Thementage „Ernährung“

Kinderpsychologe Dr. Bernhard Prankel spricht über Essstörungen

Dr. Bernhard Prankel ist als Kinderpsychologe beim Agaplesion Diakonieklinikum Rotenburg tätig. Seit fast 18 Jahren hilft er Essgestörten dabei, Gewicht ab- oder zuzunehmen. - Foto: Ujen

Rotenburg - Von Joris Ujen. Magersucht, Ess-Brechsucht (Bulimie) und Übergewicht: Nicht nur viele Erwachsene sind von Essstörungen betroffen, auch Kinder und Jugendliche, vor allem Mädchen, erkranken an einer falschen Ernährungsweise. Dr. Bernhard Prankel hat tagtäglich mit jungen Essgestörten zu tun.

Der Kinderpsychologe vom Agaplesion Diakonieklinikum Rotenburg und seine Kollegen kümmern sich jährlich um rund 1 700 ambulante Behandlungsfälle. Stationär bietet die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Verdener Straße 45 Plätze für Patienten, wovon die Hälfte tagesklinisch und die andere vollstationär behandelt werden. Laut dem Psychologen ist eine Erweiterung des Gebäudes aber dringend notwendig, „da die Warteliste enorm lang ist“. Prankel klärt im Interview mit der Kreiszeitung über die Behandlungsmethoden bei einer Essstörung und kursierende Irrtümer beim Thema Ernährung auf.

Herr Prankel, wieso rutschen viele Kinder und Jugendliche in eine Essstörung? Was sind die Ursachen?

Bernhard Prankel: Es sind nicht so viele, wie man vielleicht meinen mag. Rund fünf Prozent der Kinder haben eine Essstörung, die klinisch behandelt werden muss. Bei Untergewichtigen spielen viele äußere Faktoren eine Rolle. Mädchen in der Pubertät, aber auch Jungs, orientieren sich häufig an Vorbildern, denen sie nacheifern. Zum Beispiel prominente Sängerinnen, die wie ein Strich in der Landschaft umhergehen. Das nennen wir distale Faktoren, eine Beeinflussung aus weiter Ferne. Aber dann gibt es auch noch die proximalen Faktoren.

Und wie machen sich diese bei Kindern bemerkbar?

Prankel: Wenn zum Beispiel ein Elternteil anders als sonst isst, weil es gerade eine Diät macht. Dann kann es vorkommen, dass die Kinder da mit reinrutschen. Die Haltung innerhalb der Familie kann die Essgewohnheiten stark beeinflussen. Wichtig ist dann, auch den Elternteil zu therapieren, denn sonst geht das wieder von vorne los. ,Hochinfektiös‘ können aber auch Mitschüler sein, die bereits eine Essstörung haben. Ein Beispiel: Mich hatte ein Schulleiter angerufen, der um meine Hilfe bat. Seine Schule hatte in einer neunten Klasse 13 deutlich essgestörte Kinder. Auch durch Hänseleien kann es ein übergewichtiges Kind dahin motivieren, weniger zu essen.

Mit welchen Irrtümern und wilden Theorien zum Thema Essstörung müssen Sie sich in ihrem Beruf befassen?

Prankel: Eine, die ich schon oft gehört habe, ist die Vermutung, dass jeder mit einer Essstörung vorher irgendwann mal sexuell missbraucht worden ist. Das kommt natürlich auch vor, kann aber nicht pauschalisiert werden. Es ist nun leider so, dass sobald ein gut implantiertes Gerücht da ist, die Leute es irgendwann glauben. Eine Essstörung bei Kindern und Jugendlichen basiert zum größten Teil auf Abgucken und Modeerscheinungen.

Wie der Schlankheitswahn, der vor allem Mädchen beeinflusst. Was ist bei Jungen ein Faktor für eine Essstörung?

Prankel: Jungs leiden verhältnismäßig selten an einer Essstörung. Diejenigen, die aber davon betroffen sind, leiden sehr häufig an einer chromosomalen Störung. Das sind Kinder, die das Chromosom XXY in sich tragen. Bei einer von 400 Geburten kommt das vor und zeigt sich vor allem bei untergewichtigen Jungs, die intellektuell sehr schwach sind. Allerdings ist es ein Syndrom, das häufig erst sehr spät diagnostiziert wird, aber auch ein Beispiel, dass Essstörungen nicht nur psychisch, sondern auch körperlich bedingt sein können.

Wie kann sich ein Mensch mit Essstörung selbst helfen, die Krankheit zu bekämpfen. Ist das überhaupt ohne externe Hilfe möglich?

