Knapp an der Quote

Der Landkreis begrüßt die Debatte über eine Impfpflicht gegen Masern. Foto: imago images / Christian Ohde

Der Bundesgesundheitsminister will eine Masern-Impfpflicht in Kitas und Schulen einführen. Dafür sind auch hohe Geldbußen im Gespräch. Das Vorhaben, das schon kommendes Jahr gelten soll, wird im Landkreis begrüßt.

Rotenburg – Nur eine harmlose Kinderkrankheit? Aus dem Rotenburger Gesundheitsamt ist auf Nachfrage umgehend ein klares Nein zu vernehmen. Masern sind „hochansteckend und können erhebliche Komplikationen und Folgeerkrankungen mit sich bringen“, so die Antwort. In der vergangenen Woche hatte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) angekündigt, verpflichtende Masern-Impfungen für Kita- und Schulkinder mit Geldstrafen bis 2 500 Euro und einem Ausschluss vom Kita-Besuch durchsetzen zu wollen. Die Impfpflicht soll ab 1. März 2020 gelten, wie aus einem Gesetzentwurf hervorgeht, den auch die SPD unterstützt.

Auch wenn ein derartiges Vorhaben letztlich eine politische Entscheidung sei, betont Gesundheitsamtsleiterin Carmen Menzel, stehe „der bevölkerungsmedizinische Nutzen der Masernimpfung außer Zweifel“. Menzel weiter: „Das Gesundheitsamt betrachtet nicht vorrangig den individuellen Nutzen für jede geimpfte Person, sondern hat aus bevölkerungsmedizinischer Sicht ,das große Ganze’ im Blick. Gerade in Gemeinschaftseinrichtungen wie Schulen und Kindergärten ist unter diesem Aspekt eine Impfung sinnvoll, für Personal und Kinder. Gleiches gilt für die Situation in medizinischen Einrichtungen. Auch hier verkehren eher immunschwache, vorerkrankte Personen, die vor einer Maserninfektion besonders geschützt werden sollten.“

Schon jetzt gibt es nach dem Infektionsschutzgesetz Maßnahmen, die die Behörden ergreifen können. Allerdings gehen die nicht so weit wie die im Gespräch stehende vorbeugende Pflicht. Kinder, die von Masern besonders betroffen sind, dürfen Kitas und Schulen nicht besuchen, wenn sie erkrankt oder dessen verdächtig sind. Außerdem müssen Eltern die Einrichtung über eine Masern-Erkrankung informieren. Auch Geschwister erkrankter Kinder dürfen nicht in die Gemeinschaftseinrichtung. Für Lehrer, Erzieher oder andere Betreuungspersonen, die an Masern erkrankt oder dessen verdächtig sind, gilt natürlich dasselbe. Sollte in der Gemeinschaftseinrichtung eine Person an Masern erkrankt sein, kann das Gesundheitsamt ein Besuchsverbot für solche Personen aussprechen, die über keinen ausreichenden Impfschutz verfügen oder die nicht durch eine ärztliche Bescheinigung nachweisen können, dass sie vor Masern geschützt sind. Seit 2015 ist bundesweit zudem gesetzlich geregelt, dass Eltern vor Aufnahme in eine Kita eine Bescheinigung über eine erfolgte Impfberatung vorlegen müssen, jedoch noch keinen Nachweis einer Impfung.

Dass Masern insgesamt ein Problem sind, zeigt nicht nur der Fall einer gestorbenen Frau im Kreis Hildesheim im April. Seit Jahresbeginn sind nach Angaben des Gesundheitsamts in Niedersachsen insgesamt vermehrt Fälle registriert worden: 71 statt nur 18 im ganzen Jahr 2018. Das Ausbruchgeschehen im Kreis Hildesheim spielt dabei eine große Rolle, so Menzel. Im Kreis Rotenburg sei die Zahl der Masernfälle konstant niedrig. Im laufenden Jahr ist eine Erkrankung gemeldet worden, 2018 waren es drei, in den Jahren davor vier, zwei und drei. Zudem habe man die angestrebte Impfquote von 95 Prozent annähernd erreicht. Menzel: „In den vergangenen zehn Jahren sahen wir im Rahmen der Schuleingangsuntersuchungen Quoten zwischen 93,2 und 95,5 Prozent, bezogen auf Kinder, die zwei Impfungen im Impfbuch dokumentiert hatten.“ Da aber mit Blick auf ganz Deutschland zunehmend Erwachsene durch fehlenden Impfschutz betroffen sind, ist man auch hierzulande noch weit entfernt vom Ziel der Weltgesundheitsorganisation, Masern zu eliminieren. Das ist weltweit nur in Amerika, Australien und Skandinavien erreicht. Über die Masern hinaus gibt es im Landkreis „keine nennenswerten Probleme mit meldepflichtigen Infektionskrankheiten in Kitas und Schulen“, betont die Gesundheitsamtsleiterin Menzel.

Folgeerkrankungen sind die Gefahr

Eine Infektion mit den Masernviren verursacht nach Angaben des Rotenburger Gesundheitsamtes eine Abwehrschwäche von mindestens sechs Wochen. Dadurch kann es als Komplikation begleitend zur Masernerkrankung zu bakteriellen Infektionen kommen in Form von Durchfällen, Mittelohrentzündung, Bronchitis und Lungenentzündung. Eine weitere gefürchtete Komplikation ist eine Entzündung des Gehirns (Enzephalitis). Diese beginnt meist wenige Tage nach dem Ausschlag mit erneutem Fieber, Kopfschmerzen und Benommenheit bis hin zum Koma. Bei den in Deutschland gemeldeten Fällen werden auf 1 000 Erkrankungsfälle ein bis zwei Enzephalitiden registriert. Todesfälle können auftreten und sind zumeist auf Pneumonien im Kindesalter oder Enzephalitiden im Erwachsenenalter zurückzuführen. Als sehr seltene Komplikation kann eine subakute sklerosierende Panenzephalitis (SSPE) auftreten, die sich erst Jahre nach den durchgemachten Masern entwickelt und immer zum Tode führt. Laut Schätzungen der WHO starben 2016 weltweit noch mehr als 90 000 Menschen an Masern.

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