Landrat Luttmann pessimistisch

Corona im Landkreis Rotenburg: Kontaktverfolgung am Limit

Schild Maskenpflicht an Ladentür
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Der Landkreis Rotenburg appelliert an seine Bürger, weiter Maske zu tragen und Kontakte zu beschränken.

Das Rotenburger Gesundheitsamt hat einen Corona-Lagebericht abgegeben. Im Vergleich steht man gut da. Landrat Luttmann geht von einem bevorstehenden Negativtrend aus.

„Was für ein Tag.“ Carmen Menzel, Leiterin des Gesundheitsamtes des Landkreises Rotenburg, meint diesen Ausspruch am Donnerstagvormittag keineswegs positiv. Das Robert-Koch-Institut (RKI) hat wenige Stunden zuvor mit mehr als 11 000 Neuinfizierten in Deutschland einen neuen Tagesrekord in Sachen Corona vermeldet, und selbst Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) ist mittlerweile erkrankt, erklärt sie zu Beginn einer Pressekonferenz zur aktuellen Lage im Landkreis. „Es ist schlimmer als im Frühjahr“, konstatiert Landrat Hermann Luttmann (CDU), und auch wenn er angesichts der kommenden Wochen und Monate eher zu den Pessimisten gehört, gibt es im zuletzt gebeutelten Nordkreis Anzeichen der Entlastung. Der Überblick:

Die Sieben-Tage-Inzidenz im Landkreis seit Ausbruch der Pandemie im März – sowohl für den kompletten Landkreis (schwarz) als auch auf 100 000 Einwohner runtergerechnet (rot). Gut erkennbar: der Ausbruch im Elsdorfer Ikea-Lager und das Cluster Gnarrenburg.

Wie steht der Landkreis in der Pandemie insgesamt da?

Im Bundesvergleich gehört Rotenburg zu den weniger gebeutelten Landkreisen. Der Inzidenzwert der jeweils vergangenen sieben Tage auf 100 000 Einwohner liegt laut Gesundheitsamt bis jetzt in der Regel zwischen 20 und 25 (laut RKI am Donnerstag bei 15,9). Nach der Konferenz meldete das Gesundheitsamt zwei Neuinfektionen im Vergleich zu Mittwoch, mit denen die Gesamtfallzahl auf 406 steigt. 342 Personen sind genesen, drei in stationärer Behandlung (zwei Erkrankte werden intensivmedizinisch betreut) und drei sind an oder mit Covid-19 gestorben. Der Fall in einer Wohngruppe der Rotenburger Werke hat laut Menzel zu keiner Folgeinfektion geführt. Eine Mitarbeiterin des Diakonieklinikums in Rotenburg habe sich aber angesteckt, bis zu sechs weitere Mitarbeiter des Diakos seien in Quarantäne.

 Wir werden uns nicht als Inseln der Glückseligen rausnehmen können.

Landrat Hermann Luttmann (CDU)

Welche Prognosen gibt es?

Trotz der noch annehmbaren Zahlen mahnt Landrat Luttmann: „Wir werden uns nicht als Inseln der Glückseligen rausnehmen können.“ Laut Menzel muss man davon ausgehen, dass die Zahlen weiter steigen. Das gelte auch für den Grad der Hospitalisierung. Luttmann und Menzel betonen weiter die Wichtigkeit des richtigen Tragens von Masken, sogenannte Face- und Mouthshield reichten hingegen nicht aus. Zudem appellieren sie, Kontakte möglichst einzuschränken. Luttmann: „Wir müssen lernen, mit dem Virus zu leben.“ Dazu gehöre auch ein gewisser Grad an Eigenverantwortung. Es sei jetzt ebenfalls nicht die Zeit für Partys.

Grippeimpfung: „Im Zweifel Vorrang lassen.“

Die Leiterin des Landkreis-Gesundheitsamts, Carmen Menzel, wirbt für einen verantwortungsbewussten Umgang mit Grippe-Impfungen für die anstehende Saison. Die Nachfrage nach dem Impfstoff sei groß und in diesem Jahr sei auch mehr als üblich produziert worden. Dennoch solle man „im Zweifel Vorrang lassen“, wenn man sich nicht sicher sei, ob sie für einen notwendig ist. Die Kapazitäten sind begrenzt, es wäre „fatal, wenn sie am Ende insbesondere für Risikogruppen nicht ausreichen“, so Menzel.