Prankel: Wenn derjenige das kann, würde man nicht mehr von einer Störung sprechen. Sollte die Person auch nur ansatzweise den Verdacht haben, sollte sie so schnell wie möglich Hilfe in Anspruch nehmen. Eine Untersuchung hat gezeigt, dass viele Leute vier bis sechs Jahre zu spät Hilfe aufsuchen. Je früher man diese in Anspruch nimmt, desto kürzer ist die Behandlungszeit.

Wie genau sieht so eine Behandlungstherapie aus?

Prankel: Zuallererst ist es wichtig zu wissen und zu akzeptieren, dass man eine Essstörung hat, aber in den meisten Fällen ist das den Patienten bereits bewusst. Wenn sie zu uns kommen und beispielsweise untergewichtig sind, sagen wir nicht: „Los, du musst jetzt mehr essen.“ Den Anfang machen wir mit einer Aufbau-Diät mit mehr Kalorien. Dann achten wir darauf, dass weniger aus dem Körper rausgeht. Sport ist erstmal tabu. Vor allem müssen sich die Patienten buchstäblich warm anziehen. Denn sobald man friert, nimmt man schneller ab. Das wissen vor allem viele Mädchen und tragen dementsprechend leichte Kleidung, um dünner zu werden. Am Anfang einer Behandlung ist es somit erstmal rein physikalisch.

Und im schlimmsten Fall müssen Sie den Patienten dann künstlich ernähren?

Prankel: Das muss in den allerseltensten Fällen noch gemacht werden. Mit dem heutigen Therapieprogramm bekommen wir das auch ohne Sonde hin. Wenn die Kinder und Jugendlichen daran richtig teilnehmen, werden sie dafür belohnt und dürfen zum Beispiel am Wochenende die Klinik verlassen und zu ihren Eltern gehen oder dürfen auch wieder Sport machen.

Wann spielt die mentale Komponente eine Rolle bei der Behandlung?

Prankel: Mit der darf man nicht zu früh bei der Behandlung anfangen. Sobald ein Mensch an Untergewicht leidet, ist das Gehirn nicht mehr so aufnahmefähig – eine Psychotherapie würde zu dem Zeitpunkt gar keinen Sinn machen. Um es ganz platt zu sagen: Man muss erst zunehmen und dann anfangen zu reden.

Wann wissen Sie, dass dieser Moment, das Gewicht, erreicht ist, um mit dem Patienten ein Gespräch führen zu können?

Prankel: Wir errechnen den BMI-Perzentil-Wert des Patienten. Ist dieser unterhalb der 10. Perzentilen spricht man von Untergewicht, ab der 90. von Übergewicht. Hat ein untergewichtiges Kind die 10. Perzentile durch unsere Behandlung überschritten, sind sie merkbar besser kognitiv erreichbar. Die emotionale Stabilität gewinnt noch einmal ab der 25. Perzentile. Häufig wird den Patienten auch dann bewusst, dass sie an einer Essstörung leiden und die Therapie wird dadurch leichter und effizienter. Ein weiterer wichtiger Faktor ist aber auch, die Eltern eines essgestörten Kindes von einer Therapie zu überzeugen.

Und wenn das nicht klappt?

Prankel: Wir arbeiten nach den Methoden, die ausgesprochen effektiv sind. Wenn die Eltern jedoch eine mindereffektive Methode bevorzugen, können wir da noch bis zu einem gewissen Grade mitgehen. Aber wenn sie ab einem bestimmten Punkt immer noch nicht damit einverstanden sind, ist es auch eine Kindeswohlgefährdung. Dann müssen wir das Jugendamt einschalten. Das kommt aber selten vor. Die größte Schwierigkeit bei vielen Eltern ist, dass sie auch ihre Essgewohnheiten auf lange Sicht ändern müssen.

Wie verhält es sich bei übergewichtigen Menschen, die hingegen geistig fit sind, aber es nicht schaffen, ihr Gewicht zu reduzieren?

Prankel: Wichtig ist zuallererst die Aufklärung. Insbesondere übergewichtige Menschen überschätzen die Gewichtszunahme massiv. Ich habe schon Personen kennengelernt, die dachten, dass sie durch eine Tafel Schokolade ein Kilogramm zunehmen. Da steckt eine Angst dahinter und trotzdem essen sie weiter. Wer eine 100-Gramm-Tafelschokolade isst, nimmt nicht mehr als das Netto-Gewicht zu, sondern sogar weniger. So effizient arbeitet der Körper nicht. Mehr als 50 Gramm nimmt man dadurch nicht zu. Die Gewichtszunahme tritt nur dann ein, wenn regelmäßig immer ein bisschen Schokolade gegessen wird und dann immer mehr. Wie bei allen unseren Patienten ist es erstmal wichtig, Zwischenziele und später Endziele durch viel Transparenz festzulegen.

