Eine Rotenburgerin erinnert sich an ihre polnische Mutter

Konzentrationslager Ravensbrück, Nummer 11332

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Katharina Fenske vor einer Zeichnung ihrer Mutter, die unmittelbar vor deren Verhaftung im Jahre 1941 entstand. Darunter ein Foto vom Empfang bei Papst Johannes Paul II. 

Rotenburg - Von Michael Schwekendiek. Katharina Fenske stammt aus Polen. Seit 1984 lebt die 66-Jährige in Deutschland und hat über 20 Jahre als Physiotherapeutin im Rotenburger Diako gearbeitet. Jetzt ist sie Rentnerin. Die nach wie vor umtriebige Frau kümmert sich in der Kreisstadt ehrenamtlich um Flüchtlinge und beschäftigt sich intensiv mit ihrer Familiengeschichte. Und die ist nicht ohne. Vor allem ihre vor zehn Jahren gestorbene Mutter Eugenia Wisniewska hat einiges erlebt.

Der 17. September 1939. Vor zwei Wochen ist die Deutsche Wehrmacht in Polen einmarschiert und kommt rasch nach Osten voran. Fast zur gleichen Zeit aber dringt die russische Armee von der anderen Seite her in Polen ein. Eugenia, gerade 27 Jahre alt, ist frisch verheiratet. Ihr Ehemann ist polnischer Offizier. Er wird direkt von den Russen gefangen genommen und wenige Monate später in Katyn erschossen. 

Ein Ort, der dadurch traurige Berühmtheit erlangt hatte: Die russische Armee lässt dort in einem Wald mehr als 4 000 Männer, überwiegend polnische Offiziere, erschießen. Die junge Ehefrau flieht bald nach seiner Festnahme Richtung Warschau. Dort geht sie in den Untergrund, verteilt illegale Zeitungen gegen die Besatzer von beiden Seiten, hilft mit beim Ausbau eines Netzes verschiedener Untergrundorganisationen.

Der einzige noch erhaltene Brief von Eugenia Wisniewska auf einem entsprechenden „Formblatt“ aus dem KZ Ravensbrück.

Jemand verrät sie. Im Januar 1942 wird sie von der Gestapo verhaftet. Nach fünf Monaten im Gefängnis kommt sie nach Ravensbrück in Brandenburg. Dort ist das größte Frauen-Konzentrationslager des Deutschen Reiches entstanden. Eugenia bekommt Häftlingskleidung mit einem großen „P“ (für „Politische Gefangene“) und die Nummer 11 332.

„Ich habe nicht mehr als Mensch existiert, nur noch als Nummer,“ berichtet sie Jahre später. Abertausende von Frauen (später auch wenige Männer) werden in Ravensbrück festgehalten. Jüdinnen, Sinti, Roma, Kriminelle und eben etliche „Politische“. Der Umgangston ist hart. Insbesondere die Aufseherinnen tun sich hervor. Sie hetzen Hunde auf Gefangene, die das stundenlange Stehen bei Appellen nicht aushalten, und schlagen die Frauen bei kleinsten Vergehen. Viele werden erschossen. Einfach so. 

Die Mutter schrie im Schlaf vor Angst

Berüchtigt ist das Lager vor allem für die menschenverachtenden medizinischen Versuche, die Ärztinnen und Ärzte dort durchführen. Die Wirksamkeit von möglichen Antibiotika soll getestet werden. Dazu werden Frauen künstlich verletzt und infiziert. Aber auch Abtreibungen sind an der Tagesordnung, manche erst im siebten oder achten Monat. Neugeborene werden den Müttern direkt weggenommen. Sie überleben nicht. Eugenia hat Glück im Unglück: Für die medizinischen Versuche nimmt man vor allem die ganz jungen Frauen, 16, 17 Jahre alt. Sie ist inzwischen 31. Aber die Angst und den ständig nahen Tod kann sie nicht vergessen. Ihre Tochter erinnert sich: „Als ich Kind war, hatte meine Mutter oft Albträume. Sie schrie im Schlaf vor Angst.“

Kontakte nach Hause sind für die Häftlinge stark reglementiert: Einmal im Monat dürfen sie schreiben. Maximal 30 Zeilen auf zwei Seiten eines Formblatts. „Gut lesbar“ und „mit Häftlingsnummer versehen“. Da sie als Polin nicht genügend Deutsch kann, muss sie sich beim Schreiben helfen lassen. Die Tochter aber erkennt heute noch ihre Schrift. Nach 18 Monaten wird Eugenia in eine Außenstelle des KZ verlegt. In Neu-Brandenburg setzt man sie als Zwangsarbeiterin für die „Kriegsproduktion“ ein. Sie muss helfen beim Bau der Hitlerschen „Wunderwaffe“ – „V1“ und „V2“ genannte Marschflugkörper, die zum Schluss des Krieges vor allem für den Beschuss Londons eingesetzt werden. Für sie ist diese Zwangsarbeit vermutlich lebensrettend, obwohl die Drangsalierung auch dort weitergeht. 

Angst vor den Befreiern

Am 29. April 1945 wird das Konzentrationslager Ravensbrück befreit. Aber die ankommenden russischen Soldaten verbreiten auch Angst und Schrecken unter den Frauen. Etliche fliehen Richtung Warschau. Eugenia lernt wieder einen polnischen Offizier kennen und heiratet ihn 1949. Das Ehepaar bekommt drei Kinder. Katharina ist die jüngste – und inzwischen auch die einzige. Die beiden Schwestern sterben weit vor ihr und vor der Mutter, die bis 2007 in Stettin lebt.

Sie hatte dort eine Organisation ehemaliger Häftlinge aus Ravensbrück gegründet. In dieser Eigenschaft bekommt sie 1993 eine Einladung zur Einweihung des „Holocaust Memorial Museums“ in Washington D. C.. Auch Papst Johannes Paul II. empfängt sie. Ihre Lebensgeschichte wird in einem polnischen Buch festgehalten. Ihre Tochter möchte die Erinnerung an ihre Mutter, „eine starke und sehr mutige Frau“, wach halten. Deren Brief aus dem Konzentrationslager Ravensbrück wird einer Sammlung in Rotenburg zugeführt.

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