der IGS schon zum Schuljahr 20/21 eine Oberstufe einzuführen, plädieren WIR und FDP – wie die CDU und die Kreisverwaltung um Landrat Hermann Luttmann (CDU) – zunächst für eine engere Zusammenarbeit der IGS mit den beiden bestehenden Oberstufen in Rotenburg. „Die IGS geht mit der BBS und dem Ratsgymnasium eine umfangreiche Kooperation ein, um für einen reibungslosen Übergang zu den bestehenden zwei Oberstufen zu sorgen, die Kooperation startet bereits in Klasse neun, gegenseitige Abordnungen und Hospitationen (IGS-Lehrkräfte begleiten ihrer Schüler auch weiter in der Oberstufe, BBS- und Ratsgymnasium-Lehrkräfte übernehmen Unterricht in der IGS) stellen diesen niedrigschwelligen Übergang sicher“, so die Idee der Zusammenarbeit von WIR und FDP. Gehe die IGS mit dieser Kooperation an die Öffentlichkeit, könne sie damit werben, auch bei ihr das vollwertige Abitur zu erlangen, auch die gewünschte Durchmischung wäre sichergestellt, zudem hätten so auch die Lehrkräfte die Sicherheit, gymnasialen Unterricht in einer Oberstufe geben zu können und ihren Schülern das Abiturzeugnis überreichen zu dürfen.

Im Stadtrat war der erste Antrag für die gymnasiale Oberstufe an der IGS im Oktober in geheimer Wahl durchgefallen. 33 Ratsmitglieder und Bürgermeister Andreas Weber (SPD) durften abstimmen. SPD, Grüne und Weber zusammen hatten als Befürworter 17 Stimmen, es gab letztlich aber nur 16 Ja-Kreuze auf den Stimmzetteln, dazu eine Enthaltung. CDU, WIR, FDP und AfD kommen jetzt zusammen auf 17 Stimmen, ebenso viele Nein-Stimmen gab es auch im Oktober – bevor Ratsherr Frank Peters von den Freien Wählern zur FDP gewechselt war.

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