Steigt die Anzahl an Essgestörten?

Prankel: Eine leicht steigende Tendenz ist zu erkennen. Das liegt mitunter an den Neuen Medien. Im Internet gibt es Foren, wo sich Menschen über ihre Essstörungen austauschen. Das kann auch hilfreich sein. Allerdings gibt es sogar Wettkämpfe, wo sich zum Beispiel Magersüchtige mit ihrem schwindenden Gewicht messen und sich profilieren wollen. Zuspruch erhalten sie dann von der Community, wenn sie immer dünner werden. Das ist sozusagen eine Flankierung der Essstörung. In den vergangenen Jahren habe ich jedoch keinen akuten Anstieg an Essstörungen wahrgenommen, trotzdem ist dieser Internet-Trend äußerst fragwürdig.

Abgesehen vom Über- oder Untergewicht: Wie erkennt ein Laie, dass ein Freund oder Bekannter möglicherweise an einer Essstörung leidet?

Prankel: Klar, das erste große Symptom, was wahrgenommen wird, ist das Körpergewicht. Wenn jemand schnell friert und häufig kalte Hände hat, kann das durchaus ein Zeichen für Untergewicht sein. Besonders bei Frauen zeigt sich zudem ein Flaum auf dem Rücken. Und dann wäre da noch der vorher erwähnte geistige Abbau.

Die vegane und vegetarische Küche findet immer mehr Zuspruch. Viele Menschen fragen sich aber: Kann auf Fleisch problemlos verzichtet werden?

Prankel: Solange dem Körper nichts fehlt, ist es grundsätzlich egal, was ich esse. Ob ich jeden Tag in ein Fast-Food-Restaurant gehe oder nicht, ob das Fleisch eine gute oder schlechte Qualität hat, spielt keine Rolle. Bestimmte Essmuster interessieren den Körper überhaupt nicht. Am Ende zählt nur das, was der Körper benötigt. Man kann auch tagelang gar nichts essen. Das hat schon in der Steinzeit funktioniert, wo es nicht jeden Tag etwas zu essen gab. Die Hauptsache ist nur, man holt es nach. Eine Fastenzeit von sechs Wochen ist auch unproblematisch, solange der Körper genug Reserven hat. Die Leute, die sagen: Nur so muss gegessen werden, sind rigide. Der Körper nimmt sich, was er braucht. Wenn er davon genug bekommt und das Wesentliche nicht fehlt, ist er zufrieden. Nehmen wir einen Hamburger als Beispiel. Da ist alles drin: Vitamine, Eiweiß, Fett und Zucker. Aber wenn man zuviel davon ist, wird man natürlich dick.

Es gibt ja Menschen, die behaupten, Zucker macht nervös.

Prankel: Völliger Quatsch. Dann müsste auch eine Kartoffel nervös machen, die ja nichts anderes als Zucker ist – halt nur anderskettiger Zucker, der nicht süß schmeckt. Ein Beispiel von dem Halbwissen auf der Ernährungsebene, was viele Menschen haben und verrückt machen kann. Dass es aus sozialen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Gründen nicht unbedingt sinnvoll ist, sich von beispielsweise Fast Food zu ernähren, ist eine ganz andere Frage, aber der Körper an sich ist ein Egoist. Dem ist das alles egal.

Früher wurde häufig gesagt: Das Essen muss weg, der Teller muss am Ende leer sein. Nur fällt es manch einem schwer, dann noch weiterzuessen, wenn er eigentlich schon satt ist.

Prankel: Das war früher bei mir auch so. Rein phylogenetisch (die biologische Entwicklung der Menschheit betreffend, Anm. d. Red.) betrachtet, scheint es eine völlig richtige Einstellung zu sein. Aber nur unter der Voraussetzung, dass generell nicht genug Essen da ist. Und das war zum Beispiel nach dem Zweiten Weltkrieg der Fall, aber nicht mehr heute – zumindest hier bei uns. Diese Angewohnheit hat aber die Jahre überdauert, sodass es eher zu einem mentalen Problem wurde. Und genau so verhält es sich bei Über- und Untergewichtigen, die die Vorstellung entwickeln, dass anders essen richtig ist.

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