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Kollegiale Begleiter helfen bei Krisenereignissen im Diako

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Von: Tom Gath

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Hauke Sievers, Margot-Jutta Kruse und Claudia Borinski (v.l.) laden alle Diako-Mitarbeiter ein, belastende Ereignisse gemeinsam aufzuarbeiten.
Hauke Sievers, Margot-Jutta Kruse und Claudia Borinski (v.l.) laden alle Diako-Mitarbeiter ein, belastende Ereignisse gemeinsam aufzuarbeiten. © Gath

Die Mitarbeiter vom Diakonieklinikum helfen sich gegenseitig bei Krisenereignissen. Sechs Kollegiale Erstbegleiter stehen für die gemeinsame Aufarbeitung zur Verfügung. Vielen Menschen in Pflegeberufen fällt die Artikulation eigener Bedürfnisse jedoch schwer.

Rotenburg – Extreme Situationen gehören in einem Krankenhaus zum Alltag. Für die Mitarbeiter des Rotenburger Diakonieklinikums gibt es seit rund einem Jahr ein Selbsthilfeangebot, um die Gefahr von langfristigen psychischen Schäden aufgrund dieser Situationen zu reduzieren: Sechs Kollegiale Erstbegleiter (KEB) aus unterschiedlichen Arbeitsbereichen stehen für vertrauliche Gespräche zur Verfügung.

Zeitnahe Aufarbeitung kann Traumata verhindern

Hauke Sievers ist am Krankenhaus für die Gesundheit der Mitarbeiter verantwortlich und hat das Projekt mit ins Leben gerufen. Er macht sich keine Illusionen und betont, dass „belastende Ereignisse im Krankenhaus zwar nicht verhindert, die Folgen aber durchaus gemindert werden können“. Was als belastendes Ereignis empfunden wird, entscheiden die betroffenen Kollegen selber, eine klare Definition gebe es seitens der KEB nicht. Exemplarisch nennt er den Tod von lange betreuten Patienten, Übergriffe auf die Mitarbeiter oder besonders tragische Rettungseinsätze.

Um eine langfristige Traumatisierung zu verhindern, sei laut Sievers eine zeitnahe Verbalisierung des Erlebten häufig hilfreich. Die Erstbegleiter können während der Arbeitszeit kontaktiert werden und besprechen die Situationen mit den Betroffenen. Ein wichtiges Instrument ist dabei die gemeinsame Anfertigung eines Protokolls, um das belastende Ereignis festzuhalten und gegebenenfalls auch zu einem späteren Zeitpunkt erneut aufzuarbeiten. Das Protokoll werde vertraulich aufbewahrt und bleibe im Besitz der betroffenen Person.

Vermittlung weiterführender Hilfen

Claudia Borinski ist eine von den sechs KEB und hebt einen weiteren Vorteil der Protokollierung hervor: „Häufig gibt es viele kleine Softtraumata, die sich im Laufe der Zeit summieren. Die Protokolle helfen dabei, einen Überblick zu behalten.“ Das konkrete Vorgehen orientiere sich dabei immer an den Bedürfnissen der Betroffenen. Manchmal werde einfach nur zugehört, aber falls gewünscht, könne auch unkompliziert Kontakt zu Psychologen vermittelt werden. Über die Berufsgenossenschaft sei oft schnellere therapeutische Hilfe möglich, als über die eigene Krankenkasse.

Den meisten der bisher von Borinski Betreuten hätten die Gespräche sehr geholfen. „Das Feedback war maximal positiv. Die Betreuung wurde als entlastend und sehr wertvoll wahrgenommen“, sagt sie. Dennoch müssten sich die Krankenhausmitarbeiter erst noch an das Sprechen über die eigenen Gefühle gewöhnen. Ein Ansturm auf die KEB habe es bisher noch nicht gegeben, obwohl der Bedarf grundsätzlich sehr groß sei.

„Menschen brauchen mehr als nur ein Gehalt“

Im Gesundheitssystem werde eine hohe Funktionalität erwartet, der Druck habe nicht erst seit der Coronapandemie stetig zugenommen. Auch vor diesem Hintergrund betont Borinski die Unterstützung der Klinikleitung. Vom Krankenhaus sei klar signalisiert worden, dass sich die Angestellten die Zeit für eine Aufarbeitung von belastenden Ereignissen nehmen sollen und die Gespräche von den Vorgesetzten unterstützt werden. Deshalb müsse auch niemand Angst vor Karrierenachteilen haben, zumal die Gespräche ohnehin streng vertraulich sind.

Mitarbeiter in sozialen Berufen haben häufig erst mal die anderen im Blick. Sie haben keine Übung darin, über eigene Bedürfnisse zu sprechen. Man kann aber nur für andere sorgen, wenn man auch für sich selbst sorgt.

Margot-Jutta Kruse

Denn auch bei den Krankenhausleitungen sei längst angekommen, dass „Menschen mehr als nur ein Gehalt brauchen“, wie es Margot-Jutta Kruse, ebenfalls Teil des KEB-Teams, formuliert. Sie betont, dass Verletzungen der Seele und der Psyche normale Arbeitskrankheiten seien und traumatisierende Erfahrungen auch von den Betroffenen als Unfälle aufgefasst werden sollten.

Selbstsorge als Bedingung für Sorge um andere

Neben dem hohen Stresslevel weist Kruse auf ein weiteres krankenhausspezifisches Problem hin: „Mitarbeiter in sozialen Berufen haben häufig erst mal die anderen im Blick. Sie haben keine Übung darin, über eigene Bedürfnisse zu sprechen. Man kann aber nur für andere sorgen, wenn man auch für sich selbst sorgt.“ Vielen falle es schwer, sich einzugestehen, dass psychische Belastungen nicht nur die anderen, sondern tendenziell jede Person treffen könnten.

Gerade weil die gesundheitlichen Schäden oft erst viel später auftreten würden – die von Borinski erwähnte Summierung von Softtraumata – sei eine frühzeitige Auseinandersetzung auch mit kleineren Vorfällen ein Zeichen von emotionaler Stärke. Das niedrigschwellige Angebot der KEB soll dazu beitragen, eine Kultur der emotionalen Öffnung zu fördern. „Wir haben keine Erwartungen an die Menschen, die zu uns kommen. Unser Angebot ist eine Einladung, eine gereichte Hand“, fasst Kruse die offene Haltung der KEB zusammen.

Regelmäßiger Austausch

Sievers betont, dass grundsätzlich jeder Kollege KEB werden könne, denn die wichtigste Basis des vertraulichen Gesprächs sind die gemeinsam geteilten Erfahrungen. Ein gewisses Maß an Empathie sei ebenfalls hilfreich. Vor dem Start des Projektes haben die sechs Begleiter eine dreitägige Schulung durch eine externe Psychologin durchlaufen. Außerdem treffen sich die KEB zum regelmäßigen Austausch und reden anonymisiert über die betreuten Fälle. Schließlich sind auch die KEB selber nicht nur im Klinikalltag, sondern auch während ihrer begleitenden Gespräche Belastungen ausgesetzt, über die sie sprechen müssen.

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