1. Startseite
  2. Lokales
  3. Landkreis Rotenburg
  4. Rotenburg (Wümme)

Klimastreik: Rotenburger Schüler gehen auf die Straße

Erstellt:

Von: Guido Menker

Kommentare

Demo auf dem Pferdemarkt
An der seit Jahren wohl größten Demonstration in Rotenburg haben sich am Freitagvormittag etwa 1 500 Schüler des Rotenburger Ratsgymnasiums, der IGS Rotenburg sowie der Berufsbildenden Schulen beteiligt. © Menker, Guido

Klimastreik. Auch in Rotenburg gehen am Freitag Schüler auf die Straße. Nicht zum ersten Mal. Aber: So viele waren es wohl noch nie in der Kreisstadt. Grund für die große Resonanz: Das Ratsgymnasium greift das Thema in dieser Woche auf und macht Projekttage daraus. Die IGS sowie die BBS schließen sich der Kundgebung zum Abschluss an.

Rotenburg – Während die Schüler des Rotenburger Ratsgymnasiums, der IGS sowie der Berufsbildenden Schulen am Freitagmorgen von der Gerberstraße aus in Richtung Innenstadt ziehen, bereiten die Organisatoren auf dem Pferdemarkt alles für die große Kundgebung vor. Die Mikrofone stehen bereit, die Lautsprecher und die Musiker ebenfalls. Der weltweite Klimastreik bildet den Anlass dieser Demo, die zugleich den Abschluss der Projekttage zu diesem Thema am Ratsgymnasium darstellt.

„Kein Schüler ist verpflichtet, daran teilzunehmen“, versichert Schulleiterin Iris Rehder. Eine verpflichtende Teilnahme könne es natürlich nicht geben. Sie und ihre Kollegen der anderen beiden Schulen haben die Kundgebung beim Landkreis angemeldet. Alles sei mit dem Schülerrat des Ratsgymnasiums abgesprochen worden.

Demo auf dem Pferdemarkt
Mehr als 1 200 Schüler nehmen an der Demo teil. © Menker, Guido

Was der Landkreis davon hält, bleibt ein Geheimnis: „Wir sagen inhaltlich nichts dazu“, erklärt Pressesprecherin Christine Huchzermeier. Was Torsten Oestmann als Bürgermeister der Stadt Rotenburg davon hält, wird gleich zum Auftakt der Kundgebung deutlich: „Für mich ganz klar: Ich unterstütze die Demo und ihre Ziele und freue mich, dass Ihr heute hier seid.“ Applaus von den nach Angaben der Schulen etwa 1 500 Schülern. Die Polizei spricht von 1 200 Teilnehmern. „Alle können und müssen in ihrer kleinen und auch in der großen Welt etwas dafür tun, dass der CO2-Ausstoß gesenkt wird. Auch, wenn es definitiv etwas unbequem wird“, so Oestmann.

„Klima“ als Teil des Unterrichts

Mit eben dieser Feststellung beenden die Ratsgymnasiasten dann auch ihre Projekttage, an denen sie sich auf ganz unterschiedliche Art und Weise dem Thema genähert haben – von der inhaltlichen Beschäftigung mit den Fragen des Klimawandels bis hin zu kleinen und auch großen Schritten, die Beiträge zur Rettung des Klimas darstellen können. Drei Tage im Zeichen des Klimas also. Die Projekttage haben den Schülern nicht nur eine inhaltliche, sondern auch eine praxisorientierte Auseinandersetzung mit einem der drängendsten Probleme unserer Zeit ermöglicht. Dabei machen Schulleiterin Iris Rehder und ihr Stellvertreter Jonas Kruse deutlich, dass das Thema „Klima“ seit mehreren Jahren zunehmend Teil des Unterrichts ist.

Demo auf dem Pferdemarkt
Der Tenor ist klar: „Die Zeit rennt uns davon!“ © Menker, Guido

Die Projekte erweisen sich als vielfältig. Der Kunst-Leistungskurs arbeitet an Bildern, die von Kritik geprägt sind und nicht nur die Schönheit der Landschaft darstellen, im siebten Jahrgang entstehen Brettspiele, und im sechsten Jahrgang entscheiden sich die Schüler für einen Besuch im Landpark Lauenbrück, um anschließend ein Drei-Gänge-Menü mit ausschließlich regionalen Produkten zu kochen. Der Bio-Leistungskurs setzt sich mit dem Thema Moor auseinander. Vor Ort, aber auch im sich daran anschließenden theoretischen Teil. Andere Schüler beschäftigen sich mit der Frage, was mit unserem Müll passiert, besuchen das Kraftwerk in Bremen.