Was passiert, wenn der Landkreis den Inzidenzwert von 35 oder 50 überschreitet?

Luttmann will sich nicht genau festlegen, wie der Landkreis im Falle einer Überschreitung der maßgeblichen Inzidenzwerte reagiert. „Wir schauen ganz genau hin.“ Das hänge auch vom lokalen Pandemie-Geschehen ab. Sollten in Bremervörde oder Geestequelle Cluster zu einer Überschreitung führen, werden in Visselhövede nicht dieselben Maßnahmen ergriffen, falls die Infektionszahlen dort sehr niedrig sind, nannte er ein Beispiel.

Wie breitet sich das Coronavirus im Landkreis aus?

Nach den Worten Menzels mittlerweile „diffus“. Anfangs gab es eine Konzentration im Nordwesten und der Mitte des Landkreises, hervorgerufen durch die Cluster in Westertimke und Gnarrenburg. In den vergangenen zwei Wochen hat sich das Virus wieder in fast alle Teile des Landkreises ausgebreitet.

Je größer der gelbe Punkt, desto mehr Corona-Fälle gibt es in der Kommune. Nach den Clustern Westertimke und Gnarrenburg verteilt sich das Virus seit zwei Wochen in fast alle Bereiche des Kreises.

Wie entwickeln sich die Cluster Westertimke und Gnarrenburg?

Für das Gesundheitsamt sind die Cluster Westertimke und Gnarrenburg weitgehend abgearbeitet. Im Zusammenhang mit der Westertimker Christengemeinde gibt es kein Infektionsgeschehen mehr. Bis sie wieder öffnen darf, muss aber noch ein adäquates Hygienekonzept her. Die Maßnahmen in Gnarrenburg haben laut Menzel gut gewirkt. Sie stellt in Aussicht, dass man die dort gültige Verordnung in der kommenden Woche aufheben kann.

Wie gut funktioniert die Kontaktverfolgung?

Noch gut. Bis zu 16 Mitarbeiter des Landkreises sind mit der Kontaktverfolgung betraut, durch die Ferienzeit gebe es laut Menzel aber eine Durststrecke. Aber allgemein gelte ebenfalls: „Wir haben langsam den Trend, dass es zu Verzögerungen kommt.“ Die Kontaktverfolgung gehe dann nicht mehr über Stunden, sondern dauere auch mal einen halben oder ganzen Tag. Aktuell liefen die Ausschreibungen für Helferstellen, einige vielversprechende Bewerbungen gebe es bereits. Die Arbeit sei enorm anstrengend und das Gesundheitsamt rund um die Uhr und sieben Tage die Woche im Einsatz. Sollten die Infektionszahlen im Kreis drastisch ansteigen, sei eine Verfolgung im jetzigen, recht zügigen Umfang nicht aufrecht zu erhalten. Man werde sich in diesem Fall auf „vulnerable Bereiche“ – etwa Wohn- oder Pflegeheime – konzentrieren.

Die Wahrscheinlichkeit ist größer, dass sich die Kinder zuhause anstecken.

Carmen Menzel über die Schulen

Wie sicher sind die Schulen?

In der kommenden Woche geht der Schulbetrieb in Niedersachsen nach den Herbstferien weiter. In den Einrichtungen des Landkreises seien seit Sommer keine Infektionsherde entstanden, hat das Gesundheitsamt festgestellt. Bei mehr als 300 Testungen in Grundschulen und in der Sekundarstufe I gab es vier positive Fälle, bei mehr als 100 Testungen in Kitas lediglich einen. „Die Wahrscheinlichkeit ist größer, dass sich die Kinder zuhause anstecken“, sagt Carmen Menzel. Sie glaubt, dass der Schulbetrieb aufrecht erhalten werden kann.

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