Knarzende Treppen und das Klopfen der Stasi

Nomos-Quartett fordert Publikum mit Schostakowitsch und Avantgarde

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Als Nomos-Quartett ein eingespieltes Team: Martin Dehning (v.l.), Meike Bertram, Friederike Koch und Sabine Pfeiffer.

Rotenburg - Vier gut eingespielte Streicher, knarzende Kellertreppen und ein ebenso vergrößertes wie verjüngtes Publikum bei dem Konzert des „Nomos-Quartett“ am Donnerstagabend in der Realschulaula: Der musikalische Leiter der Rotenburger Konzerte Nils Kruse kann sich auf die Schulter klopfen. Auch ein knappes Dutzend Schüler der Streicher-, Chor- und Bläserklasse waren dabei, um ihre Workshopleiter des Folgetages vorab schon einmal live zu sehen.

Sie sollten ein Programm erleben, das wohl kaum gemischter hätte ausfallen können. Zunächst der bewährten Tradition „von alt nach jung“ folgend, eröffnete das international preisgekrönte Quartett den Abend mit Boccherini. Der hatte mit dem Zeitgenossen Haydn die Gattung des Streichquartetts quasi aus der Taufe gehoben, mit 80 Werken unter anderem für den preußischen König, einem Hobby-Cellisten.

Eingespielt sind die vier – kein Wunder, blicken die Musiker bis auf Meike Bertram an der zweiten Violine auf mehr als drei Jahrzehnte blinden Verstehens zurück. Das war auch zu hören: Gleich vom Allegro comodo an boten Martin Dehning, Meike Bertram, Friederike Koch und Sabine Pfeiffer einen harmonisch und dynamisch wunderbar homogenen Klangkörper. Das überzeugte auch Henrich Walbaum aus Rotenburg, selbst ambitionierter Hobbygeiger und Akteur eines Streichquartetts: „Toll, wie viel in dem Stück drin ist – aber auch, dass jeder sich zugunsten des Ganzen zurücknimmt!“ 

23 Minuten gehetztr Dissonanzen

Was des einen Freud, ist des anderen Leid: Der Ratsgymnasiast Arthur Weigle, seit sieben Jahren Geigenschüler und Teilnehmer des Landesjugendorchesters, monierte einige „notdürftige Stellen – ich hatte mir einen solistischeren Klang vorgestellt!“, so der Zehntklässler in der Pause. Vater Christoph zeigte sich dennoch angetan: „Schon toll, dass man überhaupt so hochklassige Ensembles hier erleben darf, noch dazu mit so anspruchsvollen Stücken, die nicht auf vordergründige Effekte setzen!“ In der Tat: Schostakowitschs Quartett in C-Moll ist nicht gerade leichte Kost. Geschrieben um 1960 unter dem Eindruck von Spitzelei und der zerbombten Stadt Dresden, gönnte der Komponist dem Zuhörer übergangslos in 23 Minuten gehetzter Dissonanzen keine Pausen. Eindrucksvoll, wie die Staccatoeinwürfe das Klopfen der Stasi an der Tür des Staatsfeindes symbolisierte, gefolgt von Klagegesang – klatschen mochte nach dem wohl ausdrucksstärksten Werk zunächst niemand.

In den Klanggebilden des Auszugs aus dem zeitgenössischen Patchworkstück „Hängebrücken“ von Adriana Hölszky konnte, wer wollte, rostige Schaukeln im Wind hören, knarzende Kellertreppen, tickende Uhren – oder etwas ganz anderes. Ähnlich avantgardistisch verspricht der Workshop im Ratsgymnasium zu werden, in dem die Schüler im pädagogischen Beiprogramm, dem „musikalischen Sprachunterricht“, lernen, auf ihren Instrumenten eigene Geschichten zu erzählen.

Ausgerechnet der versöhnliche „Rausschmeißer“ von Mozart trug den Titel „Dissonanzen“. Hier gelang es, vor allem im Andante und im Menuett, nicht immer, die Motive sauber herauszuarbeiten, und die von dem technisch wieder überaus virtuos agierenden Martin Dehning an der ersten Geige vorgegebenen Tempi konnten nicht immer sofort aufgenommen werden. Nichtsdestotrotz: insgesamt ein Hörgenuss für die Zuhörer. 

hey

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