Verein „Heideblick“ liegt mitten im Baugebiet Stockfortshweg

Kleingärtner stören sich nicht an neuen Nachbarn

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Gleich an den Parzellen des Kleingartenvereins schließt sich die neue Wohnbebauung an. Vom einstigen „Heideblick“ ist nicht viel geblieben – aber die Kleingärtner sehen das gelassen.

Rotenburg - Von Michael Krüger. Eingekesselt, umzingelt, der freien Sicht sowie Idylle beraubt und dem Baulärm ausgesetzt: In der langen Diskussion um das Baugebiet Stockforthsweg wurde auch immer mit den Interessen der Kleingärtner argumentiert, die dort ihre Parzellen haben. Nun folgt der zweite Bauabschnitt – doch bei den Laubenpiepern bleibt es erstaunlich ruhig. Selbst wenn vom „Heideblick“ angesichts der nachbarschaftlichen Neubauten nicht mehr viel geblieben ist.

Kleingarten-Vorstand: Jürgen Bolenius (l.) und Echkardt Lehnhoff.

Wenn Eckhardt Lehnhoff mal richtig auf den Tisch hauen will, der im Gemeinschaftshaus des Kleingartenvereins natürlich eine klappbare Festzeltgarnitur ist, dann sagt er Sätze wie diesen: „Die Begeisterung war sehr gering.“ Der 75-jährige Pensionär ist das Kassierer im rund 30 Mitglieder starken Kleingartenverein, gemeinsam mit Jürgen Bolenius bildet er das Vorstandsteam. Diese „Begeisterung“ von einst, als der damalige Bürgermeister Detlef Eichinger den Parzellenbesitzern nach langer Zeit der Gerüchte erstmals Pläne präsentierte, ist Pragmatismus gewichen. „Was sollen wir denn auch machen?“, fragt Vereinsboss Bolenius. „Bringt ja nichts.“ Die „Heideblicker“, seit Jahrzehnten auf dem Gebiet an der Bundesstraße 440 beheimatet, konnten den Baugebietsplänen der Stadt relativ gelassen entgegen sehen. Schon seit der Wendezeit sind die 30 Parzellen im Besitz der Mitglieder. Der Verein hatte eine gute Verhandlungsposition und war sich schnell sicher: Verkauft wird nicht. Eine Enteignung, immer mal wieder von den Kritikern kolportiert, hat die Stadtverwaltung stets abgelehnt. Also einigte man sich. „Wir haben gute Gespräche geführt“, sagt Bolenius. Aber auch: „Wir konnten eh nichts dagegen machen.“

Die Kleingärtner ein paar hundert Meter entfernt, an die die zweite Ausbaustufe des Stockforthsweg als Baugebiet „An der Rodau“ schon im kommenden Jahr heranrücken könnten, sehen das mitunter anders. In der Ausschusssitzung am Montag wurde aus Reihen der „wilden Gärtner“, die nicht in einem Verein organisiert sind und mehr auf freie Gestaltung ihrer gepachteten Parzellen setzen, vehement Kritik geäußert. Insbesondere die Bebauung entlang der neuen Verbindungsstraße „An der Rodau“ im nördlichen Bereich mit Reihenhäusern und Geschosswohnungsbau stößt sauer auf. Wo jetzt von Hochsitzen, aus Wohnwagen und Baumhäusern noch freie Sicht auf Wiesen möglich ist, habe man bald „eine zehn Meter hohe Wand vor der Nase“, so ein Betroffener. Man sei entsetzt, seines Lebensmittelpunkts beraubt.

Vom „Heideblick“ ist zwar nicht viel mehr als der Name geblieben, aber die Kleingärtner des gleichnamigen Rotenburger Vereins bleiben angesichts der „Umzingelung“ durch die neuen Baugebiete am Stockforthsweg gelassen.

Kleingarten-Vereinschef Bolenius von nebenan drückt es moderater aus. „Es ist ein anderes Bild, ja“, sagt der 53-Jährige, im Hauptberuf Maschinenführer. Ein bisschen Idylle sei verloren, auch störe hin und wieder der Baulärm. Aber die neue Nachbarschaft habe auch Vorteile. Denn seitdem nebenan Betrieb ist, habe es keine Einbrüche mehr gegeben. Noch vor zwei Jahren, als man fernab der nächsten Wohnhäuser lag, seien sämtliche Lauben aufgebrochen worden – freilich ohne große Beute. Darüber hinaus sei es doch ratsam, dass es auch in Wohngebieten Grünflächen und Natur gebe, und die erhalte der Verein auf dem 8 000 Quadratmeter großen Areal schließlich. Und dann ist da ja auch das Thema Nachwuchs: Anders als von den „freien Nachbarn“ behauptet, stünden einige wenige Lauben aufgrund der „natürlichen Fluktuation“ leer – weil nebenan gebaut werde, habe niemand seine Parzelle verkauft. Stattdessen würden schon jetzt viele neue Anwohner fragen, ob was frei sei. Gerade einmal 84 Euro pro Jahr zahle man Pacht für die mitunter mehr als 200 Quadratmeter großen Gärten. Wer da nebenan im Doppel- oder Mehrfamilienhaus wohne, greife gerne zu.

Der „Heideblick“ bleibt – wenn auch nur im Namen des Kleingartenvereins. Die Parzellen werden umzingelt, doch Kassenwart Lehnhoff spricht für das gallische Dorf im Rotenburger Bauplan: „Wir machen, was wir wollen.“ Das, was um sie herum passiert, können die Kleingärtner eh nicht mehr verhindern. Genauso wenig wie der nicht mehr ganz neue Bürgermeister, der Stockforthsweg nie wollte und jetzt den zweiten Bauabschnitt einleitet: „Wenn es einmal durch ist, dreht auch Weber das Rad nicht wieder zurück.“

Politik und Verwaltung suchen Lösung

Der Stockforthsweg bleibt ein Streitthema. Dass die zweite Ausbaustufe unter dem Namen „An der Rodau“ kommen soll, ist politischer Konsens. Die Nachfrage nach Baugrundstücken sei mit rund 170 Bewerbern weiterhin sehr hoch, das rund vier Hektar große Gebiet am besten geeignet von allen aktuellen Rotenburger Potenzialflächen. Im Norden soll in voraussichtlich zwei Blöcken Geschosswohnungsbau umgesetzt werden – 22 bis 26 Wohneinheiten wären möglich. Davor gelagert wäre außerdem Platz für Reihenhäuser. Der Rest der Fläche steht für 15 Einfamilienhäuser beziehungsweise Doppelhäuser zur Verfügung, Grundstücksflächen von jeweils 640 Quadratmetern seien möglich, dazu 26 mit jeweils 510 Quadratmetern.

Auch wenn der Ausschuss für Planung und Hochbau den Flächennutzungs- und Bebauungsplan einstimmig auf den Weg gebracht hat, gibt es in der Politik noch großen Gesprächsbedarf. Insbesondere, dass die Reihen- und Mehrfamilienhäuser anders als im ersten Bauabschnitt im nördlichen Teil angesiedelt werden sollen und dann an die extrem hochpreisigen, teils noch nicht verkauften Grundstücke angrenzen, stößt manchem sauer auf. Mit der Stadtplanung und den interessierten Bürgern soll eine Lösung gefunden werden, hieß es am Montag parteiübergreifend. Und auch die Kleingärtner sollen diesbezüglich eingebunden werden.

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