Persönlich betroffen

Parallel dazu entstehenden in der Schule die Plakate für die Demo, die den Abschluss, also die für Projekttage übliche Präsentation der Ergebnisse darstellt. „Die Schüler arbeiten an der Formulierung der für sie wichtigen Aussagen“, sagt Rehder. Andere Altersgenossen wollen sich an die Öffentlichkeit richten und schreiben Leserbriefe. „Wir alle wollen nicht in Tränen versinken, sondern die Schüler und damit auch wir Lehrer beschäftigen uns mit erforderlichen Konsequenzen“, ergänzt Kruse. Den Schülern werde dabei bewusst, dass es auch sie persönlich betrifft. Mit viel Fantasie beschäftigt sich eine Klasse mit dem Thema Upcycling – und produziert aus alten Plastikflaschen kleine, farbenfrohe Vogelhäuschen.

 Aus Plastikflaschen werden kleine Vogelhäuschen.
Eines der Projekte: Upcycling. Aus Plastikflaschen werden kleine Vogelhäuschen. © Menker, Guido

Und so ist es kein Wunder, wenn die Oberstufen-Schüler nicht zuletzt auch darüber diskutieren, mit welchem Verkehrsmittel sie zu ihren bevorstehenden Abi-Fahrten aufbrechen. Mit dem Flieger in den Süden – das ist alles andere als selbstverständlich. Die gesellschaftliche Diskussion zum Klimawandel ist in der Schule angekommen.

„Wir sind ein Abbild der Gesellschaft“, unterstreicht Kruse. Es gebe viele politisch motivierte Schüler, aber natürlich auch die, die sich da heraushalten. „Wir als Lehrer haben einen klaren Auftrag und müssen uns damit auseinandersetzen.“

Schülerschaft „politisiert“

Zugleich berichtet das Leitungsduo der Schule, dass aus eigenem Antrieb heraus die Schüler bereits im Klassenraum ihren Müll trennen, und auch die Diskussion über einen Veggie-Day in der Mensa laufe auf Hochtouren. Kruse: „Ich bin seit 20 Jahren hier als Lehrer dabei – kein anderes Thema hat die Schule bisher so sehr politisiert.“ Nicht zuletzt deshalb gibt es grünes Licht für die Teilnahme am Klimastreik, der damit Teil des Unterrichts ist – wenn auch inoffiziell.

Demo auf dem Pferdemarkt
Klimastreik in Rotenburg: Schüler aus drei Schulen ziehen zum Pferdemarkt und fordern ein Umdenken. © Guido Menker

Die BBS mit ihren Vollzeitschülern sowie die IGS schließen sich der Präsentation in Form einer Kundgebung an; auch von ihnen sprechen Schüler zu den Teilnehmern. Sie kritisieren das Verbrennen fossiler Brennstoffe, formulieren ihren Wunsch nach einer Zukunft in einer intakten Umwelt und fordern dazu auf, dem Klimawandel deutlicher als bisher entgegenzuwirken. Forderungen, die aus den Projekttagen heraus entstanden sind und es schließlich auf die vielen Plakate geschafft haben, die sie am Freitagvormittag mitnehmen auf dem Weg zum Pferdemarkt. „Die Zeit rennt uns davon!“, heißt es auf einem der Schilder.

Das Regionale Landesamt für Schule und Bildung in Lüneburg war übrigens über die Veranstaltung informiert. Bei der Kundgebung habe es sich nicht um eine schulische Veranstaltung gehandelt, sie sei aber von den Schulleitungen und den Schülervertretungen unterstützt worden. „Schülerinnen und Schüler konnten freiwillig an der Veranstaltung teilnehmen, mussten dafür aber die Befreiung vom Unterricht beantragen. Alle anderen (...) hatten heute regulären Unterricht“, erklärt Mareike Wellmeier auf Anfrage. Eine Bewertung darüber, ob und in wieweit die kritische Hinterfragung der aktuellen Klimasituation und die kritische Auseinandersetzung mit einer Kundgebung pädagogisch zielführend sind, obliege im Rahmen der Eigenverantwortung den jeweiligen Schulleitungen.

Auch interessant

Kommentare