Quer durch Stimmungen und Temperamente

Konradi und Vieweg überzeugen in Rotenburg 

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Seit vielen Jahren ein eingespieltes Team: Pianist Roland Vieweg und Katharina Konradi (Sopran). 

Rotenburg - Manchmal weht durch den Wümme-Ort ein Hauch von Großstadtflair. Und das nicht nur, weil sich bei den Rotenburger Konzerten am Donnerstagabend die Parkplatzsuche ähnlich schwierig gestaltete wie vor der „Elphi“ oder der „Glocke“. Und auch nicht nur, weil das opulente Kleid von Sopranistin Katharina Konradi ähnlich viel Gesprächsstoff in der Pause bot, wie es in den beiden vorgenannten von der „Haute Volaute“ gern frequentierten Konzerthäusern gang und gäbe ist.

Nein, mit ihrer Entscheidung, nach längerer Pause wieder vokale Klassik nach Rotenburg zu holen, bewiesen Niels Kruse und Wilhelm Hahne einmal mehr, dass man bei der Konzertreihe nicht primär auf das Füllen der Ränge schielt, sondern auf einen gewissen künstlerischen Anspruch. „Da nehmen wir auch leicht rückläufige Zahlen an der Abendkasse in Kauf“, so Vorstandsvorsitzender Wilhelm Hahne.

Das Konzert von Konradi (Sopran) und Roland Vieweg (Klavier) stand ganz im Zeichen menschlicher Gefühle: „Sie spielen“, wie der Pianist es ausdrückte, „in der Lyrik ebenso eine Rolle wie in der Sprache, und im Wesen ist Musik ja nur eine besondere Form der Sprache.“ Dieser Argumentation folgend, ist die in Kirgisistan geborene Gewinnerin des Deutschen Musikwettbewerbs wohl „sprachgewaltig“ zu nennen. 

Hörenswerte Schwermut

Intonationssicher und wohldosiert reüssierte sie im ersten Teil bei Mendelssohn-Bartholdy ebenso wie beim ungleich heiteren Brahms, inklusive Sehnsucht und textlichem Herzschmerz und einigen von Schumanns bekannteren Liedern wie „Die Spinnerin“ oder „Im Wald“. Diese Stücke verband bis zum versöhnlichen Abendlied eine große Schwermut, in der sich die Verzweiflung des Komponisten über die nicht manifestierte Anstellung und wohl auch seine Depressionen niederschlugen. Nicht verwunderlich, dass dieser Liederzyklus in seiner spröden Tonsprache nicht gerade zu den meist gegebenen auf deutschen Bühnen gehört – hörenswert war er, dank Konradis Intonationssicherheit und schönem Kolorit und Viewegs sensibler Begleitung, allemal.

Vielgestaltig wurde es im zweiten Teil. Thema waren Lieder zur Darstellung der vier Temperamente. „Das gibt uns die Möglichkeit, ohne zu viel Respekt unterschiedliche Stile nebeneinander zu stellen“, erklärte Vieweg. So wurde der Melancholiker mit Mozarts „Abendempfindung“ und Schumanns „Wehmut“ umrissen, für den Choleriker ließ das Duo in Beethovens „L‘amante impaziente“ einen vergeblich im Regen wartenden Liebenden toben. Ein Höhepunkt der ebenso feinen wie originellen Zusammenstellung: Mendelssohn Bartholdys lebensbejahendes „Frühlingslied“ stellvertretend für den Sanguiniker, bei dem Konradi die Ode an das Leben so strahlend und offenherzig vortrug, dass sie spätestens jetzt die Zuhörer für sich einnahm.

„Extreme Ausdrucksstärke"

Einziges Wermutströpfchen: Nicht überall waren die Texte zu verstehen, und genau wie in Bremen oder Hamburg wurde auch in der Aula der Realschule gerätselt, ob dies nicht den Räumlichkeiten zuzuschreiben sei. Das ging auch Zuhörerin Dorothea Voßmeier so. Die Fachfrau bescheinigte der Kollegin aber auch „extreme Ausdrucksstärke – sie macht ihre Sache hervorragend“.

Ungewöhnliches Ende für ein ebensolches Konzert: Sieht man von den zwei Zugaben einmal ab, bildete mit Kreneks „Monolog“ nach Goethes Stella ein zeitgenössisches Stück, auch wenn selbiges auch schon immerhin hundert Jahre auf dem Buckel hatte. Der Grund für diese ungewöhnliche Abfolge: „Es vereinigt ganz unterschiedliche Gefühle ist quasi der Summum Opus des Abends!“, so Vieweg. Und mit dem freudigen Schrei der hintergangenen Stella, die nach Verzweiflung und Zorn ihren Geliebten erspäht: „Er ist wieder da!“ erlebte das Publikum, zumindest musikalisch, ein Happy-end. - hey

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